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Horst Schäfer: Rede vor der Ahmadiyya-Gemeinde 2007

LIEBE FÜR ALLE, HASS FÜR KEINEN

Rede vor der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat Dietzenbach am Sonntag, dem 15.April 2007 im Europa-Haus Dietzenbach

Sehr geehrte Veranstalter von der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat, verehrte Freunde des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen und der Religionen, liebe Gäste,

die Ahmadiyya-Muslim-Jamaat gibt mir Gelegenheit - zwar für eine Sonntagsrede - aber auch zu einem spannenden Thema zu sprechen, das wie eine Selbstverständlichkeit daher zu kommen scheint. Aber ist es wirklich – über ein religiöses Postulat hinausgehend - eine Selbstverständlichkeit: Liebe für alle, Haß für keinen ?

Und verstehen alle Leser dieses Satzes dasgleiche darunter?

Eine der wesentlichsten geistigen Entwicklungen des Abendlandes zum Thema Nächstenliebe und Toleranz hat uns – vor annähernd 300 Jahren – die Epoche der Aufklärung hinterlassen. Sie kulminierte – literarisch – in Lessing’s Ring-Parabel. Diese soll die tiefe gemeinsame Wahrheit aller 3 Weltreligionen, des Judentums, des Christentums und des Islam versinnbildlichen. Alle 3 großen Buchreligionen sind danach gleichwertig. Die gemeinsame Wahrheit besteht in einem Ring, der seit vielen Generationen in einem mythischen Königshaus des Orients weitergegeben wurde und seinem jeweiligen Besitzer die Eigenschaft verlieh, ihn „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen. Der vorläufig letzte König in der Kette, vor die Frage gestellt, welchem seiner 3 gleichermaßen geliebten Söhne er den Ring geben sollte, umging das Problem, indem er 2 ununterscheidbare Ring-Duplikate anfertigen und den Streit um den echten Ring mit den Worten schlichten ließ:

„Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach. Es strebe von euch jeder um die Wette die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf!“

Wie agieren nun die – in die Metapher von den 3 Königssöhnen eintretenden – Personen? Der christliche Tempelherr rettet Recha, die Tochter des Juden Nathan vor dem Feuertod. Der islamische Potentat Saladin hebt ein zuvor gegen den christlichen Tempelherrn ausgesprochenes Todesurteil auf. Und der Jude Nathan hilft dem muslimischen Herrscher Saladin mit einem großzügigen Geldgeschenk aus großer Finanznot. Alle 3 also folgen der humanitären Praxis aufklärerischen Handelns. 

Noch ein – literarisches – Beispiel solch humanitären Toleranz-Verständnisses aus abendländischer Hochkultur: In Mozart’s Oper Die Entführung aus dem Serail vergilt der Orientale Selim Bassa Böses mit Gutem, indem er an Belmonte, dem Sohn seines ärgsten Feindes, anstatt einer nur zu verständlichen Rache zu frönen, wohlwollende Gnade übt. Der Orientale entpuppt sich also als der menschlichere Mensch.

Zurück zur Ring-Parabel. Was hat sie uns lehren sollen? Und wie weit ist unsere Toleranzpraxis von diesem Aufklärungsideal entfernt?

Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Der Jude Nathan, der christliche Tempelherr und der Muslim Saladin – und auch der Muslim Selim Bassa - überschreiten die Handlungskonventionen und die traditionellen Grenzen ihrer jeweiligen Religionen. Sie betreten damit eine gemeinsame Basis humanitärer Vernunft, die sie der engen überkommenen Form des Gehorsams und der Loyalität gegenüber ihren Glaubensgemeinschaften enthebt, und sie auf eine neue, der jeweiligen Offenbarung übergeordnete Toleranz verpflichtet. Die „göttliche Stimme der Vernunft“ erklingt nun gleichermaßen in den Beteiligten, deren Handlungen sich allerdings nicht mehr der göttlichen, unverfügbaren Gnade und Zugehörigkeit zu religiösen Institutionen, sondern allein der Erfahrung menschlicher Unmittelbarkeit und einer religiösen Selbstoffenbarung in ihren guten Taten verdanken.

Liebe für alle, Haß für keinen. Nächstenliebe und Toleranz also ungeteilt und interpretatorisch nicht Thora, Talmud, Bibel, Katechismus, Koran, Sunna und Hadithen sondern alleine humanitärer Vernunft folgend.

Kann man den sehr erwünschten sog. gesellschaftlichen „Dialog der Religionen“ fortsetzen und diese Erkenntnis der Ethik und Moral hintanstellen?

Und würde man es tun: Ginge man dann mit – für das tolerante und friedliche Zusammenleben der Kulturen und Religionen – notwendigen Grundwerten unserer pluralen säkularen Gesellschaft

eher angemessen, entgegenkommend, verständnisvoll und vertrauenswürdig  oder

eher leichtfertig, lax, oberflächlich, selbsttäuschend und gleichsam wie mit parallelgesellschaftlichen Standards um?

Alle Menschen, die den geistig-zivilisatorischen Fortschritt des Nächstenliebe- und Toleranz-Verständnisses der Aufklärung und die verbrieften konstitutiven Bürgerrechte als Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates verstanden und verinnerlicht haben, können nicht verstehen, weshalb es notwendig war, das Dokument der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen über die Menschenrechte von 1948 durch eine „Allgemeine Islamische Menschenrechtserklärung“ von 1981 und durch die „Kairoer Erklärung über die Menschenrechte im Islam“, verabschiedet 1990 von der Organisation Islamischer Staaten, überlagert worden ist. Auf dieser normativen Ebene werden die Menschenrechte direkt auf den Koran und die Scharia zurückgeführt. Dies führt zwangsläufig zu Konflikten mit der UN-Menschenrechtskonvention, u.a. bei der Frage der Religionsfreiheit.

Diese – nicht nur normative – Kluft trat im vergangenen Jahr beim sog. Karikaturenstreit offen zutage. Er hat uns vor Augen geführt, daß in der Wahrnehmung vieler eine Kluft zwischen den Menschen des sog. „Westens“ und den Menschen in der islamischen Welt besteht. Und diese Kluft droht größer zu werden. Zu viele falsche Wahrnehmungen und Vorurteile bestehen auf beiden Seiten. Zu viele Stereotypen bestimmen das Denken. Diese Unkenntnis wurde und wird von Demagogen und Extremisten mißbraucht. Mißbraucht zum Beispiel dazu, verletzte religiöse Gefühle in Haß umzuwandeln gegen Andersgläubige und Andersdenkende. Auch in Europa gibt es Vorurteile, auch die Europäer müssen mehr über Muslime und die vielfältige islamische Welt lernen. Auch die Europäer müssen lernen, daß durch Unkenntnis Entfremdung entsteht oder gar befestigt wird.

Wir brauchen mehr Menschen, die sich mutig und entschlossen für eine aufklärerische Toleranz innerhalb der eigenen Gesellschaften und Religionen sowie gegenüber anderen einsetzen. Ich fürchte, es sind noch zu wenige auf beiden Seiten, die Brücken bauen und sich für Pluralismus und aufklärerische Toleranz einsetzen.

Der katholisch-christliche Bischof Franz Kamphaus schreibt: „Interreligiöser Dialog, interreligiöse Begegnung zählen zu den vorrangigen Pflichten aller Religionen. Sie sind die Voraussetzungen einer Gesellschaft verschiedener Kulturen. Bis heute hält sich bei vielen Menschen die feste Überzeugung oder zumindest der Verdacht, vor allem die monotheistischen Religionen seien ihrem Wesen nach intolerant und friedensunfähig. Dies muß als Anfrage auch theologisch ernst genommen werden. Über die notwendige ehrliche Selbstkritik der Religionsgemeinschaften hinaus hängen deswegen ihre Glaubhaftigkeit und Überzeugungskraft entscheidend davon ab, ob und inwieweit sie – unabhängig von ihren eigenen Rechten und Interessen – in ihrem tätigen Einsatz für den Frieden, für die Rechte und legitimen Interessen anderer Menschen und Gruppen eintreten. Der interreligiöse Dialog wird sich in der Spannung von Respekt und Auseinandersetzung vollziehen müssen, ohne Berührungsangst und ohne Unterscheidungsangst.“

Was aber bedeutet heute Toleranz: „Mir ist egal, was du tust, vorausgesetzt dir ist egal, was ich tue.“ Für einen Erzieher ist dies keine Toleranz, sondern die Abdankung von Eltern und Lehrern. Toleranz ist auch nicht das Notprogramm, das es uns erlaubt, das zu erdulden, was wir nicht verstehen. Toleranz hat Spielregeln, sie beruht auf Gegenseitigkeit und verlangt keine Selbstaufgabe. Zu den Spielregeln gehört die Trennung von Religion und Politik und zur Gegenseitigkeit gehören Respekt und Akzeptanz von säkularer Demokratie und liberalem Pluralismus, aber auch Respekt und Anerkennung vor dem inneren Halt, den der Einzelne eben in der anderen Religion oder Geisteshaltung findet.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung mit dem Titel „Islamischer Religionsunterricht in Europa“ (von Irka-Christin Mohr, Transscript Verlag Bielefeld 2006) wurde 2006 herausgefunden, daß säkular in islamischen Kreisen  analog steht zu schädigend oder trennend, und daß diejenigen islamischen Gemeinden, die mit staatlicher Erlaubnis Religionsuntericht erteilen, eine Überprüfung der Lehrpraxis durch Hospitation und Gespräche mit den Lehrern verweigert haben. Wie weit ist der Weg von solcher Einstellung vom Bekenntnis zum demokratischen sozialen säkularen Rechtsstaat entfernt?

Toleranz verlangt Offenheit, Kreativität, Engagement und vor allem den Mut, mit vernunftgetragenen Taten für die Werte der Aufklärung zu streiten. Aus Achtung vor den Mitmenschen, aus Achtung vor ihren Überzeugungen und Lebensentwürfen verbietet aufgeklärte Toleranz, die eigenen Überzeugungen und Lebensentwürfe für allgemeingültig, heilig, geoffenbart zu erklären und sie anderen aufzuzwingen. „Glaubt jenen, die die Wahrheit suchen, zweifelt an jenen, die sie finden oder meinen, sie gefunden zu haben“, hat der französische Literatur-Nobelpreisträger André Gide (1868-1951) einmal geschrieben. Daß die Religion sich mit dem ganzen Menschen, mit dem Ganzen der Existenz, ihrem Ursprung, ihrem Sinn, ihrem Zweifel befasst, kann man ihr nicht vorwerfen. Das ist ihre Aufgabe. Aber wer durch die Aufklärung und Moderne hindurchgegangen ist, dem kann, wenn er sich nicht selbst betrügt, nicht verborgen bleiben, daß es ein wortwörtlich sicheres Wissen über dieses Ganze, über die sog. letzten Dinge, nicht gibt. Wer dennoch auf Offenbarung pocht – sei er Jude, Christ, Muslim oder Hindu – muß sich der Obskurantismus- und der Toleranzfähigkeitsfrage stellen. Und, was noch schlimmer ist, er versündigt sich an seinen Mitmenschen, weil er mit der Berufung auf eine ihm zuteil gewordene Offenbarung Zweifel und Skepsis gar nicht zulässt und damit jeden Dialog willkürlich verkürzt oder gar abschneidet.

Dabei ähneln sich die Nächstenliebe- und Toleranz-Lehrsätze der Religionen:

Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, lehrt das Christentum. Liebe für alle. Haß für keinen, lehrt der Islam. Dennoch ist es eine fromme Lüge, daß die Religionen uns toleranter und friedlicher gemacht haben. Was Aufklärer wie Lessing uns einzuschärfen versuchten, gilt es heute wieder ins Bewußtsein zu heben. Monotheistische Offenbarungsreligionen bedürfen der gründlichen Selbstkritik und Selbstreinigung, wenn sie für die Demokratie und das tolerante und friedliche Zusammenleben der Menschen tauglich gemacht werden sollen. Und sie bedürfen der Einhegung durch eine aufgeklärte Kultur der Zivilität und eines über den Glaubensgemeinschaften stehenden Rechts. Umso gefährlicher ist es, wenn heute in den USA ein protestantischer Bischof unter Beifall von Millionen Christen sagen kann: „Die Trennung von Kirche und Staat ist eine Fiktion. Die Nation ist das Reich Gottes, und damit basta!“ (so der protestantische Bischof von West Palm Beach in Florida, Harold Ray).

Der französische Innenminister Nicolas Sarkozy hat 2004 ein Buch veröffentlicht, in dem er vor allem Fragen des Islams in Frankreich behandelt. Bei aller berechtigter Kritik an Sarkozy’s Innenpolitik hat er darin eine wichtige Forderung aufgestellt: Wir brauchen einen europäischen Islam. Das läßt sich praktisch kaum besser erläutern als mit dem Beispiel, als 2004 zur Verteidigung von 2 französischen Journalisten Vertreter aller islamischen Verbände in europäischer Kleidung als Franzosen muslimischen Glaubens in den Irak fuhren um zu versuchen, die Geiseln frei zu bekommen, letztlich mit Erfolg. Noch ein solches Beispiel: 2006 bot sich der ehemalige Vorsitzende der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, an, sich gegen die im Irak entführte deutsche Geisel Susanne Osthoff austauschen zu lassen. Das waren Triumphe der Idee der Aufklärung.

Der Politologe jüdischer Herkunft Alfred Grosser, die christlichen Politiker Nicolas Sárkozy, Segolène Royal und Wolfgang Schäuble, und der muslimische Politikwissenschaftler Bassam Tibi fordern die Entwicklung eines pluralen und säkularen europäischen Islams. Die Frage ist aber: Kann Europa die muslimischen Migranten so integrieren, daß sie Europäer werden, ohne sie, wie es einst die Rückeroberer Spaniens während der Reconquista mit den verbliebenen Juden und Muslimen taten, als Morisken zu behandeln, also nur nach außen hin - etwa mit einem Paßdokument – als Europäer deklariert, innerlich aber im Orient oder Maghreb zuhause sind? Ist es möglich, islamische Identität und europäische aufgeklärte citoyennité zu vereinbaren? Multiple Identität kennt Grenzen. So kann man zum Beispiel nicht 2 Religionen angehören und im Regelfall auch nicht 2 Staatsangehörigkeiten besitzen. Aber europäische Gesellschaften sind säkulare Gemeinwesen. Gerade aus diesem Grunde ist es möglich, Muslim zu bleiben und Wahleuropäer zu werden. Also Integration ohne Assimilation.

Der Apostel Paulus schreibt im Ersten Korintherbrief (Kapitel 13) unter der Überschrift  Das Größte ist die Liebe:

„Die Liebe übt Nachsicht und handelt in Güte. Sie ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht und treibt nicht Mutwillen. Sie macht sich nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Aus diesen Worten spricht ein anderer Geist als der, der sich heute rechthaberisch und egozentrisch kokett, eifernd, oberlehrerhaft und unduldsam, teilweise gar arrogant als vermeintliche Renaissance des Religiösen in die Öffentlichkeit drängt.

In der Religion geht es um die Ehrfurcht vor dem Leben, vor der Würde eines jeden Menschen, vor der Wahrheit, die sich uns nie ganz erschließt. Es geht um das Wunder der Liebe, um Nachsicht mit der Unvollkommenheit der Menschen, um die Schönheit der Welt und die Unbegreiflichkeit von Haß und Zerstörung, um die Dummheit der Wissenden und um die Weisheit der Zweifelnden. 

Liebe also für alle auch Andersgläubigen und Andersdenkenden. Haß für keinen, auch nicht für Religionszweifler, Religionskritiker, Skeptiker, Agnostiker, Nonkonformisten, auch nicht für Häretiker, und selbst nicht für Atheisten und Konvertiten. In diesem aufgeklärten Sinne wünsche ich dem Postulat Liebe für alle. Haß für keinen weltweite Anerkennung und Verbreitung.

Ich danke Ihnen für die Langmut des Zuhörens.