Pfarrer Manfred Senft: "Zusammen wachsen" - Predigt gehalten bei einem ökumenischen Gottesdienst am 30. September 2018 im Garten des Obst- und Gartenbauvereins Dietzenbach

Liebe „ökumenische“ Gemeinde, als wir zur Vorbereitung des Projektes „zusammen wachsen – ein ökumenisch-geistlicher Weg“ zusammensaßen, in ökumenisch vertrauter Runde, wurde ich gebeten die Predigt zu übernehmen – ein letztes Mal bei „Keine halben Sachen“. Dazu drei Vorbemerkungen:

Erstens - ich predige nicht über das „Zusammenwachsen“ in einem Wort geschrieben, ich sage nichts zum Miteinander von evangelisch und katholisch, ich entfalte keine Dietzenbacher Thesen zur Ökumene. Es geht um das zusammen wachsen – getrennt geschrieben, um den geistlichen Weg, um das Wachsen im Glauben.

Zweitens – alles, was ich sage, predige ich auch mir selbst, gilt in gleicher Weise auch für mich.

Drittens – ich sage heute nichts Neues, vermutlich vieles, wenn nicht gar alles haben sie schon einmal gehört, vielleicht auch schon mehrmals zu Ohren bekommen.

Wenn es um das Wachsen im Glauben geht – wissen wir, worauf es ankommt. Wir wissen, was dem Glauben dient – aber wir tun es nicht. Wir wissen, was das Vertrauen in Gott fördert – aber wir setzen es nicht um. Wir wissen, Beichten kann unsere Seele entlasten, aber wir behalten unsere Schuld lieber für uns. Wir wissen, Gottesdienst feiern in der Gemeinschaft stärkt uns, aber wir gehen sonntags lieber ins Restaurant zum Brunch. Wir wissen, beten, insbesondere danken und loben erfüllt uns mit Freude und Zuversicht, aber wir nehmen uns keine Zeit für Gott. Wir wissen, was wichtig ist, aber wir tun es nicht – oder nicht konsequent genug.

Am Ende seines Weges auf Erden holt Jesus seine Jünger zusammen. Er weist ihnen ein letztes Mal den Weg. Er nordet sie ein und sagt zu ihnen: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

Mir kommt es auf ein Wort an – lehret sie halten. Es geht nicht nur um das Lehren, sondern: Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Lehren ist wichtig – keine Frage. Aber entscheidend ist es, die Lehre im Leben umzusetzen, von der Theorie zur Praxis zu kommen, die Lehre zu füllen, mit Leben, im Alltag. Schlicht gesagt – wer geistlich wachsen will,  braucht tägliche Übung. Es braucht tägliches Training.

Jeder, der Sport treibt, weiß – wenn ich ein bestimmtes Ziel erreichen will, muss ich trainieren. Jeder, der ein Instrument spielt, weiß - wenn ich ein bestimmtes Werk spielen will, muss ich üben. Ich vermute, die Spitzenpianistin Nami Ejiri übt jeden Tag mehrere Stunden auf ihrem Klavier. Unser ältester Enkel Frederik lernt seit einem halben Jahr Klavier. Im Mai waren wir mit der Großfamilie im Urlaub. Abends gehen wir mit allen in einer Häckerwirtschaft essen. Während sich alle unterhalten und die anderen Enkel spielen, sitzt Frederik mit seinem Vater am Tisch und übt mit den Fingern einen bestimmten Takt zu klopfen. Ich fand das ziemlich hart für den Kleinen. Aber sein Vater, also mein Sohn, sagt: erstens muss er täglich und regelmäßig üben. Vor allem muss er üben sich zu konzentrieren, auch wenn um ihn herum Ablenkung herrscht. Ziemlich streng.

Ob Ignatius von Loyola ein Musikinstrument gespielt hat, weiß ich nicht. Mit Sport hatte er vermutlich nichts am Hut. Ignatius lebte zunächst als Soldat. Das hat ihn geprägt. Der Jesuitenorden, den er mitbegründet hat, legt besonderen Wert auf Disziplin und Gehorsam, die Ordensregeln orientieren sich an militärischen Vorschriften. Vor diesem Hintergrund entwickelte er die Exerzitien. Geistliche Übungen, in denen der einzelne im Gebet und in der Stille sein Leben und das Leben Jesu betrachtet. Letztlich geht es um eine Vertiefung der Christus-Beziehung.

Disziplin und Gehorsam – Begriffe, die im Leben der Kirche heute nicht gerade en vogue sind. Andres die Senioren, die jede Woche dreimal regelmäßig ins Fitness-Studio gehen, um zu trainieren und ihre Gesundheit zu erhalten. Die sind diszipliniert bis zum Anschlag.

Wenn wir bei dem Wort Gehorsam auf den militärischen Bezug verzichten, geht es um nichts anderes als um das Horchen, um das Hören. Vor zwei Jahren habe ich an 10-tägigen Schweigeexerzitien nach Ignatius von Loyola teilgenommen. Der Tag begann um 6.30 Uhr mit einem Abendmahlsgottesdienst. Zugegeben: den Tag mit einem Schluck Wein zu beginnen, ist schon gewöhnungsbedürftig. Aber dahinter steht der Gedanke: Bevor das Müsli oder das Brötchen verzehrt wird, soll man/frau schmecken, wie freundlich der Herr ist. Und: das Erste, das wir am Tag hören sollen, soll Gottes Stimme sein. Dem entspricht im evangelischen Bereich der Gebrauch der täglichen Losungen. Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf ging frühmorgens in Herrenhut von Tür zu Tür und rief den Leuten einen Bibelvers zu.

Geistliche Übungen vollziehen sich in der Stille. So haben wir in den zurückliegenden Wochen auch versucht, täglich 30 Minuten in die Stille zu gehen. Ich vermute – es war alles andere als einfach. Im Kloster oder bei einer Kommunität – da gelingt es, da sind wir dem Alltag entzogen. Aber hier in Dietzenbach im Trubel des täglichen Hin und Her bedeutet es eine echte Herausforderung.

Doch es geht nicht ohne die Stille. Gott teilt sich nicht im Lärm der Straße mit. Er arbeitet nicht mit Verstärker und Lautsprecher. Am deutlichsten erkennen wir es bei dem Propheten Elia. Er befindet sich auf dem Berg Horeb. Da kommt ein Sturm auf, aber der Herr ist nicht im Wind. Nach dem Wind kommt ein Erdbeben. Aber der Herr ist nicht im Erdbeben. Auch nicht im Feuer. Dann kommt ein stilles sanftes Säuseln und der Herr spricht mit Elia.

Auch Jesus zieht sich immer wieder in die Stille zurück. In der Stille hält er Zwiesprache mit seinem himmlischen Vater. Wenn er sich wieder den Menschen zuwendet, spricht er ganz häufig über das Wachsen. Viele seiner Gleichnisse sind Wachstumsgeschichten. Das Senfkorn ist das kleinste unter den Samenkörnern. Doch wenn es gesät ist, geht es auf, wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, dass die Vögel unter seinem Schatten wohnen können. Ein Mensch wirft Samen aufs Land und schläft und steht auf, Tag und Nacht. Und der Samen geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht. Und im Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld (Mk 4, 3-20; Mt 13, 3-20; Lk 8, 5-15) wird zwar manche Saat von Vögeln gefressen, oder verdorrt oder wird von Dornen erstickt, aber einiges fiel auf gutes Land, ging auf, wuchs und brachte Frucht, einiges dreißigfach, einiges sechzigfach und einiges hundertfach. Das Ergebnis ist überwältigend, der Ertrag der Ernte ist enorm.

Mit diesen Gleichnissen sagt uns Jesus: Gott kommt mit dir ans Ziel. Es mag klein und unscheinbar beginnen, aber Gott lässt wachsen. Es mag auf dem geistlichen Weg Dürre und Dornen geben, aber Gott wird reiche Ernte schenken. Gott kommt mit dir, mit uns ans Ziel. Diese Zusage steht über unserem Leben. Diese Verheißung gilt unserem Glauben.

Geistliches Wachstum können wir nicht machen, können wir nicht produzieren, so wie man einen Kuchen backt. Wer an den Halmen zieht, damit sie schneller wachsen, macht sie kaputt. Wachstum liegt in Gottes Händen. Doch wir können den Boden bereiten, können säen. Ich möchte Ihnen ein Wort des Schriftstellers Gorch Fock mitgeben, auch wenn es aus einem anderen Zusammenhang stammt: Gottes sind Wogen und Wind, Segel aber und Steuer, dass ihr den Hafen gewinnt, sind euer.

Auch wenn wir manchmal viel Wind machen, diesen Wind können wir nicht machen. Aber wir können die Segel setzen, wenn Gott es wehen lässt.

Drei Empfehlungen im Blick auf geistliches Wachstum: 1.) Gottes Stimme soll den Tag eröffnen. Lassen Sie sich von ihrem I-Phone oder Smartphone am Beginn des Tages mit der Losung begrüßen. Wenn sie analog unterwegs sind, greifen sie zu dem Losungsheft. 2.) Verabreden sie sich mit Gleichgesinnten. Lesen sie in der Bibel und teilen sie ihre Entdeckungen und Erfahrungen. Real, digital oder virtuell. Verabredungen helfen dran zu bleiben und durchzuhalten. 3.) Nehmen sie sich wenig vor, aber das richtig und konsequent.

Und vergessen Sie nicht die Zusage: Gott kommt mit dir ans Ziel!

"Das Licht des Himmels und der Erde" - Ansprache des ARD-Sprechers Horst Schäfer am 18.Dezember 2014 im Kreishaus in Dietzenbach anlässlich der Friedenslichtaktion Betlehem 2014

Friedenslicht 2014














 

 

Sehr geehrte Freunde des Lichts und Förderer des Lichtgedankens,

Friede sei mit Euch – Shalom – Salam.

ich überbringe hiermit einen Friedensgruß der Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach, der von allen angeschlossenen Religionsgemeinschaften mitgetragen wird. Der Arbeitsgemeinschaft gehören an:

-          die evangelische Christus-Gemeinde,

-          die evangelische Martin-Luther-Gemeinde,

-          die katholische Pfarrgemeinde St.Martin,

-          die freie evangelische Jesus-Gemeinde,

-          die Neuapostolische Kirchengemeinde,

-          die türkische DITIB Fatih-Moscheegemeinde,

-          die marokkanische Tawhid-Moscheegemeinde, und

-          die pakistanische Ahmadiyya-Muslim-Jamaat,

Alle Religionen verbindet - neben ihrer häufigsten Herkunftsregion des Nahen Ostens - das Licht.

Das Ner Tamid ist ein ewiges Licht, welches in Synagogen vor dem Thora-Schrein brennt. Die Einrichtung des Ner Tamid in der Synagoge ist eine symbolische Erinnerung an die Menora, den siebenarmigen Leuchter, der ständig im Jerusalemer Tempel brannte. Das Ner Tamid wird im Talmud (2. Moses 27, 20 und 3. Moses 24, 2) als Symbol der ständigen Gegenwart Gottes im Volk Israel interpretiert oder als das geistige Licht, das vom Tempel ausstrahlte. „Das Gesetz ist eine Lampe und die Thora ein Licht“ (Sprüche 6:23).

Daneben gibt es im Judentum noch das Licht des acht- oder neunarmigen Chanukka-Leuchters, dessen Kerzen aber nur beim Chanukka-Fest angezündet werden. Das Chanukka-Fest feiert die Wiedereinweihung des Tempels nach dem erfolgreichen Aufstand jüdischer Freiheitskämpfer gegen die Monarchie der Seleukiden. Ein Sieg des Lichts gegen die Unterdrückung.

Im Alten Testament lesen wir in der Schöpfungsgeschichte, wie Gott das Licht erschaffen hat. An weiteren Stellen, vor allem in den Psalmen (78:14, 85:9ff) und beim Propheten Jesaja (8:21ff, 9:1, 26:9, 49:18, 60:1, 66:12) findet man Aussagen über die Bedeutung des Lichtes. Im Johannes-Evangelium (8:12) und in den Briefen des Johannes wird auf Jesus, das Licht der Welt, hingewiesen.

Das Licht im Christentum symbolisiert Gott und seinen Mensch gewordenen Sohn Jesus. Dies zeigt sich zum einen an der Vielfalt der Kerzen, die im Gottesdienst und bei den Sakramenten eine Rolle spielen. Zum anderen findet man zahlreiche Stellen im Alten und Neuen Testament, in der auf die Bedeutung von Licht eingegangen wird: „Gott ist Licht“ (Psalmen 78:14), „Jesus ist das Licht der Welt“ (Joh.8:12) und „wir sollen unser Licht nicht unter einen Scheffel stellen“ (Markus-Evangelium 4:21, und Matthäus-Evangelium (5:15-16)

Das Licht spielt auch im Islam eine außerordentlich große Rolle. Die Geburt des Propheten Mohammed steht unter dem Zeichen des Lichts. Für die Gläubigen ist Gott das Licht. Im Lichtvers des Koran (24:35) heißt es: „….Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne dass das Feuer es berührt hätte. Licht über Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will….“.

Der Herabstieg des höchsten hinduistischen Gottes Vishnu wird begleitet von leuchtenden Sternen, Blitzen und einem überirdischen Glanz. Im Herbst jeden Jahres feiern die gläubigen Hindus das Lichterfest Divali. Kernaussage des Festes ist der Sieg des Guten über das Böse, des Lichts über die Dunkelheit und das Erkennen eigener innerer Stärken.

Der Buddhismus ist zwar eine Religion ohne Gott, ein jenseitiges Paradies gibt es nicht. Dennoch spielt das Licht auch in dieser Lehre eine große Rolle. Schon bei der Geburt Buddhas ist das Licht von Bedeutung. Durch Menschlichkeit und Mitgefühl das Leid zu überwinden, führt zur Erleuchtung, führt zum Licht.

Möge das hier aus Betlehem angekommene Licht alle diejenigen erreichen und erleuchten, die glauben, Menschenrechtsverstöße mit religiösen Auffassungen begründen zu können, und auch diejenigen, welchen bereits die bloße Anwesenheit von Flüchtlingen und friedlicher Andersgläubiger selbst im eigenen Lande Sorge oder gar Furcht bereitet. Und möge dieses Licht auch die Köpfe der politisch Verantwortlichen in Stadt und Land erhellen, mit dem Volk wahrhaftig zu kommunizieren.

Licht erhellt die Dunkelheit. Es will alle – offenen und verborgenen - Gesichter und Gedanken der Menschen erhellen. Es wärmt, verbindet und stärkt so die Gemeinschaft auch über Völker- und Religionsgrenzen hinweg. Das strebt die diesjährige Friedenslichtaktion Betlehem an, die das Motto der „Völkerverständigung“ gewählt hat. Die Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach wünscht diesem Friedenslicht weite Verbreitung und seiner Botschaft die erhoffte und ersehnte Wirkung, nämlich den Frieden zwischen den Völkern, den Religionen, den Menschen. Die Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach trägt auf lokaler Ebene ihren Anteil an der Völkerverständigung, am Weiterbrennen dieses Lichts.

Friede sei mit Euch allen – Shalom für alle – Salam für alle.

Friedenslicht 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stefan Barton - Predigt "Ökumene jetzt" - gehalten am Fest Christi Himmelfaht am 9. Mai 2013 auf dem Roten Platz am Stadtbrunnen in Dietzenbach   

„Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ – eine Frage von zwei Männern in weißen Gewändern aus den ersten Sätzen der Apostelgeschichte – Was soll das? – Der Himmel ist doch meine Richtung – da will ich eines Tages hin – den wünsche ich mir jetzt schon ein Stück weit auf der Erde – den Himmel auf Erden – oder schon mal auf „Wolke 7“ schweben – der Himmel, das ist meine Richtung! Das ist das Ziel meiner Sehnsüchte, meiner Hoffnungen, - Himmel, steht als Chiffre für das, was mich erfüllt und beglückt, für das, was mir Geborgenheit und Heimat schenkt, ohne mich einzuengen, - das steht auch für das, was mich frei sein lässt, - wo ich keine Angst haben muss, es zu verlieren.   Nun scheint es aber auch so zu sein, dass unsere erfahrbare, alltägliche kleine und große Welt mehr als nur Lichtjahre von dem entfernt ist. Von Himmelsklang und Heilserfahrung ist da wenig zu spüren. Die biblische Botschaft spricht von einem neuen Himmel und einer neuen Erde (Offb). Mich rühren diese biblischen Texte über den Himmel an, weil sie eine Sehnsucht in mir wecken, die im Alltag oft genug unterzugehen droht.

Die Bibel will uns Menschen Mut machen und Trost spenden. Sie will Mut machen, an diesem neuen Himmel und dieser neuen Erde zu bauen. Aber was ist damit gemeint? Mit Blick auf die Vielgestaltigkeit der Verkündigung der christlichen Botschaft als ganz unterschiedlichen Kirchen und Gruppierungen, aus den verschiedenen Bekenntnissen und Reformbewegungen – scheint es zu-nächst wichtig, dass wir, die wir uns als „Christen“ verstehen miteinander ins Gespräch kommen und neue Wege der Einheit suchen.

Vor annähernd einem Jahr haben einige engagierte Christen aus den Spitzen unseres Landes im Zusammenhang mit 50 Jahre zweites Vatikanisches Konzil und dem sich schon vorbereitenden 500 Jahre Jubiläum der Reformation 2017 eine neuerliche Erklärung abgegeben: „Ökumene jetzt: ein Gott, ein Glaube, eine Kirche.“ Biblisches Leitwort ist ein Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser: „Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ Weil uns Gott in der Taufe Gemeinschaft mit Jesus Christus geschenkt hat, sind Getaufte als Geschwister verbunden. Sie bilden das Volk Gottes und Leib Christi die eine Kirche, die wir in unserem Credo bekennen. Deshalb ist es geboten, diese geistliche Einheit auch sichtbar Gestalt gewinnen zu lassen.  Mit Blick auf die großen Aussagen von Konzil und Reformationsjubiläum kommen die Verfasser zu dem Schluss: „Wir wollen nicht Versöhnung bei Fortbestehen der Trennung, sondern gelebte Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt.“ Sie schreiben weiter, dass heute die Kirchenspaltung politisch weder gewollt noch begründet sei. Reichen theologische Gründe, institutionelle Gewohnheiten, kirchliche und kulturelle Traditionen aus, um die Kirchenspaltung fortzusetzen?

Das glauben wir nicht! sagen sie und formulieren weiter: Offensichtlich ist, das katholische und evangelische Christen viel mehr verbindet als unterscheidet. Unbestritten ist, dass es unterschiedliche Positionen im Verständnis von Abendmahl, Amt und Kirchen gibt und schließlich entscheidet ist, dass diese Unterschiede die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen. Die Folgen der Spaltung sind groß und werden als schmerzlich empfunden. Die Anstrengungen um die Fortschritte der Ökumene in den letzten Jahrzehnten werden dankbar gewürdigt. Der Appell ist eindeutig: die tatsächlichen Entwicklungen in den Gemeinden vor Ort so zu begleiten, dass die Ökumene nicht in ein Niemandsland zwischen den Konfessionen abwandert, sondern die Trennung unserer Kirchen überwindet.

Der Appell an uns als konkrete christliche Gemeinden vor Ort hier in Dietzenbach ist ebenso eindeutig: Die Ökumene weiter voran zu treiben, kirchliches Leben miteinander zu gestalten, Räume gemeinsam zu nutzen und die organisatorische Einheit anzustreben.  Und schließlich steht am Ende das Bekenntnis der Unterzeichner, als Christen im Land der Reformation sich in einer besonderen Verantwortung zu wissen, Zeichen zu setzen und mit dazu beitragen zu wollen, den gemeinsamen Glauben auch in einer gemeinsame Kirche zu leben. Das wäre nach meiner Auffassung schon ein Stück vom neuen Himmel und einer neuen Erde – wie die Botschaft der Bibel uns Mut machen will und auch trösten will. Und wenn ich die Botschaft der Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium richtig verstehe, dann sendet er uns den Beistand, den Heiligen Geist, damit genau das gelingen kann. Voraussetzung ist aber, dass wir uns dem Wirken des Geistes Gottes öffnen und seinen frischen Wind zulassen in unseren wohlorganisierten Kirchen und pastoralen Strukturen.

DANKREDE von Horst Schäfer für die ARD anlässlich der Verleihung des INTEGRATIONSPREISES des SPD-Ortsvereins Dietzenbach am Dienstag, 29. Januar 2013 im Bürgerhaus des Stadt Dietzenbach

Sehr geehrte Mitglieder des SPD-Ortsvereinsvorstandes,sehr geehrte Freunde und Zweifler am friedlichen Zusammenleben der Kulturen und Religionen in Dietzenbach,

ich möchte meiner Dankrede für die ARD ein paar Fakten vorwegschicken:

- In Dietzenbach leben Menschen - in allen Generationen - aus fast allen Kulturen und Religionen der Welt. Der Anteil der muslimischen Mitbürger ist inzwischen auf 20 – 25 % gestiegen.

- An Dietzenbacher Grundschulen lernen zuweilen über 90 % SchülerInnen mit Migrationshintergrund, vielfach muslimischen Glaubens.

- In Dietzenbach gibt es seit über drei Jahrzehnten muslimische Gemeinden.

- Der Arbeitsgemeinschaft der Religionen gehört - in der Summe - der weit überwiegende Teil der Bevölkerung von Dietzenbach an.

Man konnte in den beiden letzten Jahrzehnten in Dietzenbach immer wieder heftige Diskurse über Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen erleben, und immer wieder spielten dabei die Religionen eine Rolle. Ein paar Beispiele:

- Nahezu systematisch wurden alle Moscheebauvorhaben aller 3 großen muslimischen Gemeinden bekämpft.

- Die Benennung einer Fußgängerbrücke nach dem ersten muslimischen Nobelpreisträger Abdus Salam wurde alleine deshalb bekämpft, weil er ein Ahmadi-Muslim ist.

- Ein Beschluß der Stadtverordnetenversammlung zum Bau eines orientalischen Brunnens im Fachmarktzentrum wurde aufgehoben, weil er Muslime hätte anziehen können.

- In den Kindertagesstätten wurden bindend – inzwischen schon 3 mal ausgewechselt – Portraits der deutschen Bundespräsidenten aufgehängt, damit insbesondere muslimische Kleinkinder den richtigen und politisch korrekten Personenkultus lernen.

Die Dietzenbacher Religionsgemeinden haben also immer wieder erfahren:

- Beschränkungen des grundgesetzlich verbrieften Rechts auf  Religionsfreiheit,

- die Instrumentalisierung der Religionen durch die Lokalpolitik,

- das öffentliche Gegeneinander-Ausspielen der Religionen, und

- Belastungen und Polarisierungen des gesellschaftlichen Klimas in der Stadt auch durch diese Diskurse.

Daraus erkannten die Religionsgemeinschaften, dass die freie Religionsausübung letztlich aller Religionsgemeinschaften betroffen ist und sie sich gegen diese Benutzung durch Politik und Bürokratie wehren müssen. Die Geschichte der Gründung der ARD ist Ihnen allen bekannt.

Dies führte dann zu dem Anstoß und Impuls, welche Johannes Rau in seiner berühmten Berliner Rede im Jahre 2000 so formulierte: Wir müssen handeln – und zwar ohne Angst und Träumereien.

Schnell wurde den ARD-Teilnehmern aber auch klar, dass auf dieser lokalen Ebene keine theologisch-dogmatischen Streitgespräche zu führen sind. Das untersagen die Führungsebenen aller Religionsgemeinschaften. Aber die ARD-Teilnehmer haben sich immerhin verpflichtet:

- zur Anerkennung der Gedanken- , Gewissens- und Religionsfreiheit in der alleinigen Fassung des Art.18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen: Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.

- zur Achtung des Grundgesetzes und der darin garantierten positiven wie negativen Religionsfreiheit;

- zum Verbot jeder Form von Diskriminierung aufgrund der Religion, des Geschlechts, der Hautfarbe, der Kultur, der Herkunft und des sozialen Status;

- zur Abwägung der Religionsfreiheit mit konkurrierenden Grundrechten in säkularem Staats- und Rechtsverständnis;

- zum Recht auf freie Meinungsäußerung, die die Integrität desAndersgläubigen achtet;

- zur respektvollen Kooperation, die die jeweilige Eigenständigkeit und dasExistenzrecht der Religionsgemeinschaften und Gemeinden akzeptiert;

- zur Bereitschaft, Gemeinsamkeiten zu suchen und Unterschiede zu achten;

- zum Verzicht auf Missionierung im Sinne des Drängens zum Religionswechsel (Kein Zwang im Glauben, Koran 2:256);

- zum Verzicht auf jegliche Formen des religiösen Fanatismus und der Intoleranz;

- zur Gewaltfreiheit im Umgang mit Konflikten;

- zum Respekt auch vor Atheisten, Agnostikern, Apostaten und Nonkonformisten;  

Und Aufgaben der ARD sollten zum Beispiel sein:

- die kontinuierliche und verlässliche Begegnung insbesondere der Führungspersonen der Gemeinden, Stellungnahmen zu Sakralbauvorhaben und zu Auftritten extremistischer demagogischer Religionsprediger in der Stadt,

- die Planung von öffentlichen Veranstaltungen etwa zum Thema Friedenserziehung für Schulkinder, zum Thema Ehrfurcht vor dem Alter in den verschiedenen Religionen, zum Thema Verhinderung der religiösen Radikalisierung Jugendlicher.

- die Organisation, Durchführung und Etablierung von gemeinsamen öffentlichen Friedensgebeten,

- die Teilnahme am auch politischen Willensbildungsprozeß wie etwa die Einforderung von Sitzen für die muslimischen Gemeinden im Seniorenbeirat oder an den Sitzungen zur Formulierung eines Integrationskonzeptes für die Stadt, Kooperation auch mit dem Ausländerbeirat, etc.

Die Aufgaben, die sich die ARD gestellt hat, sind deshalb wichtig, weil man nicht zulassen darf, dass Menschen entgegen dem Auftrag ihrer Religionen die Gesellschaft spalten. Die ARD will mit all diesen Aufgaben helfen, Unsicherheit und Angst zu überwinden und Einstellungen zu Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt zu überwinden, am besten zu verhindern. Sie will um Verständnis werben für kulturell und religiös begründete unterschiedliche Verhaltensweisen der MitbürgerInnen. Sie möchte durch Schaffen von Begegnungsmöglichkeiten von Menschen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften Bedrohungsängste abbauen helfen, die Neugier auf Andersgläubige wecken, Miß- und Unverständnisse über Andersgläubige beseitigen helfen, ein langsames Miteinander-Vertrautwerden fördern, die Kraft zum Aushalten unterschiedlicher Glaubensantworten stärken, letztlich zur Einsicht verhelfen, dass der/die Andersgläubige ein Individuum mit häufig ähnlichen sozialen Problemen ist wie man selbst und – wie Du und ich – an das liebe Gott glaubt, wie das kürzlich eine bekannte Bundespolitikerin aus Wiesbaden formuliert hatte. Über den korrekten Artikel für den lieben Gott muß ich mich aber von den Fachleuten in der ARD noch beraten lassen.

Die ARD wirbt für eine aktive Toleranz. Das bedeutet zum einen neugierige, anerkennungsbereite und verständigungsorientierte  Gespräche mit den Fremden, mit den Anders- und auch mit den Nicht-Gläubigen, aber ebenso die Bereitschaft, Erfahrungen und Tätigkeiten mit den anderen zu teilen. Dabei versteht die ARD Religion als Grundbaustein menschlichen Lebens.

Selbstverständlich verkennt die ARD nicht, dass mit falsch verstandener Ausländerfreundlichkeit Probleme und Konflikte nicht überwunden werden können, die nun mal entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben.

Vaclav Havel, der große tschechische Schriftsteller und gute ehemalige Präsident Tschechiens, hat in seinen – im kommunistischen Gefängnis geschriebenen – „Briefen an (seine Ehefrau) Olga“ den großartigen Satz geschrieben: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht; Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Hoffnung ist also nicht, dass sich jemandes Wünsche erfüllen. Wünsche sind keine Hoffnung. Hoffnung ist auch nicht, dass etwas so läuft, wie man es sich vorstellt. Pläne sind auch keine Hoffnung. Hoffnung hat nichts zu tun mit dem, was man sich so ausdenkt und was man vorhat. Hoffnung ist mehr. Hoffnung ist, wenn ich Sinn erwarte. Vielleicht nicht heute oder morgen, womöglich noch nicht einmal in 2 oder 5 Jahren. Sinn braucht manchmal lange, leider. In dieser Wartezeit bleibt nur die Hoffnung. Richtige Hoffnung, mit der Einsicht, dass ich solchen Sinn nicht erzwingen kann. Aber: Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Von solcherart – langfristig angelegter - Hoffnung ist auch die ARD getragen. Und solche Hoffnung möchte auch die ARD in Dietzenbach beleben:

- die Hoffnung auf einen dauerhaften gleichberechtigten, friedlichen, vorurteilsfreien, verträglichen, respektvollen, aber auch kritischen Meinungsaustausch zwischen Menschen

- die Hoffnung auf vertrauensvolle Begegnung und wohlwollende Zusammenarbeit im Alltag,

- die Hoffnung auf das bessere Kennenlernen und Verständnis des Andersgläubigen und auch des Nicht-Gläubigen.

In der Ehrung der ARD mit dem Integrationspreis des SPD-Ortsvereins Dietzenbach, in der öffentlichen Anerkennung ihres Wirkens sieht sich die Arbeitsgemeinschaft genauso wahrgenommen wie sie es erhofft hat, nämlich mit dem Streben nach aktiver Toleranz und wohlwollendem Ausgleichen. „Versöhnen statt spalten“, nannte das Johannes Rau. Die Bundesfamilienministerin hätte sicher noch ergänzt: Vertöchtern statt spalten. Die Arbeitsgemeinschaft freut sich über diese Ehrung sehr.

Ich danke Ihnen namens der ARD für diese - auch anspornende - Würdigung.

Uwe Handschuch: "Respekt der Religionsstifter aus der Perspektive des Christentums" - Ansprache am 28. November 2012 in der Bait-ul-Baqi-Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde Dietzenbach zum "Tag der Religionsstifter"

Herzlichen Dank für die freundliche Einladung zu diesem Abend. Danke, dass Sie hier Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammengebracht haben.

„Respekt gegenüber Religionsstiftern“ aus christlicher Sicht. Nun, Ich könnte es Ihnen und mir jetzt einfach machen. Ich könnte behaupten, dass das nicht unser und nicht mein Problem ist: wir sind ja ohnehin "die Guten", zum Beispiel weil allein die Tatsache, dass wir hier sind, für uns spricht. Aber ich glaube nicht, dass es so einfach ist, und deshalb möchte ich das Thema problematisieren.

Was ist eigentlich Respekt? Das allwissende Wikipedia sagt dazu: „Respekt (lateinisch respectus „Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung“, auch respecto „zurücksehen, berücksichtigen“) bezeichnet eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einem anderen Lebewesen (Respektsperson) oder einer Institution. Eine Steigerung des Respektes ist die Ehrfurcht, etwa vor einer Gottheit."

Und wir sehen schon an dieser Bandbreite, dass unter dem Wort „Respekt“ unterschiedliches verstanden werden kann. Zumal Respekt offenbar keine theoretische Angelegenheit ist, sondern eine Art Nagelprobe für die Praxis des Zusammenlebens. Es geht da nämlich um so numinose und nicht so genau festzulegende Dinge wie Glauben, Gefühle, eigene Unsicherheiten, Befindlichkeiten, Selbstbewusstsein, Zweifel, Öffentlichkeit, Stolz, usw. - und genau dadurch wird die Sache mit dem Respekt nicht einfacher.

Ich habe da als Christ ja schon meine Probleme mit dem Begriff „Religionsstifter“ im Titel dieser Veranstaltung: In meinem Falle soll wohl „Jesus“ damit gemeint sein. Aber Jesus Christus ist für uns Christen gerade kein Religionsstifter, sondern die Religion selbst. Mag es für Muslime anstößig sein, wenn sie „Mohammedaner“ genannt werden, ist das bei Christen ganz offenbar anders: Christen nennen sich und ihre Religion nach Christus. Ich glaube also nicht Jesus Christus und seiner Botschaft; ich glaube an Jesus Christus, Er ist nämlich die Botschaft in Person. Und das halte ich schon für einen entscheidenden Unterschied zu anderen „Religionsstiftern“.

Das hat auch Konsequenzen im Hinblick auf die Frage nach dem Respekt: Denn alles, was gegen Jesus Christus oder über Jesus Christus durch andere Religionen gesagt und gelehrt wird, kann für Christen damit sofort den Charakter der Gotteslästerung haben. Wenn Jesus Christus im Islam als Prophet gilt, dann mag das zwar auf der einen Seite durchaus eine Wert- und Hochschätzung ausdrücken, für mich als Christen stellt es aber eher eine deutliche Geringschätzung des Sohnes Gottes dar. Und wenn Muslime behaupten, dass Jesus gar nicht am Kreuz gestorben ist, sondern seinen Lebensabend in Indien und / oder Kaschmir verbracht hat, dann trifft das genau in das Zentrum meines Glaubens und meiner religiösen Gefühle, die dadurch verletzt werden können. Umgekehrt verhält es sich offenbar mit der christlichen Lehre von der Trinität: Die Dreieinigkeit des Einen Gottes in Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligem Geist stellt für Juden und Muslime wahrscheinlich ebenfalls eine Form von Gotteslästerung dar.

Ich denke, das macht deutlich, dass die Diskussion um „Respekt für Religionsstifter“ sehr vielschichtig ist – und dass man bei diesem Thema auch als frommer und friedfertiger Mensch seine Hände gerade nicht in Unschuld waschen kann: Mein Glaube widerspricht dem, was ein anderer glaubt, und das kann jenen verletzen und mir als Respektlosigkeit ausgelegt werden.

Es sind ja auch, systematisch gesehen, mehrere Personen daran beteiligt. Zum einen gibt es da die Person, um die es geht, also den sogenannten „Religionsstifter“. Zum anderen ist da die Person, die zu dem Religionsstifter in einem besonderen, positiven Verhältnis steht, also der „Gläubige“; zum dritten die Person, die sich als Außenstehende zu dem Religionsstifter auf irgendeine Art und Weise äußert, also der „Ungläubige oder Kritiker“; und zum vierten gibt es da all die Personen, die dieses Geschehen mittel- wie unmittelbar mitbekommen, also die „Öffentlichkeit“.

Ich will das einmal durchdeklinieren an einem Religionsstifter, der zwar nicht Gegenstand meines Glaubens ist (ich glaube also nicht an ihn), dennoch aber aus historischer und soziologischer Sicht durchaus als Stifter meines Zweiges der christlichen Religion gelten kann und für meine Gemeinde eine besondere Rolle spielt, weil sie sogar nach ihm heißt: Martin Luther.

Martin Luther lebte vor 500 Jahren, von 1483 – 1546 nach Christi Geburt. Er war Mönch, Priester, Theologe – in dieser Reihenfolge, und er sorgte mit seinem Protest gegen seine Kirche, mit seinen theologischen Schriften und vor allen Dingen mit seiner Bibelübersetzung für eine raumgreifende Veränderungsbewegung innerhalb der römisch-katholischen Kirche, der sogenannten „Reformation“, die dann schließlich zur Trennung und zu den verschiedenen evangelischen Kirchen unserer Zeit führte.

Martin Luther war zweifelsfrei eine historische Figur, ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er wurde geboren wie wir, und ist gestorben wie wir alle eines Tages einmal sterben werden. Ich, als evangelischer Theologe, verehre ihn wegen seiner unglaublichen Lebensleistung; ich bewundere seinen Mut, sich gegen die Übermacht des Papstes und der weltlichen Obrigkeit dafür eingesetzt zu haben, dass der einzelne Christenmensch einen unverbauten und unvermittelten Zugang zu Gott und zum Heil bekommen kann. Luther hat das religiöse Individuum entdeckt, (deshalb spricht heute Abend zu Ihnen auch nicht die evangelische Kirche, sondern der Gemeindepfarrer Uwe Handschuch). Luther hat die Bibel zurück in das Leben der Christen geholt, und er hat durch seine konsequente Lehre vom Priestertum aller Gläubigen gezeigt, dass es aus religiöser Sicht keine verschiedenen Klassen und Rangstufen in puncto Geistlichkeit und Heiligkeit mehr geben kann. Das finde ich toll!

Ich weiß aber auch, dass Luther gerade im Alter ein ekelhafter Antisemit wurde, dass er mit seinen Formulierungen und seinem Eifer andere sehr tief verletzen konnte. Für meinen Geschmack drückte er sich viel zu häufig viel zu derb aus. Und sowohl bei den Bauernkriegen als auch bei den Auseinandersetzungen mit den Wiedertäufern hat er meines Erachtens versagt, als er sich zu deutlich auf die Seite der regierenden Fürsten stellte. Zudem ist er mittelbar für einen der schrecklichsten Kriege in Deutschland verantwortlich (den dreißigjährigen Krieg) und auch für die schon Jahrhunderte währende Spaltung der Christenheit.

Sie sehen: „Mein Religionsstifter“ ist für mich als Protestant kein Heiliger, er ist nämlich als Mensch für mich gerade nicht sakrosankt. Ich bewundere diesen Menschen, dazu gehört aber auch, dass ich auch seine negativen Seiten nicht aus dem Blick nehme. Und wenn sich ein Außenstehender negativ über diesen Menschen äußert, dann weiß ich, dass es dafür genug Gründe gibt. Und bei Luther war das gerade schon zu Lebzeiten so. Wenn Sie einmal die Gelegenheit haben, sich im Internet oder in einem Museum die Karikaturen aus der Reformationszeit anzuschauen (Ja, religiöse Karikaturen haben in unseren Breiten eine über fünfhundert Jahre lange abendländische Tradition!), dann sehen Sie, dass beide Seiten alles andere als zimperlich miteinander umgegangen sind: Luther wurde damals von seinen Gegnern als verfressenes, versoffenes Mönchlein dargestellt, und die Evangelischen verteufelten dafür den Papst in Rom inklusive Hörner und Hufen.

Natürlich tut es mir als Evangelischen weh, wenn sich andere über den Namensgeber meiner Gemeinde negativ äußern, lustig machen oder seinen Namen in den Schmutz ziehen. Und noch mehr schmerzt es mich, wenn das gegenüber Jesus Christus geschieht. Aber wundern und überraschen tut mich das nicht wirklich. Denn die Respektlosigkeit gerade gegenüber der zentralen Person meines Glaubens gibt es von Anfang an und liegt meines Erachtens gerade im Wesen von Religion an sich begründet. Religion ist ja eben nie unmissverständlich, Religion handelt nämlich von Gott, der alles Verstehen übersteigt – und zwar auch für die Menschen, die an ihn glauben. Wie soll das dann einer verstehen, der nicht glauben kann?

Schon der Apostel Paulus machte deutlich, dass die Botschaft vom gekreuzigten Gott für die griechische Intelligentia seiner Zeit eine Torheit ist und für seine jüdischen Zeitgenossen einen Skandal darstellt (1. Korinther 1,23). Und das Neue Testament schildert das ganz plastisch. Das Kreuz ist der Ort, an dem Jesus Christus nackt und bloß und in aller Angreifbarkeit hing und von allen Seiten verspottet und verhöhnt wurde: von den machthabenden Römern, von den einflussreichen Juden, von all den Schaulustigen und sogar von den mit ihm gekreuzigten Verbrechern. Ein Jude am Holz – das ist unmöglich; ein Gott, der stirbt, das ist dämlich. Und er lässt das auch noch alles mit sich geschehen! Für mich als Glaubenden, ist genau das aber ein deutliches Zeichen der Glaubwürdigkeit von Jesus Christus: wie er nämlich seine Botschaft von der Nächstenliebe und der Feindesliebe sogar an dieser Stelle durchhält. Und wie demonstrativ nahe mir genau an dieser Stelle Gott in meinem eigenen Leid sein will und sein kann.

Aber ich kann durchaus verstehen, dass es Menschen gibt, die das nicht verstehen können und wollen, und die das aus meiner Perspektive missverstehen. Als Nachfolger Christi, als Mensch, der in Seinen viel zu großen Fußstapfen laufen will, versuche ich aber auch deren Respektlosigkeiten zu ertragen. Denn ich weiß: Es ist nicht meine Aufgabe Gott gegen diejenigen zu verteidigen, die ihn verlästern - das kann und könnte Gott mit Sicherheit viel besser selbst. Es ist erst recht nicht meine Aufgabe, für einen Menschen, der schon 466 Jahre oder 1380 Jahre tot ist, vor Gericht zu ziehen oder gar seine Lästerer zu töten, um die Ehre dieses längst Verstorbenen wiederherzustellen.

Was ich kann, darf und vielleicht auch soll, das ist: Aufschreien, weil meine Glaubensgeschwister und auch ich selbst in unseren religiösen Gefühlen verletzt werden; Streiten, um mit Worten und Argumenten den Respektlosigkeiten zu begegnen. Und Warnen, dass der öffentliche Friede und das friedliche Zusammenleben von Menschen gestört wird, wenn die einen sich auf Kosten der anderen auf aggressive Art und Weise respektlos erweisen und nur die Verletzung des anderen im Blick haben.

Ich wehre mich als Christ aber bewusst gegen eine merkwürdige Auffassung von Stärke: Wenn reflexartig immer gleich entweder die Massen mobilisiert, die mediale Öffentlichkeit eingeschaltet oder die Mühlen der Justiz bemüht werden, um einen Lästerer in die Schranken zu weisen und mundtot zu machen; dann frage ich mich: Ist das wahre Stärke? Gibt das Zeugnis von einem fest gegründeten Glauben? Was ist Stärke: Auszuhalten oder zurückzuschlagen?

Und ich frage bewusst überspitzt: Liegt nicht die größte Gotteslästerung auf meiner Seite, wenn ich meinem Gott nicht zutraue, dass er sich selbst seiner Gegner zu erwehren weiß? Vielleicht will ja Gott aber die Freiheit seiner Menschenkinder so sehr, vielleicht will er ja sogar so sehr „keinen Zwang in der Religion“, dass er sich selbst sogar die Feindschaft und Respektlosigkeit von Menschen gefallen lässt?!

Ich für meinen Teil möchte lieber in einer Gesellschaft leben, in der es eine denkbar weite künstlerische Freiheit gibt und die Freiheit, sich auch polemisch und negativ zu religiösen Themen und Figuren des Glaubens äußern zu dürfen, als in einer Gesellschaft, in der ein unbedachtes Wort oder ein falsches Bild dazu führt, dass ich um mein Leben fürchten muss. Die Geschichte der Menschheit lehrt mich nämlich, dass Täter und Opfer da ganz schnell wechseln können.

Gerade da haben meines Erachtens in jüngerer Vergangenheit einige Muslime sich und ihrem Religionsstifter einen Bärendienst erwiesen: Wenn meine Antwort auf eine Karikatur des Propheten (z.B. mit einer Bombe im Turban) so aussieht, dass ich auf den Tod des Zeichners eine millionenschwere Belohnung aussetze, dann gebe ich der Karikatur recht und zeige, dass sie sogar sinnvoll und notwendig war. Und wenn ich gegen ein übles wie banales filmisches Machwerk vorgehe, das meinen Religionsstifter u.a. als blutrünstigen Feldherrn darstellt ("innocense of muslims"), indem ich mehrere Menschen töte, die mit diesem Film nichts zu tun haben, dann bestätige ich doch genau den Eindruck, den dieses Filmchen in der Öffentlichkeit erwecken will.

Die Christenheit hat da meines Erachtens durchaus ebenfalls viel Schuld in der Vergangenheit auf sich geladen. Im Namen und im Zeichen des Kreuzes Jesu Christi zu blutigen Feldzügen aufzurufen, war eine unglaubliche Respektlosigkeit gegenüber dem, der an diesem Kreuz gestorben ist. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass diejenigen, die ernsthaft zu meiner Religion gehören, inzwischen aus diesen jahrhundertealten schrecklichen Fehlern gelernt haben und alles dafür tun, dass sich das nicht wiederholen wird.

Ich stelle zum Schluss einmal eine gewagte These auf: Nach meinem Eindruck geht es bei den meisten Auseinandersetzungen zu unserem Thema in Wirklichkeit gar nicht so sehr um die Religionsstifter, sondern um die Gläubigen, die sich in ihrem Glauben angegriffen, lächerlich gemacht und nicht genug respektiert sehen. Wenn ich aber als allzu menschlicher Mensch gelernt habe, nicht nur über andere, sondern auch über mich und meine Unzulänglichkeit zu lächeln, wenn ich mich selbst also nicht für den Mittelpunkt der Welt und nicht zu wichtig nehme (das nennen wir übrigens „Humor“), dann kann ich Respektlosigkeit viel gelassener ertragen, ihr dadurch nicht neue Nahrung geben und ihr den Wind aus den Segeln nehmen.

Ich wünsche ich mir eine Welt, in der Menschen und ihr Glauben von allen respektiert werden. Ich möchte in einer Welt des Respekts, der „Rücksicht“ leben, aber dann soll dieser Respekt auch wirklich allen gelten – auch denen, die aus welchem Grund auch immer das gute Recht an nichts zu glauben vertreten, genauso offen und frei, wie ich meinen Glauben bekennen möchte.

Samuel Diekmann - Predigt "GEMEINDE. EIN VOLK AUS ALLEN VÖLKERN" - gehalten am 12. Februar 2012 in der Jesus-Gemeinde Dietzenbach   

Multikulturalismus, das ist so ein irrer/verwirrender Begriff, so ein sozialphilosophisches Wort. MultiKulti bedeutet so viel wie, daß viele Kulturen parallel zusammenleben, sich akzeptieren, daß es keine dominierende Kultur gibt, die die andere assimilieren möchte, sondern, daß man bereit ist, voneinander zu lernen. Das ist so die Idee von MultiKulti. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die hat vor 2 Jahren – 2010 – erklärt, daß MultiKulti in Deutschland gescheitert ist. Und ich gebe auch zu: Auf staatlicher, weltlicher Ebene ist das Thema auch komplex und ist auch vielschichtiger und vielleicht auch umstritten. Hingegen auf einer geistlichen Ebene, ich meine damit nicht auf einer weltlichen Ebene sondern in der Gemeinde, da - finde ich – sollte das ein ganz anderes Thema, ein selbstverständliches Thema sein. Ihr wisst, ich bin politisch auch sehr interessiert. Schaut euch alleine meine Facebook-Seite an. Da bin ich ein richtig kleiner Aktivist geworden. Aber keine Angst. Es geht jetzt nicht um Politik, obwohl mich das auch reizen würde, das eine oder andere zu verlieren. Aber ich verkneife mir das alles, sondern es soll um ganz geistliche Prinzipien gehen, die wir miteinander teilen wollen, weil ich wirklich der Überzeugung bin, daß auch in diesem – auch für mich – angebrochenen Jahr, es ist mein erster Gottesdienst, den ich aktiv mitgestalte in diesem Jahr, für euch ist das schon ein bißchen anders – ich glaube aber, das wird uns in diesem Jahr begleiten.

Man sagt, dass jedes Jahr ungefähr 2,5 Millionen Menschen in die Europäische Union einwandern. Heute ist es so, dass jeder 15. Deutsche Wurzeln außerhalb von Deutschland hat.

Wir können hier mal einen kleinen Test machen. Wer ist hier der sagt: Ich habe keine biodeutschen Wurzeln sondern ich habe irgendwie einen Hintergrund, der multikulturell ist? Der kann ja mal die Hand heben. 1 – 2 – 3 – 4 – 5 – 6 – 7 – 8.  So, o.k! Ja, wir sind ein ziemlich bunter Haufen. Das ist gut so. Dietzenbach, da ist eine Stadt, in der sehr viele Kulturen sind. Knapp 1 Drittel seiner Bewohner stammt aus über 100 Nationen außerhalb von Deutschland. Gewaltig! Das muß man sich mal vorstellen: 1 Drittel von der Stadt stammt aus über 100 Nationen außerhalb von Deutschland. Und wenn wir die Menschen in dieser Stadt mit dem Evangelium erreichen, das ist ja unser Ziel, unser Gebet, unser Bestreben, dann wird unsere Gemeinde auch noch mehr als jetzt bunter werden und vielschichtiger werden. Das wird einfach so sein, weil das eben auch die Realität in unserer Stadt ist. Wir haben jetzt Menschen aus Israel,  dem Iran, Chile, Brasilien, Spanien, Polen, Afrika als großer Kontinent, Italien, Deutschland, und anderen Ländern in unserer Gemeindefamilie. Wieso klappt das so gut?

Wieso klappt das in so ’ner Gemeinde und wieso ist das so kompliziert in der Welt drum herum? Weil wir etwas sehr Simples haben, aber gleichzeitig etwas sehr Phantastisches haben, das alle lieben, das uns verbindet. Nein, es ist nicht die gemeinsame Sprache deutsch. Es ist Jesus Christus. Das ist derjenige, der uns verbindet, da sind wir uns alle einig, da brauchen wir nicht drüber diskutieren. Und da sind unsere Hintergründe egal und das schweißt uns zusammen. In Phil. 3,20 steht ein ganz phantastischer Gedanke. Da heißt es ganz kurz: „Unser Heimatland ist der Himmel.“ Unser Heimatland ist der Himmel. Und damit spielt unser Herkunftsland gar keine Rolle. Weil, unsere neue Heimat ist eine andere. Und dann haben wir mit diesem ganzen Thema eigentlich überhaupt nichts mehr am Hut. Nationalitäten oder auch kulturelle oder soziale Hintergründe spielen in der Gemeinde eigentlich keine Rolle. Wir haben eine neue Identität. Wir haben eine ganz ganz neue Identität. Und ich glaube, daß wir in diesem Jahr noch bunter an kulturellen und auch sozialen Hintergründen werden. Ich glaube, Gott möchte da was tun. Gott möchte sich ein Volk aus den Völkern und Nationen rufen. Und ich glaube tatsächlich, ich sag’ das nicht einfach so, weil das gut klingt oder ich so ein Motivationsredner bin oder so, und ich glaube, Gott wird uns auch noch Türken, Afghanen, Pakistanis, Vietnamesen, Chinesen, Russen, Holländer, Syrer, Ägypter schicken und all die Nationen, bei denen wir selber Schwierigkeiten hätten, ihr Land auf dem Globus auf Anhieb zu finden. Gott wird sie uns schicken und wir dürfen uns darauf vorbereiten.

Da ist ein Ausländer, der spricht einen Deutschen an, und er fragt ihn: „Do you speak english?“ Und der Deutsche so: „Yes, a little bit. – Und sprechen Sie denn deutsch?“ – „Auch ein wenig“, sagt dann der Ausländer. Darauf der Deutsche: „Also dann reden wir doch deutsch miteinander. Warum soll ich denn der Dumme sein, der sich blamiert?"

Sowas gibt es tatsächlich, so ’ne Einstellung. Aber Gemeinde sollte ganz anders sein! Amen. Gemeinde soll der Welt ein Vorbild sein und ’ne Alternative da anbieten und sagen: „Guck mal! Es funktioniert!“ Die Stadt Dietzenbach hat eine Integrationsbeauftragte, ’ne ganz nette Frau. Ich saß schon ein paar mal bei ihr im Büro. Die reißt sich ein Bein aus um das irgendwie hinzukriegen. Und ich hab’ sie auch schon eingeladen zu unseren persischen Gottesdiensten. Sie will mal kommen und sich das mal angucken. Man kann zeigen: Guck mal! Hier funktioniert was im Namen von Jesus.

Was sagt die Bibel zu diesem Thema, zu MultiKulti, zu Integration in der Gemeinde?  Das ist so mein Thema: Gemeinde als ein Volk aus allen Völkern. Wir wollen zunächst mal so in unsere geistliche Geschichte gehen, zu unseren geistlichen Vätern und Müttern, im Glauben uns das Alte Testament angucken. Was hat Gott heute uns zu sagen, aber damals auch dem Volk Israel gesagt, geboten? Was waren ihre Erfahrungen und was können wir daraus lernen? Alles fing so richtig bei Abraham an. Abraham wird bis heute so als „Vater Abraham“ verehrt. Und jetzt das Überraschende: Dein Vater Abraham war ein heimatloser Wanderer. Das ist auch eine ganz wichtige Identität von Israel gewesen: Mein/Unser Vater Abraham war ein heimatloser Wanderer. 1.Mose 12, ab Vers 1, da sagt Gott: „Verlass’ deine Heimat! Zieh aus! Emigriere woanders hin! Deine Verwandtschaft und die Familie deines Vaters und geh’ in das Land, das ich dir zeigen werde. Von dir wird ein großes Volk abstammen, und ich will dich segnen und du sollst in der ganzen Welt bekannt sein. Ich will dich zum Segen für andere machen. Alle Völker der Erde werden durch dich – einen Ausländer, einen Immigranten – gesegnet werden."

Damit fing die Geschichte von Israel an. Mit Auswandern, mit Fremder-sein. Alle Völker sollten durch diesen Migranten, durch diesen Ausländer gesegnet werden. Die Heilsgeschichte von Israel fängt mit Auswandern an. Da muß man sich mal ’ne Platte drüber machen. Aber sie fing nicht nur damit an, sondern dieses Ausländer-Sein, das zieht sich wie so ein roter Faden durch die ganze Geschichte von Israel. Immer wieder waren sie die Ausländer. Immer wieder war Israel der Fremde. Immer wieder waren sie die Ausländer. Immer wieder war Israel der Fremde. Wir kommen später noch einmal darauf zu sprechen. Aber unmittelbar nach Abraham: Wie ging’s da mit Israel weiter? Wer weiß das? Wo ging’s da hin?

Ägypten! Da ging’s nach Ägypten. Da war man der Fremde und wurde auch unterdrückt, versklavt und all das, als Fremder, als Ausländer, als Bedrohung: „Oh! Die werden zu stark! Die werden zu mächtig!“ Verschwörung ging da schon los und man hat sie dort entsprechend auch behandelt. Das ist ein roter Faden, der sich durch die ganze Geschichte und die Grunderfahrung und die Identität Israels zieht: Wir sind, wir waren immer die Fremden. Das ist bis heute so.

Neben Ägypten gibt es einen weiteren traumatischen Einschnitt in diesem kollektiven Bewusstsein von Israel, der diesen roten Faden fortführt. Das war die babylonische Gefangenschaft. Nochmal! Noch mal! Diesmal vor allem, daß die Eliten, die Herrscher, die gut Ausgebildeten, die Schreiber, die Handwerker, die was drauf hatten, die wurden eingesammelt und sind in die babylonische Gefangenschaft geführt worden. Und ganz spannend in Psalm 137. Da kriegen wir mal ’ne Idee, wie sich Israel gefühlt hat als der Fremde, als der Ausländer. Und da heißt es in diesem Psalm: „An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Jerusalem dachten. An die Äste der Weiden hängten wir unsere Harfen. Denn die, die uns gefangen hielten, wollten, daß wir singen. Und die, die uns peinigten, wollten Freudenlieder von uns hören: Singt doch eins der Lieder von Jerusalem! Doch wie können wir in diesem fremden Land die Lieder des Herrn anstimmen? Wenn ich dich jemals vergesse, Jerusalem, soll meine rechte Hand gelähmt werden. Meine Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich nicht mehr an dich denke, wenn Jerusalem nicht mehr meine höchste Freude ist."

Das war ein Lied, das gesungen wurde. Dieser Psalm, um im Gedächtnis zu halten wie Israel sich gefühlt hat in dieser Zeit der Fremde, in Babylon in diesem Fall.

Oder denken wir an die Geschichte von Rut und Noemi. Auch wieder so ein Buch, wo einige Leute sagen: Ja, was hat denn das für ’n theologischen Gehalt, dieses Buch? Das ist aber auch ein ganz wichtiges Buch, weil es ein Buch ist, das einem Ausländer oder einer Ausländerin gewidmet ist, die darum kämpft, in Israel zu überleben, sich zu integrieren, und dann dort auch ankommt und angenommen wird, und später dann sogar Vorfahrin von David und Jesus selbst wird.

Und wir haben da ja ’ne Predigtreihe drüber gehabt. Rut 1, ab Vers 15. Aber es ist noch mal so prägnant, wie hier dieser Kampf dann von ihr losgeht. „Sieh’ doch“, sagte Noemi zu ihr, „deine Schwägerin ist zu ihrem Volk, zu ihrer Heimat, nach Hause zu ihrem Volk, in ihr Heimatland gegangen und zu ihrem Gott zurückgegangen, und du sollst ebenfalls umkehren und ihr folgen!“ Aber Rut antwortete: „Verlange nicht von mir, daß ich dich verlasse und umkehre. Wo du hingehst, dort will auch ich hingehen, und wo du lebst, da möchte ich auch leben. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben und begraben werden. Der Herr soll mich strafen, wenn ich zulasse, daß irgend etwas anderes als der Tod uns trennt."

Wir kennen die Geschichte, wie sie dann kämpft ums Überleben, und ganz an dem sozialen Unteren, am Ende so mit ihrer Schwiegermutter, als Witwe ohne Grundbesitz und so, dann ums Überleben kämpft und versucht dann irgendwie Boden unter den Füßen zu kriegen.

Im Alten Testament, das ist mir so wichtig, daß wir das verstehen, gehört das Thema Migration und die Erfahrung, der Fremde, der Ausländer zu sein, zu einer ganz zentralen Identität von Israel. Jeder Jude ist beispielsweise auch angehalten, am Tag der ersten Früchte folgendes Bekenntnis und Gebet zu sprechen. Das lesen wir in 5.Mose 26. Da heißt es: „Dann sollt ihr vor dem Herrn eurem Gott sprechen: Unser Stammvater war ein Aramäer, der umherzog, der ein Wanderer war, der heimatlos war und mit wenigen Männern nach Ägypten ging um dort zu leben. Doch in Ägypten wurde er zu einem großen mächtigen Volk. Als die Ägypter uns misshandelten und unterdrückten, indem sie uns zur Sklaverei zwangen, riefen wir zu dem Herrn, dem Gott unserer Vorfahren. Er erhörte unseren Ruf und sah unser Elend, unser Leid und unsere Unterdrückung. Deshalb führte uns der Herr mit starker Hand und großer Macht unter Schrecken erregenden Ereignissen und Zeichen und Wundern aus Ägypten. Er brachte uns an diesen Ort und gab uns dieses Land, in dem Milch und Honig fließt."

So eine ganz spannende Identität. Gott hat uns hier was gegeben. Aber es war geboten, mindestens 1 mal im Jahr dieses Gebet zu sprechen, sich daran zu erinnern, wo man herkam. Israel war immer dazu aufgerufen, an Hand der eigenen Geschichte auch eine barmherzige Haltung gegenüber den Fremden zu entwickeln. Warum soll ich dem Fremden gegenüber barmherzig sein? Weil ich selber ein Fremde war! Weil seine Geschichte mal meine Geschichte war. Und das ist etwas, was immer wieder thematisiert wird in der Bibel im Alten Testament. Weil der Fremde in Israel in der Regel selber kein Land besaß - das wurde unter den Stämmen ja aufgeteilt – war er genauso wie die Witwen und Waisen auch auf Barmherzigkeit angewiesen. Er konnte nichts – es war sehr landwirtschaftlich alles organisiert – er konnte eben selber nichts anbauen. Und da war er eben auch auf Barmherzigkeit und auf die Hilfe der anderen mitangewiesen, genauso wie die Witwen und Waisen, die auch kein Land hatten. Und Gott verankert dies auch in seinen Geboten. Der Fremde war in Israel immer willkommen und war per Gesetz an ganz vielen Stellen geschützt. Der Ausländer hatte in Israel per Gesetz Anspruch auf Versorgung.

Es ist ja auch oft so bei uns. Da schimpfen ja viele über unsere Sozialsysteme und sagen, na ja, da wandern einfach nur Leute rein und so, und nutzen das aus. Man kann ja auch über Details dann sprechen. Aber es ist spannend. Auch in Israel war es so, daß per Gesetz dem Ausländer eine Minimalversorgung zustand. Dies wird z.B. bei der Verteilung des Zehnten deutlich. Denn dieser – das wissen nicht viele – der war nicht nur für die Leviten da und für den Tempelbetrieb, die ja auch keinen Boden hatten, sondern das war allgemein auch für sozial Benachteiligte vorgesehen. Das ist im übrigen auch der Grund, warum wir als Gemeinde sagen, daß das, was wir an Spenden einnehmen, daß wir das nicht komplett in unserem Haushalt verballern, sondern daß wir sagen, und mindestens 10 Prozent von dem, was wir bekommen, geben wir auch wieder raus.. Und wir müssen mal genau rechnen in diesem Jahr, weil ich glaube, im letzten Jahr haben wir um einiges mehr als 10 Prozent hinausgegeben für soziale Projekte, für missionarische Projekte, mildtätige Zwecke und anderes mehr.

Das kann man z.B. nachlesen in 5.Mose 14, 28ff. Da heißt es; „ Am Ende des dritten Jahres sollt ihr die gesamten Ernteabgaben des betreffenden Jahres in die nächstgelegene Stadt bringen und dort aufbewahren.“ Da geht es um den Zehnten. „Sie ist für die Leviten bestimmt. Denn sie besitzen kein Land und haben kein Erbe unter sich sowie für die Ausländer, die Waisen und Witwen in euren Städten, damit sie sich satt essen können. Dann wird der Herr, euer Gott, alles segnen, was ihr tut.“ Das war wichtig, daß Gott eben auch immer wieder gesagt hat: „Gebt denen auch was und vergesst die nicht. Wenn ihr das nicht vergesst, dann werde ich alles segnen, was ihr tut.“ Ausländern stand per Gesetz so etwas wie eine minimale Grundsicherung zu.

Ist das nicht erstaunlich? Aber nicht nur alle 3 Jahre, wie es hier in diesem Text heißt, gab es die Möglichkeit, sich einmal satt zu essen, sondern über alle Jahreszeiten, vor allem in der Erntezeit war Israel dazu verpflichtet, den Ausländern etwas übrig zu lassen. Das können wir z.B. nachlesen bei 5.Mose 24, ab Vers 19. Da heißt es: „Wenn ihr beim Ernten eine Garbe auf dem Feld vergesst, geht nicht zurück um sie zu holen. Lasst sie für die Ausländer, Waisen und Witwen stehen. Dann wird der Herr, euer Gott, euch bei allem was ihr tut segnen.“ – „Wenn ihr die Oliven von den Bäumen schlagt, dann haltet keine Nachlese. Lasst die verbleibenden Oliven für die Ausländer, Waisen und Witwen hängen. Auch bei eurer Weinlese sollt ihr keine Nachlese halten. Die übrig gebliebenen Trauben sollen den Ausländern, Waisen und Witwen gehören.“ Und jetzt ganz spannend: „Denkt dran, daß ihr selbst einmal Sklaven in Ägypten ward. Deshalb fordere ich euch auf, nach dieser Anweisung zu handeln."

Immer und immer und immer wieder - wir werden das gleich noch einmal sehen – kommt diese Begründung: „Denkt daran, euch ging es mal genauso. Vergesst das nicht! Ihr ward auch einmal darauf angewiesen und jetzt seid barmherzig und öffnet eure Herzen, öffnet eure Hände und gebt freigiebig zu dem Fremden, der in eurer Mitte wohnt."

Dem Fremden wurde aber nicht nur eine soziale Grundsicherung per Gesetz garantiert. Er hatte darüber hinaus auch eine Rechtssicherheit, so eine Art Rechtsschutz. Das können wir nachlesen in 5.Mose 24 ab Vers 17. Da sagt Gott: „Beugt Ausländern und Waisen nicht das Recht und pfändet nicht das Kleid einer Witwe. Denkt – <es kommt immer wieder> - denkt immer daran, daß ihr einmal Sklaven in Ägypten ward, und daß der Herr. Euer Gott, euch von dort befreit hat. Deswegen fordere ich euch auf, nach diesen Anweisungen zu handeln.“ Immer und immer wieder: Denkt daran, euch ging’s genauso. Oder: Denkt daran, ihr kommt vielleicht auch mal in so eine Situation. Gott appelliert an die eigene Geschichte.

Der Fremde war in Israel willkommen. Selbstverständlich hatte er auch die Pflicht, sich an die hiesigen Gesetze zu halten. Aber – und ich meine, daß das viele bibeltreue Christen, da hört man das manchmal dann auch so in den Reihen, manchmal auch unterschlagen - : Der Ausländer war von den religiösen Gesetzen weitgehendst befreit. Die musste er nicht erfüllen. Man kann ja sagen, wir sind ein christliches Land, und da muß er das auch machen, und so und so und so und solche Sprüche hört man ja. Ja, was allgemeine Gesetze angeht, aber was christliche Gebote angeht, die für Christen gelten, die können wir nicht übertragen auf andere. Das war in Israel auch so. Der <Fremde> war davon befreit. An rituelle Reinheitsgebote zum Beispiel musste sich der Ausländer nicht halten. Das waren Gesetze, die nur für die frommen Juden galten. Der Fremde genoss so was wie Religionsfreiheit. Die allgemeinen Gesetze, die galten natürlich für ihn. Aber die religiösen Gesetze haben nicht für ihn gegolten. 5.Mose 14, 21: „Esst kein verendetes Tier!“ Das ist so ein Reinheitsding, ja! „Denn ihr seid für den Herrn euren Gott geheiligt. Ihr dürft es aber den Ausländern, die unter euch leben, geben oder verkaufen, und sie können das essen.“ Die waren befreit von diesem Reinheitsgebot.

Religionsfreiheit. Wahlfreiheit. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, daß sich ein Mensch aus eigenem freien Willen auch zu Gott bekehren kann. Stimmt das?

Also wir sind ja hier keine Kreuzritter. Die sagen: „Bekenne oder brenne!“ Und: „Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag’ ich dir die Fresse ein.“ Oder so. Nein! Natürlich nicht! Wenn wir jemandem die Freiheit geben, und dann können wir anfangen zu werben für unseren Glauben. Aber nur im Rahmen dieser Freiheit kann er sich natürlich auch zu Gott bekehren, entscheidende Beziehungen mit ihm anfangen. Das ist doch ganz ganz klar. Und so war das auch in Israel. Und in Israel war diese Grundvoraussetzung auch da. Und das ist ein spannendes Vorbild. Aber gleichzeitig war es in Israel auch üblich, den Fremden einzuladen, den Glauben kennenzulernen. Und es war immer wieder auch spannend z.B. an den Segnungen, die Gott Israel gewährt hat, teilzuhaben. Das können wir z.B. in 2.Mose 20 lesen. Da geht es um den Sabbat. Da heißt es: „Denkt an den Sabbat und heiligt ihn. 6 Tage in der Woche sollst du arbeiten und deinen alltäglichen Pflichten nachkommen. Der 7.Tag aber ist ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. An diesem Tag darf kein Angehöriger deines Hauses irgendeine Arbeit erledigen. Das gilt für dich, deine Söhne und deine Töchter, deine Sklavinnen und Sklaven, dein Vieh und für alle Ausländer, die bei euch wohnen.“ Die Ausländer kriegen auch einen freien Tag. Das war ganz normal. Und das war ja etwas sehr Exklusives. Das gab es in vielen Ländern und Kulturkreisen drum herum nicht. Dort war ’ne 7-Tage-Woche normal. Und hier war ein Volk, da hat Gott gesagt: 1 Tag in der Woche ausruhen, feiern, und dieses Recht, diese Segnung wurde auch den Ausländern zugesprochen. 1 mal in der Woche wurden alle Ausländer dazu eingeladen, diesen Segen von Israel kennenzulernen. Ist das nicht phantastisch?

Aber darüber hinaus gibt es auch immer wieder Einladungen mit Israel zu feiern. Die ganze Bibel ist voll davon, z.B. Deuteronomium 16, da werden die 3 wichtigsten religiösen Feste aufgezählt: das Passah-Fest, das Wochenfest und das Laubhüttenfest. Da ist dann ganz spannend, wie dann dieser Text weitergeht. Da können wir mal nachlesen.

Da heißt es: „Feiert mit euren Söhnen und euren Töchtern, euren Sklavinnen und Sklaven, den Leviten aus allen Stämmen, den Ausländern sowie den Witwen und Waisen, die unter euch leben. Und denkt daran“ – <jetzt kommt wieder diese Begründung> – „denkt daran, daß ihr Sklaven in Ägypten ward und befolgt daher diese Vorschriften gewissenhaft.“ Auch das Laubhüttenfest soll am Ende der Erntezeit gefeiert werden, und zwar 7 Tage lang. „Bei diesem Fest sollt ihr fröhlich sein und zusammen mit euren Söhnen, Töchtern usw. und den Ausländern sowie den Witwen und Waisen, die in eurer Stadt wohnen.“ 7 Tage lang mit den Ausländern, mit dem Fremden, der in eurer Stadt wohnt, Party machen. Das war Gesetz in Israel, die einzuladen und sie daran teilhaben zu lassen. Spannend! Oder?

Ausländer besaßen einen gesetzlichen Schutz, Religionsfreiheit. Aber auch immer wieder wurden sie eingeladen, Gott auch kennenzulernen. Sie wurden eingeladen, zusammen mit den Israeliten zu essen, zu feiern, das Leben zu teilen, den Gott Israels kennenzulernen.

Beeilen wir uns aber mal ein bisschen und springen ins Neue Testament. Ich könnte noch ganz viel dazu sagen. Ich muß das aber ein bisschen abkürzen. Ich hab’ die Predigt ja schon in 2 Teile gehackt.

Was hat Jesus uns zu dem Thema zu sagen? Das ist auch so total spannend, wie das Leben von Jesus anfängt. Ich weiß nicht, ob wir das schon mal von diesem Gedanken her verstanden haben: Weihnachten, die Geburt von Jesus. Jesus war auch ein Flüchtling. Er war noch nicht lange auf dieser Welt und musste gleich fliehen mit seiner Familie nach Ägypten. Und auch das ist ja prophetisch angekündigt gewesen, daß Gott sagt: „Und ich habe meinen Sohn aus Ägypten geführt“, und all diese Dinge. Da lesen wir ganz viel im Matthäus-Evangelium drüber. Aber diese Bedeutung: Auch Jesus selbst hat diese Identität von Anfang an gehabt: Ich bin ein Fremder. Ich bin ein Ausländer. Er hat bestimmt 10 Jahre in Ägypten seine Kindheit verbracht und es dort erlebt. Vielleicht war er in ’ner jüdischen Siedlung und so, hat aber auch mit Ägyptern Kontakt gehabt. Das ist der Fremde. Das ist der Ausländer. Der hat hier keinen Grund und Boden. Das hat er erlebt. Das ist seine eigene Biographie gewesen. Und dann auch später, als sie dann wieder nach Israel zurückgekommen sind. Da sind sie dann auch hin- und hergezogen und umgezogen. Wir haben da drüber gesprochen, als wir uns diese Predigt von Joseph angeguckt hatten. Immer wieder ist er dort umgezogen.

Und in einem Gespräch mit einem Schriftgelehrten, da ist es auch ganz spannend, wie Jesus diese Erfahrung und dieses Lebensperspektive so weitergibt. Matthäus 8, ab Vers 20. Das sagte einer der Schriftgelehrten zu ihm: „Meister, ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst.“ Doch Jesus entgegnete ihm: „Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel haben ihre Nester. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich hinlegen kann.“ Das war die Wahrnehmung von Jesus, seine Selbstbeschreibung. Er sagte: „Ich bin ein Wanderer. Ich bin überall ein Fremder.“ Jesus stellt sich selbst als einer dar, der hier auf der Erde keine richtige Heimat hatte und sagt dann auch zu uns, als Ausblick auf das Gericht, was kommen wird: „Ich war ein Fremder und ihr habt mich in euer Haus aufgenommen."

Erinnert ihr euch an diese Geschichte, was Jesus da sagt? „Ich war durstig. Ihr habt mir zu trinken gegeben…“ und all diese Punkte. Und da sagt Jesus auch: „Ich war ein Fremder, ein Ausländer, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen."

Ganz spannender Gedanke: Wenn du den Mohammed, deinen Nachbarn einlädst, lädst du Jesus ein. Mach dir mal deine Gedanken darüber. Vielleicht erinnert ihr euch an diesen Matthäus-Text. Wenn nicht, dann lest ihn noch mal im Zusammenhang. Jesus sagt: „Das, was wir den Geringsten antun, das haben wir IHM angetan.“ Kümmern wir uns um den Ausländer. Dann nehmen wir nämlich Jesus selber auf. Dann nehmen wir unseren Herrn auf.

Das Wort, das hier mit dem „Fremden“ übersetzt ist, heißt im Griechischen „Xenos“. Und das bedeutet so viel wie: Jemand, der nicht zur Gemeinschaft gehört. Es gibt auch noch eine andere Bedeutung, einen anderen Ursprung: Der von seinem Land vertrieben wurde. Aber dieser Gedanke: Jemand, der nicht zur Gemeinschaft gehört. Und ich finde, diesen Kreis können wir größer ziehen. Es gibt auch Menschen in unserem Kulturkreis Biodeutsche, die nicht zur Gemeinschaft gehören, keinen Anschluß haben. Aber wieviel mehr geht es natürlich auch Leuten, wo es hier nicht die Heimat ist, die Schwierigkeiten haben anzudocken, Kontakte zu bekommen, in die Gemeinschaft integriert zu werden. Und hier ruft Jesus uns auf. „Nehmt sie auf!"

Genau das sagt Jesus dann auch ganz zum Schluß noch mal. Auch hier zieht sich das wie so ein roter Faden durch. In dem Missionsbefehl, da sagt er: „Drum geht zu allen Völkern und macht sie zu Jüngern!“ Jesus hat an alle Völker gedacht. Er wollte sie zurückrufen. Und das sehen wir auch in der ersten Gemeinde, in der ersten Gemeinde in Jerusalem. Die wurde ja am Pfingstfest gegründet, Und das war ein Tag, an dem die Nationen in Israel, in Jerusalem waren. Da kamen die aus aller Herren Länder, aus der bekannten Welt. Alle Nationen waren dort anwesend. Und an diesem Tag ist die Gemeinde entstanden und gegründet worden, an diesem Tag, an dem die Nationen da waren. Die erste Gemeinde hatte tausende Mitglieder aus allen möglichen kulturellen und sozialen Schichten. Gemeinde im Neuen Testament war immer eine Vielvölkergemeinde. Das könnt ihr euch, wenn ihr Notizen macht, schreibt euch diesen Satz auf. Gemeinde im Neuen Testament war immer eine Vielvölkergemeinde. Es war immer so. Guck dir jeden Brief an. Es war immer der Fall, daß Gemeinde Vielvölkergemeinde war.

Da war nicht immer ganz konfliktfrei. Das sehen wir auch in der Apostelgeschichte. Da geht’s dann gleich los. Da zicken die griechischen Christen rum und sagen: Die jüdischen Christen werden bevorzugt,  bei der Witwenverteilung und so. Die kriegen mehr Brot und so. Also da waren auch schon so Zankereien. Und so ’n bisschen auch das Vertrauen – merkte man – war nicht so da zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen.

Aber wer sagt denn, daß Gemeinde immer einfach sein muß, und daß Gemeinde konfliktfrei sein muß? Aber Gemeinde hat immer den Auftrag, zu allen Völkern zu gehen und sie zu rufen.

Oder schauen wir uns die Gemeinde in Antiochien an. Hier wurden die Jünger zum ersten mal Christen genannt. Vorher waren das einfach Jünger Jesu, oder Juden, oder so hat man sie verstanden. Aber gucken wir uns das mal an. Ganz spannend. Hier wurden die Christen zum ersten mal Christen genannt. Apostelgeschichte 11, Vers 26. Und spannend, wie es hier ganz kurz über diese Gemeinde vor Ort heißt. Das können wir nachlesen in Apg 13, Vers 1. „Es waren aber in Antiochia in der Gemeinde Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene, und Manahene, der mit dem Landesfürsten Herodes erzogen war, und Saulus.“ Allein aus diesen Namen kann man Rückschlüsse ziehen. Ganz spannend. Simeon, der Niger wird wahrscheinlich afrikanischer Herkunft gewesen sein. Der war hier in der Gemeinde einer der Lehrer und Propheten im Leitungsteam, ein Afrikaner. Lucius von Kyrene war möglicherweise auch Afrikaner, oder Araber würden wir sagen. Denn die Stadt Kyrene befand sich in Nordafrika. Also schon wieder ’ne andere ethnische Gruppe. Barnabas war levitischer Abstammung. Genau wie Saulus, wobei der natürlich noch mal von ’ner anderen Ecke herkam, ein jüdischer Gelehrter. Und Manahene war vermutlich der Sohn eines Sklaven des Königs Herodes. Auch der kam aus der absoluten sozialen Unterschicht heraus. Keine Ahnung, wo der kulturell einzuordnen ist. Aber wir sehen hier die Gemeindeleitung vor uns, die Propheten und Lehrer, die hier gedient haben, ein ganz bunter Haufen. Ganz unterschiedliche Leute. Total unterschiedlicher Herkunft. So sah Gemeinde aus.

Und weiter ist hier auch, wenn wir dann im Zusammenhang in der Bibel mal gucken, wird ganz deutlich: Die Gemeinde war wirklich MultiKulti. Aus diesen Reihen kommt z.B. auch Lukas der Arzt, oder Titus, der ein unbeschnittener griechischer Konvertit war. Also auch noch mal ein absoluter Exot, der hier zuhause war.

Wir können festhalten, daß die Gemeinde im Neuen Testament sich immer als Gesamte/Gesandte zu allen Völkern verstanden hat. Und Gemeinde ist die Botschafterin zu der Versöhnung der Welt.

Ich möchte einen Text dazu lesen. 2.Korinther 5, 18. Ich mute euch einiges zu. Weiß ich wohl. Ich baller euch total voll. Ich will einfach, daß ihr versteht. Sowohl im Alten wie im Neuen Testament waren die Leute immer gerufen zu den Fremden, sie aufzunehmen. Und das hat keinen Platz in unserer Mitte: Fremdenfeindlichkeit, oder diese Dinge. Da heißt es in diesem Text: „Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“ Aber das alles von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und was das Amt gegeben hat, das die Versöhnung predigt .

Wir machen mal ’ne kurze Pause. Uns als Gemeinde ist das Amt der Versöhnung gegeben. Wir sollen die Völker versöhnen mit Gott. Das ist unser Job, das ist unser Amt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt, alle Völker, alle Nationen mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt. Das ist unser Job. Den führen wir fort, hier Versöhnung zu predigen, Versöhnung natürlich in erster Linie zu Gott, dem Vater. Aber Versöhnung auch untereinander, Versöhnung unter den Völkern, eine Alternative hier anzubieten, zu sagen: Wir haben eine neue Heimat.

Auch noch mal ganz spannend. Ein wirklich total treffender Text, der Epheser-Brief 2, 11 ff. Da schreibt Paulus: „Vergesst nicht, daß ihr, die ihr keine Juden seid, auf Grund eurer Herkunft Außenstehende ward. Unbeschnittene nannten euch die Juden, die das äußere Zeichen der Beschneidung tragen. Damals lebtet ihr getrennt von Christus. Ihr ward vom Volk Gottes, Israels, ausgeschlossen, und wusstet nichts von der Zusage, die er ihm gegeben hat. Euer Leben in dieser Welt war ohne Gott und ohne Hoffnung. Aber nun gehört ihr Christus Jesus. Ihr ward fern von Gott und nun seid ihr ihm nah durch das Blut seines Sohnes. Denn Christus selbst brachte Frieden zwischen den Juden und den Menschen aus allen anderen Völkern, indem er sie“ – <und jetzt so ’n Schlüsselvers> – „zu einem einzigen Volk vereinte."

Er hat etwas Neues geschaffen. Er hat die Mauern der Feindschaft, die uns früher trennten, niedergerissen. Durch seinen Tod hat er dem Gesetz mit seinen Geboten und Verordnungen ein Ende bereitet und dadurch Frieden gestiftet, indem er beide in sich zu einem einzigen neuen Menschen schuf. Er hat sie in einem Leib vereint und durch das Kreuz mit Gott versöhnt, damit die Feindschaft ein Ende fand. Er ist gekommen und brachte die Botschaft des Friedens euch, die fern von ihm waren, und den Juden, die ihm nahe waren. Durch das, was Christus für uns getan hat, können wir jetzt alle, ob Juden oder nicht, in einem Geist zu Gott kommen. Deshalb seid ihr nicht länger Fremde und ohne Bürgerrechte, sondern ihr gehört zu den Gläubigen, zu Gottes Familie.

Ein phantastischer Text. Aber das muß man sich mal überlegen. Viele sagen: Na ja, ich hab’ mich bekehrt und das bedeutet für mich, also Gott hat mir meine Sünden vergeben, und ich folge ihm jetzt nach. Aber die Identität muß eigentlich von uns Christen weitergehen. Er hat uns herausgerissen aus unserer alten Identität, aus unserer Kreatur, und sagt: Ich gründe mit dir ein ganz neues Volk. Du bist eingeprooft. Deine Identität ist jetzt Christus. Christus, das ist ein neues Volk. Das ist der neue Leib. Das ist deine neue Heimat. Deine neue Heimat ist der Himmel, mit all den anderen, die dort auch Christus nachfolgen.

Und das müssen wir mal verstehen. Wenn wir dann auch immer so deutsch denken, oder so europäisch denken oder so. Das ist auch spannend. Aber als Christen sind wir herausgefordert, auch als Christen zu denken, zu sagen: Wir sind Himmelsbürger und wir haben kein Problem mit diesen Ausgrenzungen, weil wir mit allen Himmelsbürgern richtig gut können.

Die lokale Gemeinde ist dazu aufgerufen, mit ethnischem und sozialem Denken aufzuhören. Wir sind – ich sag’ das mal so ganz provokant – wir sind keine deutsche Gemeinde. Wir sind Jesus’ Gemeinde. Wenn du zu uns gehören möchtest, dann musst du nicht deutsch werden. Amen. Du musst Jesus lieb haben. Wobei es bestimmt nicht hinderlich ist, deutsch sprechen zu können, weil wir hier größtenteils deutsch reden. Stimmt’s? Das ist natürlich so ’ne Sache. Das ist klar. Aber versteht ihr? Von der Identität her ist das nicht das, worauf es uns ankommt. Und ich würde auch behaupten, daß die Sprache nicht das Wichtigste ist um hier Heimat zu finden, sondern der Glaube.

Wir sind eine (1) Familie. Unsere Heimat ist nicht die Bundesrepublik Deutschland oder dein persönliches Heimatland, der Iran oder Polen oder was auch immer, sondern der Himmel ist deine Heimat. Der Himmel ist deine Heimat!

Wie kann das gelingen, daß so unterschiedliche Menschen zusammenkommen, in der Gemeinde zusammenwachsen? Wir haben angefangen, jetzt persisch-deutsche Gottesdienste zu machen. Das ist alles noch ’n bißchen Holter-Di-Polter. Wir müssen das noch organisieren, weiter ausbauen und aufbauen. Aber wir sind da auf dem Weg auch etwas anzufangen, und natürlich auch mit Fragen konfrontiert: Machen wir die alle Persisch-Deutsch? Oder wie machen wir das mit der Übersetzung, oder was auch immer? Aber ich denke, darauf kommt das alles gar nicht an. Es ist nur spannend: Wie können wir hier eine (1) Gemeinde mit ganz unterschiedlichen Leuten bauen? Wie können wir das machen, unterschiedliche Leute zusammenzubringen?

Ich hab’ letztens ’ne Sendung mit ’nem sehr lustigen Thema gesehen und ein sehr lustiges Detail erfahren, was die Gewohnheiten von Menschen auf dem Klo betrifft. Und zwar hab’ ich dann da so erfahren, daß Deutsche ihr Klopapier falten. Stimmt das??

Ja, es macht doch auch Sinn. Wir falten das alles ganz ordentlich. Und dann ging’s dann weiter. Und dann haben sie eben gesagt, daß Amerikaner in der Regel ihr Klopapier nicht falten, sondern daß das geknüllt wird, und daß das deswegen auch ’ne andere Konsistenz hat, weil man das nicht so knüllen könnte. Und wir haben da diese Abrißstränge. So kannst du – wenn du jetzt kein Biodeutscher bist – mal drüber nachdenken, wie du das machst. Vielleicht wird das noch mal ’ne spannende Information. Da kannst du mir dann noch mal sagen, wie du das mit dem Klopapier machst. Aber das ist lustig, so kleine Details. Wir falten und die anderen knüllen, passt doch nicht zusammen! Also das sind so manchmal Kleinigkeiten, aber ich hab’ das jetzt so lustig gesagt. Aber es ist schon ’ne Herausforderung, unterschiedliche Leute zusammenzubringen. Wie kann das funktionieren? Was kann man da unternehmen? Was muß sich verändern? Menschen sind unterschiedlich. Manchmal auch in der Gemeinde prallen kulturelle Welten aufeinander. Wie kann man das überwinden? Wie kann man eine (1) kulturelle Gemeinde bauen? Was brauche ich, um diese biblische Aufgabenbeschreibung zu erfüllen? Darum soll es beim nächsten mal gehen.

Gott hat uns einiges zu sagen, was in unseren Herzen geschehen muß, was mit unseren Aufgaben auch in der Gemeinde geschehen muß, wie man bestimmte Dinge definiert und versteht. Das wird sehr sehr spannend werden, und das schaffen wir heute nicht. Wichtig war für heute, daß wir verstehen, die Bibel ist voll mit diesem Thema, und Gemeinde war immer eine Vielvölkergruppe. Und das ist auch unsere Aufgabe. Ich freue mich darauf. In ein paar Wochen geht’s weiter.

Lasst uns noch mal zusammen aufstehen und beten für die Herausforderungen der kommenden Woche.

Ja , Jesus, ich möchte dir danken, daß Du selber – Deine erste große Auswanderung war ja eigentlich aus dem Himmel auf die Erde, fällt mir gerade ein. Damit fing das alles an. Du warst wirklich der Fremde auf dieser Welt. Du bist in fremde Länder gegangen. Dein Eigentum hat Dich angenommen. Du hast das erlebt. Herr, wir möchten Dich bitten für uns als Gemeinde, daß wir offen werden für noch buntere Menschen in unserer Mitte, daß es uns gelingt sie aufzunehmen, ihnen hier Heimat zu geben in Deinem Namen. Ich möchte beten für Dietzenbach, viele Fremde, die auch nicht Teil der Gemeinschaft sind, sich selber heimatlos fühlen, nicht angenommen, daß wir ihnen Heimat bieten können in Deinem Namen. Jesus, bitte lass’ uns das gelingen und gib uns ’ne Stimme, damit wir Menschen rufen können und hier ein Volk aus allen Völkern bauen können in Deinem Namen. Amen.

Andrea Schwarze - „Zusammen halten – Zukunft gewinnen“ Predigt am 26.September 2010 in der evangelischen Rut–Kirche zu Dietzenbach im ökumenischen Eröffnungsgottesdienst für die Interkulturellen Woche 2010

Predigttext: Johannes 4, 1-13:

1Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes -  2 allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger -; 3 daraufhin verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. 4 Er musste aber den Weg durch Samarien nehmen. 5 So kam er zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. 6 Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. 7 Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. 9 Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. 10 Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. 11 Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? 12 Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden? 13 Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

ich möchte meine Worte folgendermaßen überschreiben: „Grenzüberschreitung bedeutet Lebensgewinn“ und mit einer persönlichen Erfahrung beginnen: Auch ich bin 1999 über eine Grenze gegangen – für ein Jahr - nach England.

Das hört sich von Dietzenbach aus gesehen nicht so weit an – das hört sich nach Europa an – nach einer Sprache, die wir in Deutschland alle in der Schule lernen

und wenn wir auf das dort vorherrschende Glaubensbekenntnis schauen – dort gehören die meisten Menschen der anglikanischen Kirche an– dann hört sich das ebenfalls nicht ganz fremd an.

Es hört sich alles einfach an – und doch habe ich dort erfahren, wie fremd man sich in einer anderen Sprache und auch in einem anderen kulturellen Verständnis fühlen kann. Ich kann mich an Situationen erinnern, in denen ich ein rotes heißes Gesicht bekommen habe, weil ich an der Reaktion meines Gegenübers gespürt habe, ich habe da etwas Grundlegendes nicht verstanden – obwohl ich die Worte verstanden habe. Oder ich habe etwas völlig Falsches gesagt – obwohl ich die richtigen Worte benutz habe. Wir benutzten die richtigen Worte  – aber wir spüren die kulturellen Unterschiede – die mit der Erziehung und dem gesellschaftlichen Miteinander in einem Menschen tief verwurzelt sind. In England ist es z. B. die bekannte Höflichkeit, es heißt nicht –„ Gib mir mal den Zucker, bitte“ – sondern „Wärest du so freundlich und könntest mir bitte den Zucker geben“.  Schnell gilt man als unhöflich, grob und schlecht erzogen, wenn man diese feinen Unterschiede nicht erkennt.

Das ist nur ein kleines Beispiel – es sind nicht die Worte – die uns eine andere Kultur fremd erscheinen lassen –es ist das Auftreten oder Benehmen eines Menschen; seine Vorlieben und Gewohnheiten; die Art, sich auszudrücken, sich zu bewegen, also generell: sich in irgendeiner Weise zu verhalten.

All das, was wir in unserem Heimatland von klein an lernen. In der Sprache benutzen wir die gleichen die Wörter – und doch gehen wir mit unterschiedlichen Kulturen und mit einem unterschiedlichen Hintergrund aufeinander zu.  In meinem England-Jahr habe ich diese Unterschiede oft deutlich gespürt, manchmal war ich sehr verunsichert, manchmal habe ich sie neugierig betrachtet – manchmal wissbegierig – manchmal auch vergnüglich.

In dem gehörten biblischen Text geht nun Jesus über Grenzen: In der Geschichte von der samaritischen Frau geht Jesus über drei Grenzen, Er begibt sich in eine Gegend außerhalb seines Wirkungsbereiches - er geht über die geographische Grenze. Er begibt sich über die Grenze seiner eigenen Religion, er geht über die religiöse Grenze. Er begibt sich über die Grenze, spricht mit der samaritischen Frau, er geht über die sozialen Grenzen.

Jesus macht in Samarien Halt – einem Gebiet nördlich von Jerusalem, die Samariter oder auch Samaritaner bildeten eine Gruppe, die nicht dem rabbinischen Judentum angehörte. Sie hatten sich geschichtlich zu einer Zeit anders als der größte Teil des Judentums entwickelt, sodass sich die Menschen in vielen Traditionen von der jüdischen Bevölkerung Israels unterschieden, sie hatten einen eigenen Tempel und pflegten ihre Sprache – das samaritanische. Die Samariter gibt es heute noch als kleine Gemeinschaft: Im 19. Jahrhundert nach Christus wurden diese Gruppe als ein Zweig des jüdischen Volkes vom Jerusalemer Oberrabbiner anerkannt. Es gibt heute in Israel und im Westjordanland ungefähr 700 Menschen, die dieser Gemeinschaft angehören. (Quelle: Wikipedia)

Zurzeit Jesu fanden die Samariter keine Anerkennung bei den Juden – man hatte keinen Kontakt. Jesus – der Jude – geht über Grenzen – er macht in Samarien Halt. Er geht über Grenzen und kommt mit jemand aus der anderen Region ins Gespräch. Jesus kommt mit einer Frau ins Gespräch – was ebenfalls ungewöhnlich war – man unterhielt sich nicht mit fremden Frauen. Später heißt es in der Geschichte, die Jünger kamen hinzu und wunderten sich – sie fragten aber nicht nach, sie akzeptierten Jesu’ Handeln.

Jesus hält sich nicht an die Grenzen zwischen Männern und Frauen –  an die von außen gesetzten Grenzen –

er wendet sich an die Frau – er bittet sie um Lebensnotwendiges – um Wasser. Er bittet sie um etwas, was ihr leicht fällt, er bittet sie um etwas, was sie geben kann. Die beiden kommen ins Gespräch. Die beiden reden nicht über ihre Herkunft, nicht über den kulturellen Unterschied, – es geht um eine grundlegende Sache – Wasser als Quelle des Lebens.Die Grenzüberschreitung Jesu ermöglicht diese Begegnung – sie ist riskant –aber sie lässt auf einen Gewinn hoffen – einen Zugewinn – von neuen Erfahrungen, neuen Einsichten und Erkenntnissen.  Jesus bewegt sich zwischen den Kulturen –

Interkulturell, zwischen den Kulturen.

Diese Worte sind auf ein Beziehungsgeschehen angelegt – aber erst einmal sind es nur Worte – Die Grenzüberschreitung ist von denjenigen gefordert, die sich auf dieses Inter einlassen wollen. Auf die Menschen, die an anderen Menschen interessiert sind – an ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Religion, ihrer Kultur,an ihrer persönlichen Geschichte – auch an dem persönlichen Schicksal - vielleicht von Flucht, Vertreibung – auch an der Lust, ein anderes neues Land kennen zu lernen oder dessen Probleme und Fragen.

In Dietzenbach stammen knapp ein Drittel der Bewohner und Bewohnerinnen aus über hundert Nationen außerhalb Deutschlands. (Stand 2010) Da bilden wir heute hier nur ein kleines Puzzleteil – mit Menschen aus Frankreich, Amerika, Israel…Das kleine Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung – wie verunsichernd das Leben über die eigenen Grenzen hinaus sein kann, erleben wir hier in der Stadt täglich im Zusammenleben – vorausgesetzt es kommt zu einer Begegnung und wir sind alle mutig genug unsere eigene Grenzen zu überschreiten – sind mutig genug, uns auf das Risiko einzulassen, dass es zu Missverständnissen kommt, zu völlig unterschiedlichen Ansichten in den unterschiedlichen Lebensbereichen, vielleicht auch zu Enttäuschungen, dass die Begegnung nur an der Oberfläche bleibt. Bei Jesus ist die Grenzüberschreitung so etwas wie ein Lebenskonzept –

Grenzüberschreitung kann ein Lebenskonzept sein.

Was aber bietet das Risiko - das Lebenskonzept Grenzüberschreitung an positiven Ergebnissen?  -Wir entwickeln Verständnis füreinander, wir lernen, über die Unterschiede zu sprechen und wir haben die Chancen, Vorurteile abzubauen, Wer aber ist „wir“? Die Menschen, die in Dietzenbach leben, die über 100 Nationen Frauen, Männer, Kinder, Erwachsene, Erwerbstätige, Erwerbslose, Menschen mit und ohne Behinderung, Menschen mit Hauptschulabschluss und Menschen mit Hochschulstudium, musikalische und unmusikalische...Menschen vom Hexenberg und Menschen vom Steinberg, Menschen aus dem Spessartviertel.

„Zusammenhalten- Zukunft gewinnen“

– heißt das Motto der Interkulturellen Woche – die in besonderer Weise dazu einlädt, sich kennen zu lernen, sich zu begegnen, ins Gespräch zu kommen.  „Zusammenhalten - Zukunft gewinnen“ – das könnte für mich auch „Zusammen gewinnen“ bedeuten – der Gewinn wäre für mich bei jeder einzelnen Begegnung zu hören: wie ist das in Frankreich, auf den Philipinen, in Kroatien, in der Türkei, wie sehen die Feste bei euch aus, was ist bei euch in der Kindererziehung wichtig, wie ist das im Katholizismus auf den Philippinen, im Islam in der Türkei, wie ist das bei euch in Frankreich.

Die Zukunft liegt in der Begegnung zwischen den Menschen, in der Menschenliebe, in der Anteilnahme an unserem Zusammenleben. Die Geschichte von der Frau am Brunnen ist eine Beispielsgeschichte – nicht nur ein Beispiel von einer bestimmten Begebenheit, sondern ein Beispiel, dass die Grenzüberschreitung zum Gewinn führt – zum Lebensgewinn. Als Christin liegt der Lebensgewinn für mich in meinem Vertrauen auf meinen Glauben, der mich zu Grenzüberschreitungen ermutigt. So wünsche ich uns allen eine erfüllte Woche der Begegnungen. Amen.

Horst Schäfer - LIEBE FÜR ALLE, HASS FÜR KEINEN. Rede vor der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat Dietzenbach am Sonntag, dem 15.April 2007 im Europa-Haus Dietzenbach

Sehr geehrte Veranstalter von der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat, verehrte Freunde des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen und der Religionen, liebe Gäste,

die Ahmadiyya-Muslim-Jamaat gibt mir Gelegenheit - zwar für eine Sonntagsrede - aber auch zu einem spannenden Thema zu sprechen, das wie eine Selbstverständlichkeit daher zu kommen scheint. Aber ist es wirklich – über ein religiöses Postulat hinausgehend - eine Selbstverständlichkeit: Liebe für alle, Haß für keinen ?

Und verstehen alle Leser dieses Satzes dasgleiche darunter?

Eine der wesentlichsten geistigen Entwicklungen des Abendlandes zum Thema Nächstenliebe und Toleranz hat uns – vor annähernd 300 Jahren – die Epoche der Aufklärung hinterlassen. Sie kulminierte – literarisch – in Lessing’s Ring-Parabel. Diese soll die tiefe gemeinsame Wahrheit aller 3 Weltreligionen, des Judentums, des Christentums und des Islam versinnbildlichen. Alle 3 großen Buchreligionen sind danach gleichwertig. Die gemeinsame Wahrheit besteht in einem Ring, der seit vielen Generationen in einem mythischen Königshaus des Orients weitergegeben wurde und seinem jeweiligen Besitzer die Eigenschaft verlieh, ihn „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen. Der vorläufig letzte König in der Kette, vor die Frage gestellt, welchem seiner 3 gleichermaßen geliebten Söhne er den Ring geben sollte, umging das Problem, indem er 2 ununterscheidbare Ring-Duplikate anfertigen und den Streit um den echten Ring mit den Worten schlichten ließ:

„Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach. Es strebe von euch jeder um die Wette die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf!“

Wie agieren nun die – in die Metapher von den 3 Königssöhnen eintretenden – Personen? Der christliche Tempelherr rettet Recha, die Tochter des Juden Nathan vor dem Feuertod. Der islamische Potentat Saladin hebt ein zuvor gegen den christlichen Tempelherrn ausgesprochenes Todesurteil auf. Und der Jude Nathan hilft dem muslimischen Herrscher Saladin mit einem großzügigen Geldgeschenk aus großer Finanznot. Alle 3 also folgen der humanitären Praxis aufklärerischen Handelns. 

Noch ein – literarisches – Beispiel solch humanitären Toleranz-Verständnisses aus abendländischer Hochkultur: In Mozart’s Oper Die Entführung aus dem Serail vergilt der Orientale Selim Bassa Böses mit Gutem, indem er an Belmonte, dem Sohn seines ärgsten Feindes, anstatt einer nur zu verständlichen Rache zu frönen, wohlwollende Gnade übt. Der Orientale entpuppt sich also als der menschlichere Mensch.

Zurück zur Ring-Parabel. Was hat sie uns lehren sollen? Und wie weit ist unsere Toleranzpraxis von diesem Aufklärungsideal entfernt?

Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Der Jude Nathan, der christliche Tempelherr und der Muslim Saladin – und auch der Muslim Selim Bassa - überschreiten die Handlungskonventionen und die traditionellen Grenzen ihrer jeweiligen Religionen. Sie betreten damit eine gemeinsame Basis humanitärer Vernunft, die sie der engen überkommenen Form des Gehorsams und der Loyalität gegenüber ihren Glaubensgemeinschaften enthebt, und sie auf eine neue, der jeweiligen Offenbarung übergeordnete Toleranz verpflichtet. Die „göttliche Stimme der Vernunft“ erklingt nun gleichermaßen in den Beteiligten, deren Handlungen sich allerdings nicht mehr der göttlichen, unverfügbaren Gnade und Zugehörigkeit zu religiösen Institutionen, sondern allein der Erfahrung menschlicher Unmittelbarkeit und einer religiösen Selbstoffenbarung in ihren guten Taten verdanken.

Liebe für alle, Haß für keinen. Nächstenliebe und Toleranz also ungeteilt und interpretatorisch nicht Thora, Talmud, Bibel, Katechismus, Koran, Sunna und Hadithen sondern alleine humanitärer Vernunft folgend.

Kann man den sehr erwünschten sog. gesellschaftlichen „Dialog der Religionen“ fortsetzen und diese Erkenntnis der Ethik und Moral hintanstellen?

Und würde man es tun: Ginge man dann mit – für das tolerante und friedliche Zusammenleben der Kulturen und Religionen – notwendigen Grundwerten unserer pluralen säkularen Gesellschaft

eher angemessen, entgegenkommend, verständnisvoll und vertrauenswürdig  oder

eher leichtfertig, lax, oberflächlich, selbsttäuschend und gleichsam wie mit parallelgesellschaftlichen Standards um?

Alle Menschen, die den geistig-zivilisatorischen Fortschritt des Nächstenliebe- und Toleranz-Verständnisses der Aufklärung und die verbrieften konstitutiven Bürgerrechte als Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates verstanden und verinnerlicht haben, können nicht verstehen, weshalb es notwendig war, das Dokument der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen über die Menschenrechte von 1948 durch eine „Allgemeine Islamische Menschenrechtserklärung“ von 1981 und durch die „Kairoer Erklärung über die Menschenrechte im Islam“, verabschiedet 1990 von der Organisation Islamischer Staaten, überlagert worden ist. Auf dieser normativen Ebene werden die Menschenrechte direkt auf den Koran und die Scharia zurückgeführt. Dies führt zwangsläufig zu Konflikten mit der UN-Menschenrechtskonvention, u.a. bei der Frage der Religionsfreiheit.

Diese – nicht nur normative – Kluft trat im vergangenen Jahr beim sog. Karikaturenstreit offen zutage. Er hat uns vor Augen geführt, daß in der Wahrnehmung vieler eine Kluft zwischen den Menschen des sog. „Westens“ und den Menschen in der islamischen Welt besteht. Und diese Kluft droht größer zu werden. Zu viele falsche Wahrnehmungen und Vorurteile bestehen auf beiden Seiten. Zu viele Stereotypen bestimmen das Denken. Diese Unkenntnis wurde und wird von Demagogen und Extremisten mißbraucht. Mißbraucht zum Beispiel dazu, verletzte religiöse Gefühle in Haß umzuwandeln gegen Andersgläubige und Andersdenkende. Auch in Europa gibt es Vorurteile, auch die Europäer müssen mehr über Muslime und die vielfältige islamische Welt lernen. Auch die Europäer müssen lernen, daß durch Unkenntnis Entfremdung entsteht oder gar befestigt wird.

Wir brauchen mehr Menschen, die sich mutig und entschlossen für eine aufklärerische Toleranz innerhalb der eigenen Gesellschaften und Religionen sowie gegenüber anderen einsetzen. Ich fürchte, es sind noch zu wenige auf beiden Seiten, die Brücken bauen und sich für Pluralismus und aufklärerische Toleranz einsetzen.

Der katholisch-christliche Bischof Franz Kamphaus schreibt: „Interreligiöser Dialog, interreligiöse Begegnung zählen zu den vorrangigen Pflichten aller Religionen. Sie sind die Voraussetzungen einer Gesellschaft verschiedener Kulturen. Bis heute hält sich bei vielen Menschen die feste Überzeugung oder zumindest der Verdacht, vor allem die monotheistischen Religionen seien ihrem Wesen nach intolerant und friedensunfähig. Dies muß als Anfrage auch theologisch ernst genommen werden. Über die notwendige ehrliche Selbstkritik der Religionsgemeinschaften hinaus hängen deswegen ihre Glaubhaftigkeit und Überzeugungskraft entscheidend davon ab, ob und inwieweit sie – unabhängig von ihren eigenen Rechten und Interessen – in ihrem tätigen Einsatz für den Frieden, für die Rechte und legitimen Interessen anderer Menschen und Gruppen eintreten. Der interreligiöse Dialog wird sich in der Spannung von Respekt und Auseinandersetzung vollziehen müssen, ohne Berührungsangst und ohne Unterscheidungsangst.“

Was aber bedeutet heute Toleranz: „Mir ist egal, was du tust, vorausgesetzt dir ist egal, was ich tue.“ Für einen Erzieher ist dies keine Toleranz, sondern die Abdankung von Eltern und Lehrern. Toleranz ist auch nicht das Notprogramm, das es uns erlaubt, das zu erdulden, was wir nicht verstehen. Toleranz hat Spielregeln, sie beruht auf Gegenseitigkeit und verlangt keine Selbstaufgabe. Zu den Spielregeln gehört die Trennung von Religion und Politik und zur Gegenseitigkeit gehören Respekt und Akzeptanz von säkularer Demokratie und liberalem Pluralismus, aber auch Respekt und Anerkennung vor dem inneren Halt, den der Einzelne eben in der anderen Religion oder Geisteshaltung findet.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung mit dem Titel „Islamischer Religionsunterricht in Europa“ (von Irka-Christin Mohr, Transscript Verlag Bielefeld 2006) wurde 2006 herausgefunden, daß säkular in islamischen Kreisen  analog steht zu schädigend oder trennend, und daß diejenigen islamischen Gemeinden, die mit staatlicher Erlaubnis Religionsuntericht erteilen, eine Überprüfung der Lehrpraxis durch Hospitation und Gespräche mit den Lehrern verweigert haben. Wie weit ist der Weg von solcher Einstellung vom Bekenntnis zum demokratischen sozialen säkularen Rechtsstaat entfernt?

Toleranz verlangt Offenheit, Kreativität, Engagement und vor allem den Mut, mit vernunftgetragenen Taten für die Werte der Aufklärung zu streiten. Aus Achtung vor den Mitmenschen, aus Achtung vor ihren Überzeugungen und Lebensentwürfen verbietet aufgeklärte Toleranz, die eigenen Überzeugungen und Lebensentwürfe für allgemeingültig, heilig, geoffenbart zu erklären und sie anderen aufzuzwingen. „Glaubt jenen, die die Wahrheit suchen, zweifelt an jenen, die sie finden oder meinen, sie gefunden zu haben“, hat der französische Literatur-Nobelpreisträger André Gide (1868-1951) einmal geschrieben. Daß die Religion sich mit dem ganzen Menschen, mit dem Ganzen der Existenz, ihrem Ursprung, ihrem Sinn, ihrem Zweifel befasst, kann man ihr nicht vorwerfen. Das ist ihre Aufgabe. Aber wer durch die Aufklärung und Moderne hindurchgegangen ist, dem kann, wenn er sich nicht selbst betrügt, nicht verborgen bleiben, daß es ein wortwörtlich sicheres Wissen über dieses Ganze, über die sog. letzten Dinge, nicht gibt. Wer dennoch auf Offenbarung pocht – sei er Jude, Christ, Muslim oder Hindu – muß sich der Obskurantismus- und der Toleranzfähigkeitsfrage stellen. Und, was noch schlimmer ist, er versündigt sich an seinen Mitmenschen, weil er mit der Berufung auf eine ihm zuteil gewordene Offenbarung Zweifel und Skepsis gar nicht zulässt und damit jeden Dialog willkürlich verkürzt oder gar abschneidet.

Dabei ähneln sich die Nächstenliebe- und Toleranz-Lehrsätze der Religionen:

Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, lehrt das Christentum. Liebe für alle. Haß für keinen, lehrt der Islam. Dennoch ist es eine fromme Lüge, daß die Religionen uns toleranter und friedlicher gemacht haben. Was Aufklärer wie Lessing uns einzuschärfen versuchten, gilt es heute wieder ins Bewußtsein zu heben. Monotheistische Offenbarungsreligionen bedürfen der gründlichen Selbstkritik und Selbstreinigung, wenn sie für die Demokratie und das tolerante und friedliche Zusammenleben der Menschen tauglich gemacht werden sollen. Und sie bedürfen der Einhegung durch eine aufgeklärte Kultur der Zivilität und eines über den Glaubensgemeinschaften stehenden Rechts. Umso gefährlicher ist es, wenn heute in den USA ein protestantischer Bischof unter Beifall von Millionen Christen sagen kann: „Die Trennung von Kirche und Staat ist eine Fiktion. Die Nation ist das Reich Gottes, und damit basta!“ (so der protestantische Bischof von West Palm Beach in Florida, Harold Ray).

Der französische Innenminister Nicolas Sarkozy hat 2004 ein Buch veröffentlicht, in dem er vor allem Fragen des Islams in Frankreich behandelt. Bei aller berechtigter Kritik an Sarkozy’s Innenpolitik hat er darin eine wichtige Forderung aufgestellt: Wir brauchen einen europäischen Islam. Das läßt sich praktisch kaum besser erläutern als mit dem Beispiel, als 2004 zur Verteidigung von 2 französischen Journalisten Vertreter aller islamischen Verbände in europäischer Kleidung als Franzosen muslimischen Glaubens in den Irak fuhren um zu versuchen, die Geiseln frei zu bekommen, letztlich mit Erfolg. Noch ein solches Beispiel: 2006 bot sich der ehemalige Vorsitzende der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, an, sich gegen die im Irak entführte deutsche Geisel Susanne Osthoff austauschen zu lassen. Das waren Triumphe der Idee der Aufklärung.

Der Politologe jüdischer Herkunft Alfred Grosser, die christlichen Politiker Nicolas Sárkozy, Segolène Royal und Wolfgang Schäuble, und der muslimische Politikwissenschaftler Bassam Tibi fordern die Entwicklung eines pluralen und säkularen europäischen Islams. Die Frage ist aber: Kann Europa die muslimischen Migranten so integrieren, daß sie Europäer werden, ohne sie, wie es einst die Rückeroberer Spaniens während der Reconquista mit den verbliebenen Juden und Muslimen taten, als Morisken zu behandeln, also nur nach außen hin - etwa mit einem Paßdokument – als Europäer deklariert, innerlich aber im Orient oder Maghreb zuhause sind? Ist es möglich, islamische Identität und europäische aufgeklärte citoyennité zu vereinbaren? Multiple Identität kennt Grenzen. So kann man zum Beispiel nicht 2 Religionen angehören und im Regelfall auch nicht 2 Staatsangehörigkeiten besitzen. Aber europäische Gesellschaften sind säkulare Gemeinwesen. Gerade aus diesem Grunde ist es möglich, Muslim zu bleiben und Wahleuropäer zu werden. Also Integration ohne Assimilation.

Der Apostel Paulus schreibt im Ersten Korintherbrief (Kapitel 13) unter der Überschrift  Das Größte ist die Liebe:

„Die Liebe übt Nachsicht und handelt in Güte. Sie ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht und treibt nicht Mutwillen. Sie macht sich nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Aus diesen Worten spricht ein anderer Geist als der, der sich heute rechthaberisch und egozentrisch kokett, eifernd, oberlehrerhaft und unduldsam, teilweise gar arrogant als vermeintliche Renaissance des Religiösen in die Öffentlichkeit drängt.

In der Religion geht es um die Ehrfurcht vor dem Leben, vor der Würde eines jeden Menschen, vor der Wahrheit, die sich uns nie ganz erschließt. Es geht um das Wunder der Liebe, um Nachsicht mit der Unvollkommenheit der Menschen, um die Schönheit der Welt und die Unbegreiflichkeit von Haß und Zerstörung, um die Dummheit der Wissenden und um die Weisheit der Zweifelnden. 

Liebe also für alle auch Andersgläubigen und Andersdenkenden. Haß für keinen, auch nicht für Religionszweifler, Religionskritiker, Skeptiker, Agnostiker, Nonkonformisten, auch nicht für Häretiker, und selbst nicht für Atheisten und Konvertiten. In diesem aufgeklärten Sinne wünsche ich dem Postulat Liebe für alle. Haß für keinen weltweite Anerkennung und Verbreitung.

Ich danke Ihnen für die Langmut des Zuhörens.

Horst Schäfer - Rede vor der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Dietzenbach am 12. November 2004 anläßlich der Verleihung der Auszeichnung für Verdienste um den Gedanken der Völkerverständigung

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher und Stadtverordnete, sehr geehrter Herr Vorsitzender des Ausländerbeirats und Mitglieder des Gremiums, liebe Sympathisanten und Freunde des Gedankens der Völkerverständigung, sehr geehrte Zuhörerinnen und Zuhörer,

ich bedanke mich zunächst für die Gunst, vor Ihnen und damit öffentlich meine Gedanken zu dieser Ehrung darlegen zu dürfen. Ich stehe mit dem schlechten Gewissen eines öffentlichen Rechtsverletzers vor Ihnen, weil ich nach der Geschäftsordnung gar nicht vor Ihnen sprechen dürfte. An dieser Rechtslage ändert die heutige Zustimmung des Ältestenrates zu meiner Dankrede nichts. Zur erwarteten und notwendigen Danksagung in die förmliche Rolle eines öffentlichen Rechtsverletzers schlüpfen zu müssen, ist speziell für einen Richter – selbst noch im Ruhestand – eine Zumutung. Für einen – im Berufsleben zwei Jahre lang auch mit Disziplinarrecht beschäftigten - Richter ist das besonders tragisch. Der Anlaß der zum 10. Mal ausgesprochenen Auszeichnung hätte es eigentlich nahegelegt, dem Preisträger auch förmlich legal und ausreichend Gelegenheit zu geben, seine Gedanken zur Auszeichnung darzulegen.

Ich bedanke mich herzlich bei dem Gremium, das mich mit dieser Auszeichnung ehrt. Der Umstand, daß der Ausländerbeirat diese Auszeichnung einwandslos und einstimmig beschlossen hat, kann mich besonders ehren. Er hinterlässt bei mir – und natürlich auch beim Zuhörer und beim am politischen Ortsgeschehen Teilnehmenden – aber auch manche Fragen. 

Wird da ein vielgesichtiges wandelfähiges Chamäleon geehrt, dem alle auf den Leim gegangen sind?

Wird da ein konturloses Weichei ausgezeichnet, das keine Wände hat und gegen das man somit auch keine Einwände erheben kann?

Was ist ein solcher Preis wert?

Wird er nicht „nur“ von einem subalternen – und nur beratend legitimierten - öffentlichen Gremium verliehen?

Wie ist der Preis zu gewichten, etwa im Vergleich zu den verschiedenen Varianten der Freiherr-vom-Stein-Ordinaria, die zudem von den „richtigen“ – kommunalrechtlich zu Entscheidungen legitimierten - öffentlichen Gremien vermittelt werden?

Ist es denn richtig, eine Einzelperson auszuzeichnen, wo es doch so viele Organisationen und Vereine in der Stadt gibt, die tagtäglich den Gedanken der Völkerverständigung verbreiten, ja praktizieren?

So sehr ich mich als Einzelperson über diese Auszeichnung freuen kann, so sehr liegt das Gewicht dieser Auszeichnung doch gewiß in dem Wunsch und Willen des auszeichnenden Gremiums nach Verständigung der vielen unterschiedlichen Ethnien in unserer Stadt, nach friedlichem, gewaltfreiem, verständnisbereitem, solidarischem und gerechtem Zusammenleben, vielleicht sogar Mit- und Füreinander in unserer Stadt. Die Vision einer solchen Gesellschaft ist im Vorwort des von mir redigierten und editierten und gerade erschienenen Dietzenbacher Buches „Nachdenken über den 11.September“ pragmatisch beschrieben. Ich lege jedem diese Lektüre nahe. Sie mag als Alternative auf die immer wiederkehrende Warnung konservativer Politiker vor der „Illusion einer multikulturellen Gesellschaft“ verstanden werden, wie das gerade mal wieder der bayerische Innenminister Günter Beckstein - als Reaktion auf die angespannte interkulturelle Atmosphäre und aktuelle Sicherheitslage in den Niederlanden – ausgesprochen hat. 

Wie könnte man diese Vision verständlich machen?

Man vernimmt mit Staunen, daß die Anzahl derjenigen Deutschen, die Deutschland auf Dauer verlassen, von Jahr zu Jahr zunimmt. Diese Inländer fühlen sich – an den Küsten der Balearen, der Ägäis, der Levanthe und am Golf von Thailand – offenbar gerne als Ausländer. Sind soziale Sicherheiten und günstige klimatische Verhältnisse, hohes Freizeit- und Spaßkulturniveau im fernen Aufenthaltsland oder noch etwas anderes die Gründe für dieses selbstgewählte Ausländer-Dasein auf Dauer? Oder ist es auch die Erfahrung, daß von dortigen Inländern neben dem Geldbeutel zuweilen auch die Menschenwürde der Ausländer in Form großer Gastfreundschaft respektiert wird und dort Werte gelebt werden, die wir bestaunen und/oder die bei uns verloren gegangen sind?

Wie gehen wir in Deutschland, in Dietzenbach mit unseren Ausländern um?

Was sperrt sich in uns zu begreifen, daß alle die zu uns gezogenen Ausländer auch ihre Menschenwürde, ihre Menschenrechte mitbringen, die allzu oft bereits im Herkunftsland schwer verletzt wurden, und dessentwegen sie sich gar nicht zu artikulieren trauen?

Warum fällt uns der Gebrauch des Schimpfwortes „Asylant“ – ähnlich „Spekulant“, „Simulant“, „Denunziant“, „Demonstrant“ – ärger noch: „Wirtschaftsasylant“ so leicht?

Warum fällt uns – den Bewohnern der Ersten Welt – das Bekenntnis so schwer, daß wir entscheidend – insbesondere aus eigennützig ökonomischen Gründen – zu dieser Migration beitragen? Ein New Yorker Börsenmakler sprach - während des U.S.-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes – vor etwa 4 Wochen ganz locker in ein Reportermikrophon: „Was kümmern mich Krieg und Menschenschicksale im Irak, Hauptsache der Ölkurs steigt.“ Sind das unsere Werte?

Was mag vor diesem Hintergrund in den Köpfen unserer Ausländer vorgehen, wenn vor ihnen die rhetorische Dauervorhaltskeule des „Einbruchs in unsere Sozialsysteme“ geschwungen wird? Wer sind eigentlich die Sozialeinbrecher?

Waren die bewegendsten Sozialfälle der letzten Jahre, Florida-Rolf und Viagra-Kalle, eigentlich Ausländer?

Was mag ein Migrant denken, dem der Begriff einer ihm gewährten „Kettenduldung“ in seine Heimatsprache übersetzt wird? Legt dieses Wort sprachliche Sensibilität beim Umgang mit Migranten nahe? Zum Verständnis für Inländer: Dieses Wort ist der aktuellen Debatte um das Zuwanderungsgesetz entnommen. Eine Kettenduldung ist der mehrfach verlängerte „Ausreiseaufforderungsaufschub“, anders ausgedrückt: das mehrfach förmlich verweigerte Bleiberecht des Ausländers. Der Migrant hat die sehr oft schweren Ketten seines Herkunftslandes hinter sich gebracht und wird in seinem neuen Aufenthaltsland bereits sprachlich schon wieder in Ketten gelegt. Wäre „Kettenduldung“ ein Vorschlag für das Unwort des Jahres? Wie weit ist dieses Wort etymologisch von der Wortschöpfung „Umschlagplatz“ - als Sammelplatz für Juden an der Warschauer Stawki-Ulica zum Abtransport in die Konzentrationslager - entfernt?

Ich komme noch einmal zum Inhalt der Auszeichnung zurück, dem Wunsch des Gremiums nach Aktivitäten und Initiativen zur Völkerverständigung vor Ort. Die Reihe der Preisträger zeigt auf, daß es meist keine Amtsträger, meist auch keine Ehrenamtlichen waren, die für die Völkerverständigung vor Ort ausgezeichnet wurden. -Eine Theologin befördert den Dialog der Religionen und feiert gemeinsame Gottesdienste mit Menschen anderer Religionen.

-     Ein Feierabend-Sportler holt um Mitternacht deutsche und nicht-deutsche Jugendliche von der Straße und treibt mit ihnen Sport.

-     Zwei Kinderärzte nehmen sich nicht nur der gesundheitlichen sondern auch der sozialen Ursachen für Erkrankungen von Kindern an.

-     Eine deutsch-türkische Frauengruppe bietet Gelegenheit zu sensibel emanzipatorischen, kulturübergreifenden, gemeinsamen Unternehmungen an.

-     Eine Migrantenberatungsgruppe gibt umfassend praktische Lebenshilfestellungen und Ratschläge.

-     Ein junges Gastronomenduo bietet in- und ausländischen Jugendlichen die Möglichkeit zu einem offenen Treffpunkt in einem historischen Kellergewölbe in der Altstadt.

-     Ein Unterstützerkreis tritt ein für eine ausländische Rumpffamilie, der im Falle der Abschiebung das Auseinanderreißen der Familie im Herkunftsland droht.

Diese Preisträgerfälle zeigen auf, daß eine Gesellschaft zwar von gewählten Amtsträgern gesteuert und von vielen Ehrenamtlichen getragen wird, daß es aber auch vieler engagierter, offener, neugieriger Bürger ohne Amt und ohne Ehrenamt bedarf, um ein bürgerfreundliches Gesellschaftsklima zu schaffen, selbst bei Begegnungen nur im Hochhausaufzug, am Bank- oder Postschalter, im Arztwartezimmer, im Sportverein oder in der Kundenschlange an der ALDI-Kasse. Dieser Kreis der gewissermaßen Amtslosenwird - nach meinem Verständnis - mit mir ausgezeichnet.

Das mit den Beispielsfällen der Preisträger beschriebene Für- und Miteinander ist gelebter positiver Pluralismus. „Der Wert des Pluralismus als politisches Prinzip ist im öffentlichen Bewusstsein nur sehr unzureichend verankert“, sagte kürzlich der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Altmeier in einem Interview.

Was wollte er damit sagen?

Etwa nur das Nebeneinanderherleben von Individuen, die Existenz von Parallelgesellschaften?

Pluralismus ist der Wert der Vielfalt, der Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender und offen, verständnisvoll und fair miteinander konkurrierender Menschen, Mächte, Meinungen, Missionen, Mitgestaltern an demokratischer Willensbildung und Mitverfechtern des Rechts- und Sozialstaates. Daran nehmen auch Nicht-Deutsche teil. Wenn sie das oft nur unzulänglich tun, ist es dann nicht unsere Aufgabe, ernsthaft die Gründe hierfür zu erforschen und sie für eine aktive Verteidigung dieser pluralistischen und demokratischen Werte zu gewinnen? Was wissen wir denn von den Werten und den Menschenrechten in den Herkunftsländern der Nicht-Deutschen? Und: Leben uns diese Nicht-Deutschen nicht auch Werte vor, um die wir sie beneiden können? Zum Beispiel die Fürsorge für alle Familiengenerationen, der Respekt vor der Lebens- und Arbeitsleistung des älteren Menschen, die Hochachtung vor der Gastfreundschaft, die Gelassenheit der Lebensphilosophie, oder die arabische Lebensweisheit: Wenn du redest, muß deine Rede besser sein als es dein Schweigen gewesen wäre.

„Ausländische Mitbürger, die sich rechtmäßig und friedlich hier aufhalten, sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft“, heißt es im CDU-Wahlprogramm für Schleswig-Holstein. Ich wünschte, dieser Gedanke fände über alle Parteigrenzen hinweg weite Verbreitung und würde sich auch im Dietzenbacher Rathaus einnisten. Die 36-jährige senegalesische Migrantin Fatou Diome, zur Zeit Literaturwissenschaftlerin an der Universität Straßburg, schreibt in ihrem im September 2004 erschienen Buch Le ventre de l’Atlantique, im deutschen Titel Der Bauch des Ozeans: „Ich suche meine Heimat dort, wo man die Vielfalt schätzt, ohne sie auseinanderzudividieren. Ich suche meine Heimat dort, wo man Menschen nicht zerstückelt.“ Ach, könnten wir ihr und uns diesen Wunsch nicht erfüllen?

Für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld herzlichen Dank, tessekür ederim, shukrija, chong rachmat, mahalo, gracias, hvala, kösenem, dzienkuje, bolschoje spacibo, mange tak, kösönöm, merci and at least thanks a lot.

Horst Schäfer - Rede zur Eröffnung der Kunstausstellung „Orientalische Brunnen“ im Foyer des Rathauses Dietzenbach am Mittwoch, dem 23. Juni 2004, 18.00 Uhr

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher Peter Gussmann, sehr geehrte Freunde und Sympathisanten des friedvollen, verständnisbereiten, gewaltfreien und gedeihlichen Zusammenlebens der Kulturen in Dietzenbach,

das soeben von dem Steinberger Musikensemble Saitensprung vorgetragene bekannte französische Volkslied Sur le pont d’Avignon besingt das Geschehen auf der Rhone-Brücke St.Bénézet und greift den Brunnenort Avignon auf, den Jelena Hild in ihrem frischen Aquarell gemalt hat und hier ausstellt. Die beiden ebenfalls vorgetragenen türkischen Brunnenlieder greifen das Thema der Ausstellung auf. Ich begrüße Sie alle – wenn auch etwas verspätet – sehr herzlich zur endlich offiziellen Eröffnung der Ausstellung „Orientalische Brunnen“, die der gemeinnützige Verein Zusammenleben der Kulturen in Dietzenbach zusammengestellt hat. Ich danke zunächst den Bürgern, die uns Photos für diese Ausstellung geliehen haben. Ich danke insbesondere meinem Freund Ali Ercan, der mir von seiner letzten Türkei-Reise einen Bildband mit sämtlichen öffentlichen Brunnen in Istanbul mitgebracht hat. Ich danke auch den Rathaus- und Bürgerhausverantwortlichen dafür, daß sie uns dieses geräumige Foyer für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt und uns auch beim Aufstellen der Stellwände geholfen haben.

Wir zollen der Stadtverordnetenversammlung großen Respekt für den weitsichtigen Beschluß, in der geplanten neuen Stadtmitte einen orientalischen Brunnen errichten zu lassen. Wir schätzen es auch sehr, daß der Bürgermeister Stephan Gieseler den Investor des geplanten Marktgebäudes, Herrn Albert Ten Brinke, davon hat überzeugen können, den Bau eines solchen Brunnens in den städtebaulichen Vertrag zu übernehmen, und so den städtischen Haushalt damit nicht zu belasten. Wir begrüßen diese Entscheidungen sehr, wir wollen sie mit dieser Ausstellung begleiten und wir wollen dem Sinn von Wasser und Brunnen im Allgemeinen und von orientalischen Brunnen im Besonderen nachspüren. Vorweg sei bemerkt, daß die hier gezeigten orientalischen Brunnen keine architektonischen Vorbilder für den geplanten Brunnen sind, sie wollen aber durchaus ästhetische Spannungen aufbauen und zum Nachdenken anregen über die Notwendigkeit von Brunnen und Wasser im öffentlichen Raum sowie über die Bedeutung eines orientalischen Brunnens in Dietzenbach.

Ich lade Sie ein zu einem Spaziergang durch die Wassermythen der Völker und Kontinente. Dem Wasser kam und kommt bis heute in den westlichen und östlichen Traditionen eine besondere Bedeutung zu, weil alle Lebensformen unmittelbar an sein Vorhandensein geknüpft sind. Wasser ist viel mehr als ein chemischer Aggregatszustand. Wasser versinnbildlicht die Quelle des Lebens. Wasser hat verschiedene Ursprünge, Zwecke, Sinn- und Symbolgehalte. Es hat elementare Bedeutung in Religionen, in Kulturen, in Ethik, für die Zivilisation.

Fangen wir bei den Religionen an: Für den Hindu fließt das Leben durch viele Existenzen hindurch. Die Idee des samsara drückt diesen Fluß des Lebens aus von der Geburt bis zum Tod und zur Wiedergeburt und immer so weiter. Die Hindus verbrennen ihre Toten und streuen ihre Asche in den heiligen Fluß Ganges, und sichern so der Seele das Weiterleben. Ramana Maharchi, der Weise vom Berge Arunachala, beschreibt dies in einer wunderschönen Parabel so: „….Ist nicht der Lebensstrom durch ungezählte Verkörperungen, Geburten und Tode, Freuden und Leide hindurchgegangen, genau wie das Wasser eines Stromes über Felsen, durch Höhlen, über Sandbänke, Erhebungen und Vertiefungen auf seinem Wege fließt? Der Strom bleibt davon unberührt ….."

Der Rabbi Chama lehrt im Talmud die Juden: „Ein Regentag ist so groß wie der Tag, an dem Himmel und Erde erschaffen wurden, denn es heißt: <Träufelt, Himmel, von oben, die Lüfte sollen das Recht rieseln, die Erde soll sich öffnen, Hilfe sollen sie fruchten lassen, und Gerechtigkeit soll sie sprießen lassen zumal> ….“

Im Judentum wird jegliche religiöse und hygienische Unreinheit, insbesondere durch Blutfluß, durch Reinigungsrituale beseitigt, bei denen immer Wasser eine Rolle spielt. Man denke an die Mikwe.

Johannes, der Sohn des Zacharias, tauft Jesus im Wasser des Flusses Jordan, und alle Christenkinder werden seither mit Wasser getauft. Die in der Reformationszeit gegründeten christlichen Wiedertäufergemeinden lehnen zwar die Kindertaufe ab, praktizieren aber die Erwachsenentaufe bei Aufnahme in die christliche Gemeinschaft.

Am 1. Juni 2003 fand in Berlin anlässlich des ersten ökumenischen Kirchentages vor 200.000 Menschen ein bewegender Moment statt. Katholiken und Protestanten reichten einander in der Wasserzeremonie das Gefäß, benetzten Hand oder Stirn ihrer Nachbarn mit dem Segenszeichen, oben auf der Bühne die Bischöfe und Kirchentagspräsidenten, unten vor dem Brandenburger Tor das Kirchenvolk.

In der Koran-Sure Qaf (50, 9-11) heißt es : „Und wir haben vom Himmel gesegnetes Wasser herabkommen und Gärten damit wachsen lassen, und Korn, das abgeerntet wird, und Palmen, hochragend, mit dicht besetzten Fruchtscheiden, den Menschen zum Unterhalt.“ Und in der Koran-Sure Die Propheten (21,30) steht: „Haben denn diejenigen, die ungläubig sind, nicht gesehen, daß Himmel und Erde eine zusammenhängende Masse waren, worauf wir sie getrennt und alles, was lebendig ist, aus Wasser gemacht haben?“ Und weiter in der Koran-Sure Das Licht (24,45): „Und er hat jede Art von Getier aus Wasser erschaffen.“ Und ein turkmenisches Sprichwort sagt: Nicht die Erde spendet Leben, sondern das Wasser.

Hinsichtlich des islamischen Dogmas und der sehr strikten Hygienevorschriften im Islam ist am Beginn der meisten Weihe-, Reinigungs- und Gebetsrituale Wasser dabei. Der gläubige Moslem muß sich vor dem Gebet mit Wasser reinigen. Der Leichnam wird mit Wasser gereinigt. Das ausgestellte Gemälde von Mageed Muhsin, einem seit über 10 Jahren in Dietzenbach lebenden irakischen Maler, greift diesen - schon babylonischen - Ritus auf.

In diesem symbolischen Zusammenhang ist auch das geheiligte Wasser des Flusses Zamzam zu sehen, dessen Quelle im Hofe des Hidjr am Fuß der Kaaba in Mekka liegt, einer derjenigen Momente, die den muslimischen Pilger auf der Hadsch am stärksten beeindrucken.

Ich ziehe ein Zwischenergebnis: Alle unsere Religionen mit all ihren elementaren Wasserzeremonien haben ihren Ursprung im Orient.

Kommen wir zur Ethik:  Wir fällen unsere Urteile über die Richtigkeit eigenen und fremden Verhaltens nicht nur unter Gesichtspunkten sachlicher Richtigkeit, sondern auch unter solchen, die wir Gesichtspunkte moralischer, ethischer oder auch sittlicher Richtigkeit nennen. Um moralisch, ethisch und sittlich sauber, rein zu bleiben, wäscht – ausweislich des Matthäus-Evangeliums – der römische Statthalter Pontius Pilatus nach seinem Todesurteil über Jesus öffentlich seine Hände mit Wasser und spricht: „Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerechten“ (Matthäus 27,24). Wasser als Mittel zur Reinigung von Schuld, zur Befreiung oder wenigstens Entlastung des Gewissens.

Vom religiösen und ethischen Symbolgehalt zum zivilisatorischen Nutzen des Wassers. Wie geht die fortgeschrittene Zivilisation mit Wasser um? Wir bestaunen die antiken Aquädukte, bewundern Aquarelle und fürchten Hochwasser und Aquaplaning. Wasser spendet Energie und treibt Mühlen an. Wir leiten Wasser auf die Mühlen derjenigen, die einem orientalischen Brunnen nicht mehr mit Skepsis begegnen. Wasser ist das wichtigste Lebensmittel überhaupt, konstatiert die deutsche Trinkwasserverordnung. Um diese Lebensresource drohen Kriege auszubrechen. Man denke an den Dauerstreit zwischen der Türkei und den Nachbarländern Syrien und Irak um das Wasser des gestauten Euphrat.

Parallel zur hiesigen Brunnenausstellung stellt UNICEF zur Zeit im Kreishaus Dietzenbach einen Wasserspender mit der Aufschrift Trinkwasser aus. Der Behälter enthält eine trübe Brühe und erinnert daran, daß in der Dritten Welt schmutziges Wasser oft Lebensgrundlage ist, mit all seinen Folgen für Gesundheit und Lebenserwartung.

Die Gewässerreinhaltung ist oberster Grundsatz deutscher und europäischer Wassergesetze. „Wer ein öffentliches Gewässer verunreinigt oder sonst dessen Eigenschaften nachteilig verändert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“, konstatiert – gewiß bürokratisch – § 324 des deutschen Strafgesetzbuches. Und die Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung rät Kindern und Eltern: „Nach dem Klo und vor dem Essen: Händewaschen nicht vergessen!“

Ich komme zu einem letzten aber sehr wichtigen Aspekt von Wasser und Brunnen im öffentlichen Raum, insbesondere zum Orientalischen Brunnen:

Brunnen spielen in allen Kulturen eine wichtige Rolle als Ort und Treffpunkt für Gespräche. Soziologen nennen das: Kommunikationszentrum. Die Wasserorgel von Marienbad, der Gerechtigkeitsbrunnen vor dem Frankfurter Römer sind Touristenmagneten, der 451 Jahre alte Langener Vierröhrenbrunnen ist städtisches Wahrzeichen und wird jetzt in einer Kopie im Hessenpark in Neu-Anspach aufgestellt. Ottorino Resphigi hat Römische Brunnen in einer Konzertsuite weltberühmt gemacht. Das Film-Bad Anita Ekberg’s im Fontana di Trevi erinnert jeden Zeitgenossen an Dolce Vita. Jeder Granada-Besucher bringt sich ein Photo vom Brunnen im Innenhof derAlhambramit. Der Brunnen an der Linde vor dem Steintor in Bad Soden-Allendorf an der Werra dient dem deutschen Dichter Wilhelm Müller 1822 als gedankliche Vorlage für sein Gedicht Am Brunnen vor dem Tore und Franz Schubert’s Noten dazu machen es unsterblich. 1826 schreibt Friedrich Silcher im Remstal das schwäbische Volkslied „Jetz’ gang i ans Brünnele, trink aber net,“ auf; an diesem Brunnen sucht ein verliebtes Mädchen vergeblich seinen Schatz und schreibt ihm einen verzweifelten Abschiedsbrief. Wenn alle Brünnlein fließen lautet ein weiteres von Friedrich Silcher bearbeitetes populäres schwäbisches Volkslied. „Dere geliyor dere, yalalel yalelel“ - „Frühling kommt, der Bach schwillt an, spül mich hin zu meinem Schatz ,“ heißt es in einem der bekanntesten türkischen Volkslieder. Und: „Yarim gitti cesmeye, yar yar yaraman“ – „Dort am Brunnen sah ich sie, meine Wunde brennt wie nie“, heißt es in einem weiteren ebenso bekannten türkischen Volkslied.

Der Brunnen – im Orient und Okzident gleichermaßen – als Ort für Sehnsüchte, Gefühle, Geschichten, Gespräche, auch für Klatsch und Tratsch. Der orientalische Brunnen dokumentiert – über die Architektur hinausgehend – allerdings auch Unterschiede. Der orientalische Brunnen ist ein Ort des Redens, des sprudelnden Erzählens und des Zuhörens. Die orientalische Kultur ist eine Kultur des Redens, des Erzählens. Die Märchen aus 1000 und einer Nacht belegen das. Der Redner genießt in der Türkei allergrößte Hochachtung. Der Lehrer ist ein Redner. Atatürk sagte: „Der Lehrerberuf ist der wichtigste und achtungswürdigste Beruf in der Türkei überhaupt“. Dahinter steckt der Respekt und die Verantwortung vor dem gesprochenen Wort. In der Türkei, so modern sie teilweise auch sein mag, funktioniert dieser verbale zwischenmenschliche Kontakt viel besser, auch viel zuverlässiger als der schriftliche Kontakt. Die Wahrnehmung ist entsprechend genauer. Die Telefonrechnung ist im türkischen Haushalt viel höher als die Ausgabe für Briefmarken.

Die europäische Kultur ist dagegen eine Kultur des Schreibens und des Lesens. Die Dichte der Lebensweise und demokratische rechtsstaatliche Umgangsstrukturen sind auf die Schriftform angewiesen und das Individuum profitiert von seiner Verläßlichkeit. Die Formenstrenge der Schriftform erzeugt aber auch Probleme und Beschwernisse für das Individuum. Wir wissen das alle, und haben das bei Behördengängen auch schon alle persönlich erfahren, Einheimische und Fremde. Der spöttische Vers von Erich Kästner. „Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare“,ist viel mehr als ein lustiger gereimter Sinnspruch. Paul Celan hat uns in seiner Todesfuge ins Stammbuch geschrieben. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“

Ein wichtiger Kulturunterschied tut sich da auf. Deutsche mögen sich zwar für orientalische Migranten interessieren, weil sie reden, oder auch schon mal Gegen die Wand fahren, aber ihre Wahrnehmung läuft doch eher darauf hinaus, daß sie eigentlich den Einzelnen gar nicht wahrnehmen können. Sie werden dadurch Opfer des Wahrnehmungsplurals: die Türken, die Marokkaner, die Deutschen, die Armenier. Insgesamt ist es so, daß natürlich eine soziale Diskussion in den angeblich fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften besteht, daß aber alles auf Schrift beruht, daß die Dinge eine große Geltung haben, die schriftlich sind oder die in den Medien erscheinen, während das gesprochene Wort offenbar keine so große Bedeutung hat. Wir erinnern uns alle an die leeren Abgeordnetenbänke bei Bundestagsdebatten. Wer hört heute eigentlich noch im Radio ein Hörspiel ? In Deutschland ist es z.B. auch typisch, wenn man jemandem etwas sagt, daß er dann antwortet: „Erzähl’ mir doch nichts!“ oder: „Haben Sie das schriftlich?“, oder: „Machen Sie das schriftlich!“. § 38 des deutschen Verwaltungsverfahrensgesetzes legt fest: „Eine von einer Behörde erteilte Zusage oder Zusicherung bedarf zu ihrer Wirksamkeit der Schriftform.“ Wir sind natürlich sehr froh, daß der Beschluß zur Errichtung des orientalischen Brunnens in Schriftform vorliegt und wir werden alle davon profitieren.

Natürlich hat auch der Orient eine Schriftkultur. Im osmanischen Reich wurde die schwer entzifferbare arabische Schrift verwendet, die Koranschrift. Von daher ist jede Schrift heute noch für den einfachen Türken etwas Heiliges, also weniger zum Lesen, sondern etwas Ehrwürdiges. Wenn ein beschrifteter Papierfetzen auf der Straße liegt, wird er auch heute noch von vielen aufgehoben und z.B. in einem Mauerspalt abgelegt, damit er nicht getreten werden kann. Das ist mehr ein Gestus der Achtung vor der Schrift als eine Umweltschutzhaltung.

Vorurteile fangen mit dem Reden, der Sprache und dem Wahrnehmungsplural: die Deutschen, die Türken, die Juden, die Armenier, an. Diese Vorurteile werden am besten dadurch abgebaut, daß man Direktes, Persönliches, Individuelles vom Fremden erfährt. Zwischen den Menschen ist es eben so, daß sie einander nicht objektiv sehen, diese Objektivität gibt es überhaupt nicht, sondern man versteht den Anderen immer dadurch, daß man etwas von sich selbst in ihm sieht. Und wenn das geschieht, dann können solche kalten, leeren Plurale, die historisch sogar sehr gefährlich sind – die Türken, die Juden, die Armenier – endlich abgebaut werden.

Die Stadtverordnetenversammlung hat den Bau eines orientalischen Brunnens beschlossen und will damit Gelegenheiten schaffen zum Treffen, zum Erzählen, zum Sprechen, zum Reden, zum Zuhören. Das ist gerade für die Stadt Dietzenbach mit ihrem über 30-prozentigen Anteil an nicht-deutscher Bevölkerung eine weise Entscheidung. Dieser Ort ermöglicht Menschen zu sprudeln, zu erzählen, dabei die eigenen Schwächen, die Lebensniederlagen, Demütigungen, Erniedrigungen und Selbsterniedrigungen, das Unwissen, das Unvermögen und Versagen mitzuerzählen. Das trägt dazu bei, die verheerende Gleichgültigkeit zu beseitigen. Der Orientale will sehen, mit wem er spricht, ihn vielleicht sogar anfassen. Lassen Sie uns von dieser Neugierde lernen. Reden, sprechen, erzählen lenkt das Sehen, es stellt Bilder aus Worten her, damit wir nicht ständig alle laufen und schauen müssen, um etwas über die Situation zu erfahren, sondern sie im Sitzen zur Kenntnis nehmen und in Ruhe bedenken können. Wer nicht über das Reden, Sprechen, Erzählen und Zuhören nachgedacht hat, weiß auch kaum etwas über die Gründe des Verstummens. Peter Huchel beklagt in einem berühmten Gedicht, daß die völlige Vernichtung Karthago’s im Jahre 146 v.Chr., dem Land mit hundert Brunnen, nur Scipio’s Tränen über die Kulturkatastrophe und taube Ohren der Geschlechter erreicht habe. Wollen wir weiter taub bleiben? Können wir daraus lernen?

Ein orientalischer Brunnen in Dietzenbach ist gewiß viel mehr als eine städtebauliche Verzierung, womit die parlamentarische Diskussion - teilweise zaghaft - geführt wurde. Er ist ein architektonisches Integrationssymbol. Das galt es aufzuzeigen. Er drückt den Willen aus, den interkulturellen Gesprächsfluß, der in der Stadt ehrenamtlich ja schon so lange, vielfältig und engagiert betrieben wird, weiterzuführen und nicht eintrocknen zu lassen, auch wenn dieser Fluß mäandert und lang ist, und mindestens 7 Brücken über ihn geführt werden müssen. Ihre Geduld, meiner Rede zugehört zu haben, ist ein guter Anfang. Ich danke Ihnen dafür.