Banner

Uwe Handschuch: Ansprache zum Tag der Religionsstifter "Respekt der Religionsstifter"

Uwe Handschuch: "Respekt der Religionsstifter aus der Perspektive des Christentums"

Ansprache am 28. November 2012 in der Bait-ul-Baqi-Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde Dietzenbach zum "Tag der Religionsstifter"

Herzlichen Dank für die freundliche Einladung zu diesem Abend. Danke, dass Sie hier Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammengebracht haben.

„Respekt gegenüber Religionsstiftern“ aus christlicher Sicht. Nun, Ich könnte es Ihnen und mir jetzt einfach machen. Ich könnte behaupten, dass das nicht unser und nicht mein Problem ist: wir sind ja ohnehin "die Guten", zum Beispiel weil allein die Tatsache, dass wir hier sind, für uns spricht. Aber ich glaube nicht, dass es so einfach ist, und deshalb möchte ich das Thema problematisieren.

Was ist eigentlich Respekt? Das allwissende Wikipedia sagt dazu: „Respekt (lateinisch respectus „Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung“, auch respecto „zurücksehen, berücksichtigen“) bezeichnet eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einem anderen Lebewesen (Respektsperson) oder einer Institution. Eine Steigerung des Respektes ist die Ehrfurcht, etwa vor einer Gottheit."

Und wir sehen schon an dieser Bandbreite, dass unter dem Wort „Respekt“ unterschiedliches verstanden werden kann. Zumal Respekt offenbar keine theoretische Angelegenheit ist, sondern eine Art Nagelprobe für die Praxis des Zusammenlebens. Es geht da nämlich um so numinose und nicht so genau festzulegende Dinge wie Glauben, Gefühle, eigene Unsicherheiten, Befindlichkeiten, Selbstbewusstsein, Zweifel, Öffentlichkeit, Stolz, usw. - und genau dadurch wird die Sache mit dem Respekt nicht einfacher.

Ich habe da als Christ ja schon meine Probleme mit dem Begriff „Religionsstifter“ im Titel dieser Veranstaltung: In meinem Falle soll wohl „Jesus“ damit gemeint sein. Aber Jesus Christus ist für uns Christen gerade kein Religionsstifter, sondern die Religion selbst. Mag es für Muslime anstößig sein, wenn sie „Mohammedaner“ genannt werden, ist das bei Christen ganz offenbar anders: Christen nennen sich und ihre Religion nach Christus. Ich glaube also nicht Jesus Christus und seiner Botschaft; ich glaube an Jesus Christus, Er ist nämlich die Botschaft in Person. Und das halte ich schon für einen entscheidenden Unterschied zu anderen „Religionsstiftern“.

Das hat auch Konsequenzen im Hinblick auf die Frage nach dem Respekt: Denn alles, was gegen Jesus Christus oder über Jesus Christus durch andere Religionen gesagt und gelehrt wird, kann für Christen damit sofort den Charakter der Gotteslästerung haben. Wenn Jesus Christus im Islam als Prophet gilt, dann mag das zwar auf der einen Seite durchaus eine Wert- und Hochschätzung ausdrücken, für mich als Christen stellt es aber eher eine deutliche Geringschätzung des Sohnes Gottes dar. Und wenn Muslime behaupten, dass Jesus gar nicht am Kreuz gestorben ist, sondern seinen Lebensabend in Indien und / oder Kaschmir verbracht hat, dann trifft das genau in das Zentrum meines Glaubens und meiner religiösen Gefühle, die dadurch verletzt werden können. Umgekehrt verhält es sich offenbar mit der christlichen Lehre von der Trinität: Die Dreieinigkeit des Einen Gottes in Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligem Geist stellt für Juden und Muslime wahrscheinlich ebenfalls eine Form von Gotteslästerung dar.

Ich denke, das macht deutlich, dass die Diskussion um „Respekt für Religionsstifter“ sehr vielschichtig ist – und dass man bei diesem Thema auch als frommer und friedfertiger Mensch seine Hände gerade nicht in Unschuld waschen kann: Mein Glaube widerspricht dem, was ein anderer glaubt, und das kann jenen verletzen und mir als Respektlosigkeit ausgelegt werden.

Es sind ja auch, systematisch gesehen, mehrere Personen daran beteiligt. Zum einen gibt es da die Person, um die es geht, also den sogenannten „Religionsstifter“. Zum anderen ist da die Person, die zu dem Religionsstifter in einem besonderen, positiven Verhältnis steht, also der „Gläubige“; zum dritten die Person, die sich als Außenstehende zu dem Religionsstifter auf irgendeine Art und Weise äußert, also der „Ungläubige oder Kritiker“; und zum vierten gibt es da all die Personen, die dieses Geschehen mittel- wie unmittelbar mitbekommen, also die „Öffentlichkeit“.

Ich will das einmal durchdeklinieren an einem Religionsstifter, der zwar nicht Gegenstand meines Glaubens ist (ich glaube also nicht an ihn), dennoch aber aus historischer und soziologischer Sicht durchaus als Stifter meines Zweiges der christlichen Religion gelten kann und für meine Gemeinde eine besondere Rolle spielt, weil sie sogar nach ihm heißt: Martin Luther.

Martin Luther lebte vor 500 Jahren, von 1483 – 1546 nach Christi Geburt. Er war Mönch, Priester, Theologe – in dieser Reihenfolge, und er sorgte mit seinem Protest gegen seine Kirche, mit seinen theologischen Schriften und vor allen Dingen mit seiner Bibelübersetzung für eine raumgreifende Veränderungsbewegung innerhalb der römisch-katholischen Kirche, der sogenannten „Reformation“, die dann schließlich zur Trennung und zu den verschiedenen evangelischen Kirchen unserer Zeit führte.

Martin Luther war zweifelsfrei eine historische Figur, ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er wurde geboren wie wir, und ist gestorben wie wir alle eines Tages einmal sterben werden. Ich, als evangelischer Theologe, verehre ihn wegen seiner unglaublichen Lebensleistung; ich bewundere seinen Mut, sich gegen die Übermacht des Papstes und der weltlichen Obrigkeit dafür eingesetzt zu haben, dass der einzelne Christenmensch einen unverbauten und unvermittelten Zugang zu Gott und zum Heil bekommen kann. Luther hat das religiöse Individuum entdeckt, (deshalb spricht heute Abend zu Ihnen auch nicht die evangelische Kirche, sondern der Gemeindepfarrer Uwe Handschuch). Luther hat die Bibel zurück in das Leben der Christen geholt, und er hat durch seine konsequente Lehre vom Priestertum aller Gläubigen gezeigt, dass es aus religiöser Sicht keine verschiedenen Klassen und Rangstufen in puncto Geistlichkeit und Heiligkeit mehr geben kann. Das finde ich toll!

Ich weiß aber auch, dass Luther gerade im Alter ein ekelhafter Antisemit wurde, dass er mit seinen Formulierungen und seinem Eifer andere sehr tief verletzen konnte. Für meinen Geschmack drückte er sich viel zu häufig viel zu derb aus. Und sowohl bei den Bauernkriegen als auch bei den Auseinandersetzungen mit den Wiedertäufern hat er meines Erachtens versagt, als er sich zu deutlich auf die Seite der regierenden Fürsten stellte. Zudem ist er mittelbar für einen der schrecklichsten Kriege in Deutschland verantwortlich (den dreißigjährigen Krieg) und auch für die schon Jahrhunderte währende Spaltung der Christenheit.

Sie sehen: „Mein Religionsstifter“ ist für mich als Protestant kein Heiliger, er ist nämlich als Mensch für mich gerade nicht sakrosankt. Ich bewundere diesen Menschen, dazu gehört aber auch, dass ich auch seine negativen Seiten nicht aus dem Blick nehme. Und wenn sich ein Außenstehender negativ über diesen Menschen äußert, dann weiß ich, dass es dafür genug Gründe gibt. Und bei Luther war das gerade schon zu Lebzeiten so. Wenn Sie einmal die Gelegenheit haben, sich im Internet oder in einem Museum die Karikaturen aus der Reformationszeit anzuschauen (Ja, religiöse Karikaturen haben in unseren Breiten eine über fünfhundert Jahre lange abendländische Tradition!), dann sehen Sie, dass beide Seiten alles andere als zimperlich miteinander umgegangen sind: Luther wurde damals von seinen Gegnern als verfressenes, versoffenes Mönchlein dargestellt, und die Evangelischen verteufelten dafür den Papst in Rom inklusive Hörner und Hufen.

Natürlich tut es mir als Evangelischen weh, wenn sich andere über den Namensgeber meiner Gemeinde negativ äußern, lustig machen oder seinen Namen in den Schmutz ziehen. Und noch mehr schmerzt es mich, wenn das gegenüber Jesus Christus geschieht. Aber wundern und überraschen tut mich das nicht wirklich. Denn die Respektlosigkeit gerade gegenüber der zentralen Person meines Glaubens gibt es von Anfang an und liegt meines Erachtens gerade im Wesen von Religion an sich begründet. Religion ist ja eben nie unmissverständlich, Religion handelt nämlich von Gott, der alles Verstehen übersteigt – und zwar auch für die Menschen, die an ihn glauben. Wie soll das dann einer verstehen, der nicht glauben kann?

Schon der Apostel Paulus machte deutlich, dass die Botschaft vom gekreuzigten Gott für die griechische Intelligentia seiner Zeit eine Torheit ist und für seine jüdischen Zeitgenossen einen Skandal darstellt (1. Korinther 1,23). Und das Neue Testament schildert das ganz plastisch. Das Kreuz ist der Ort, an dem Jesus Christus nackt und bloß und in aller Angreifbarkeit hing und von allen Seiten verspottet und verhöhnt wurde: von den machthabenden Römern, von den einflussreichen Juden, von all den Schaulustigen und sogar von den mit ihm gekreuzigten Verbrechern. Ein Jude am Holz – das ist unmöglich; ein Gott, der stirbt, das ist dämlich. Und er lässt das auch noch alles mit sich geschehen! Für mich als Glaubenden, ist genau das aber ein deutliches Zeichen der Glaubwürdigkeit von Jesus Christus: wie er nämlich seine Botschaft von der Nächstenliebe und der Feindesliebe sogar an dieser Stelle durchhält. Und wie demonstrativ nahe mir genau an dieser Stelle Gott in meinem eigenen Leid sein will und sein kann.

Aber ich kann durchaus verstehen, dass es Menschen gibt, die das nicht verstehen können und wollen, und die das aus meiner Perspektive missverstehen. Als Nachfolger Christi, als Mensch, der in Seinen viel zu großen Fußstapfen laufen will, versuche ich aber auch deren Respektlosigkeiten zu ertragen. Denn ich weiß: Es ist nicht meine Aufgabe Gott gegen diejenigen zu verteidigen, die ihn verlästern - das kann und könnte Gott mit Sicherheit viel besser selbst. Es ist erst recht nicht meine Aufgabe, für einen Menschen, der schon 466 Jahre oder 1380 Jahre tot ist, vor Gericht zu ziehen oder gar seine Lästerer zu töten, um die Ehre dieses längst Verstorbenen wiederherzustellen.

Was ich kann, darf und vielleicht auch soll, das ist: Aufschreien, weil meine Glaubensgeschwister und auch ich selbst in unseren religiösen Gefühlen verletzt werden; Streiten, um mit Worten und Argumenten den Respektlosigkeiten zu begegnen. Und Warnen, dass der öffentliche Friede und das friedliche Zusammenleben von Menschen gestört wird, wenn die einen sich auf Kosten der anderen auf aggressive Art und Weise respektlos erweisen und nur die Verletzung des anderen im Blick haben.

Ich wehre mich als Christ aber bewusst gegen eine merkwürdige Auffassung von Stärke: Wenn reflexartig immer gleich entweder die Massen mobilisiert, die mediale Öffentlichkeit eingeschaltet oder die Mühlen der Justiz bemüht werden, um einen Lästerer in die Schranken zu weisen und mundtot zu machen; dann frage ich mich: Ist das wahre Stärke? Gibt das Zeugnis von einem fest gegründeten Glauben? Was ist Stärke: Auszuhalten oder zurückzuschlagen?

Und ich frage bewusst überspitzt: Liegt nicht die größte Gotteslästerung auf meiner Seite, wenn ich meinem Gott nicht zutraue, dass er sich selbst seiner Gegner zu erwehren weiß? Vielleicht will ja Gott aber die Freiheit seiner Menschenkinder so sehr, vielleicht will er ja sogar so sehr „keinen Zwang in der Religion“, dass er sich selbst sogar die Feindschaft und Respektlosigkeit von Menschen gefallen lässt?!

Ich für meinen Teil möchte lieber in einer Gesellschaft leben, in der es eine denkbar weite künstlerische Freiheit gibt und die Freiheit, sich auch polemisch und negativ zu religiösen Themen und Figuren des Glaubens äußern zu dürfen, als in einer Gesellschaft, in der ein unbedachtes Wort oder ein falsches Bild dazu führt, dass ich um mein Leben fürchten muss. Die Geschichte der Menschheit lehrt mich nämlich, dass Täter und Opfer da ganz schnell wechseln können.

Gerade da haben meines Erachtens in jüngerer Vergangenheit einige Muslime sich und ihrem Religionsstifter einen Bärendienst erwiesen: Wenn meine Antwort auf eine Karikatur des Propheten (z.B. mit einer Bombe im Turban) so aussieht, dass ich auf den Tod des Zeichners eine millionenschwere Belohnung aussetze, dann gebe ich der Karikatur recht und zeige, dass sie sogar sinnvoll und notwendig war. Und wenn ich gegen ein übles wie banales filmisches Machwerk vorgehe, das meinen Religionsstifter u.a. als blutrünstigen Feldherrn darstellt ("innocense of muslims"), indem ich mehrere Menschen töte, die mit diesem Film nichts zu tun haben, dann bestätige ich doch genau den Eindruck, den dieses Filmchen in der Öffentlichkeit erwecken will.

Die Christenheit hat da meines Erachtens durchaus ebenfalls viel Schuld in der Vergangenheit auf sich geladen. Im Namen und im Zeichen des Kreuzes Jesu Christi zu blutigen Feldzügen aufzurufen, war eine unglaubliche Respektlosigkeit gegenüber dem, der an diesem Kreuz gestorben ist. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass diejenigen, die ernsthaft zu meiner Religion gehören, inzwischen aus diesen jahrhundertealten schrecklichen Fehlern gelernt haben und alles dafür tun, dass sich das nicht wiederholen wird.

Ich stelle zum Schluss einmal eine gewagte These auf: Nach meinem Eindruck geht es bei den meisten Auseinandersetzungen zu unserem Thema in Wirklichkeit gar nicht so sehr um die Religionsstifter, sondern um die Gläubigen, die sich in ihrem Glauben angegriffen, lächerlich gemacht und nicht genug respektiert sehen. Wenn ich aber als allzu menschlicher Mensch gelernt habe, nicht nur über andere, sondern auch über mich und meine Unzulänglichkeit zu lächeln, wenn ich mich selbst also nicht für den Mittelpunkt der Welt und nicht zu wichtig nehme (das nennen wir übrigens „Humor“), dann kann ich Respektlosigkeit viel gelassener ertragen, ihr dadurch nicht neue Nahrung geben und ihr den Wind aus den Segeln nehmen.

Ich wünsche ich mir eine Welt, in der Menschen und ihr Glauben von allen respektiert werden. Ich möchte in einer Welt des Respekts, der „Rücksicht“ leben, aber dann soll dieser Respekt auch wirklich allen gelten – auch denen, die aus welchem Grund auch immer das gute Recht an nichts zu glauben vertreten, genauso offen und frei, wie ich meinen Glauben bekennen möchte.