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Kalif Mirza Tahir Ahmad: Ansprache 1990 zum interreligiösen Frieden

Ansprache des vierten Ahmadiyya-Kalifen Mirza Tahir Ahmad

am 24.Februar 1990 in der Elizabeth-Hall in London

Alle Religionen, welchen Namen oder Lehrgrundsatz sie auch immer haben, wo immer sie ihre Gläubigen und Anhänger haben und zu welchem Zeitalter sie auch immer gehören, haben das Recht zu behaupten, im Besitz göttlicher Wahrheit zu sein. Man muss auch zugeben, dass es höchstwahrscheinlich ist, dass die Religionen trotz der Unterschiede in ihren Glaubenssätzen und Lehren einen gemeinsamen Ursprung haben. Dieselbe göttliche Gewalt, die irgendeiner Religion in irgendeinem Teil dieser Welt zur Geburt verhalf, muss sich ebenso um die religiösen und geistigen Nöte anderer Menschen, in anderen Teilen der Welt und zu unterschiedlichen Zeitaltern gekümmert haben. Dies entspricht genau auch der Botschaft des Heiligen Qur’ân, der Heiligen Schrift des Islam.

Der Heilige Qur-ân sagt dazu „Und in jedem Volk erweckten Wir einen Gesandten, der da predigte: „Dienet Allah und meidet den Bösen/die Götzen.“ (Sure 16 Al-Nahl, Vers 37)

Der Heilige Qur-ân sagt weiterhin „ O Prophet Gottes, du bist nicht der einzige Prophet in der Welt. Und sicherlich entsandten Wir schon Gesandte vor dir; darunter sind manche, von denen Wir dir bereits erzählten, und es sind darunter manche, von denen Wir dir noch nicht erzählten; und kein Gesandter hätte ein Zeichen bringen können ohne Allahs Erlaubnis. Doch wenn Allahs Befehl ergeht, da wird die Sache zu Recht entschieden, und dann sind die verloren, die der Falschheit folgen.“ (Sure 40 Al-Moh’min, Vers 79).

Angesichts des Vorhergesagten wird offenkundig, dass der Islam anderen Religionen gegenüber die Wahrheit nicht als alleiniges Vorrecht beansprucht, sondern vielmehr mit aller Bestimmtheit erklärt, dass Gott sich durch alle Zeiten hindurch um die geistigen und religiösen Bedürfnisse der Menschheit gekümmert hat, indem er Gesandte in die Welt setzte, die jenen Menschen, für die sie bestimmt und beauftragt waren, die göttliche Botschaft überbrachten.

Alle Propheten sind gleich. Es stellt sich aber die Frage, wenn es denn in verschiedenen Teilen der Welt und in unterschiedlichen Zeitaltern so viele gottgesandte Propheten für die Menschheit gegeben hat, ob alle dieselbe göttliche Ermächtigung besitzen?
Dem Heiligen Qur-ân zufolge gehören alle Propheten zu Gott, und sofern es sich um ihre göttliche Ermächtigung handelt, üben sie ihre Vollmacht mit gleicher Macht und Kraft aus. Niemand hat das Recht, diesen oder jenen anderen Propheten unterschiedlich zu behandeln. Soweit es um die Echtheit ihrer Botschaften geht, müssen alle Propheten gleichbedeutend sein. Diese Haltung des Islam anderen Religionen und ihren Gründern sowie Propheten geringerer Beachtung gegenüber ist ein äußerst wichtiges verbindendes und festigendes Element zwischen den verschiedenen Religionen. Der Grundsatz, demzufolge die Echtheit der Offenbarung eines jeden Propheten diegleiche Rechtsstellung genießt, kann als außerordentlich mächtige, verbindende Kraft genutzt werden um verschiedene Religionen zusammenzubringen. Dies wandelt die feindselige Haltung gegenüber den Offenbarungen anderer Propheten und anderer Religionen hin zu einer Haltung von Respekt und Ehrerbietung. Und genau das wiederum ist der eindeutige und folgerichtige Standpunkt des Heiligen Qur-ân. Der Islam strebt zwischenreligiösen Frieden und Harmonie an. Der Heilige Qur-ân sagt dazu:

 „Dieser Gesandte, der Heilige Prophet Mohammed, glaubt an das, was zu ihm herabgesandt wurde von seinem Herrn, und (also) die Gläubigen; sie alle glauben an Allah, und an seine Engel, und an seine Bücher, und an seine Gesandten (und sprechen): Wir machen keinen Unterschied zwischen seinen Gesandten; und sie sagen: Wir hören und wir gehorchen, uns Deine Vergebung, o unser Herr! und zu Dir ist die Heimkehr.“ (Sure 2 Al-Baqarah, Vers 286)

Einer der Gefährten des Propheten Mohammed wurde mit einem unerschütterlichen Anhänger des Propheten Jonas in ein ziemlich heftiges Gespräch verwickelt. Beide Gesprächspartner beanspruchten, dass ihr jeweiliger Prophet den anderen an Vortrefflichkeit um Weiten überrage. Es schien wohl so zu sein, dass der muslimische Vertreter seinen Anspruch auf eine Art und Weise vertrat, die die Gefühle des Gefolgsmannes von Jonas verletzte. Der Jonas-Anhänger trat an den Propheten Mohammed heran und beschwerte sich über den Muslimen. Der Prophet Mohammed sprach die Gemeinde im Allgemeinen an und gab die folgende Instruktion:  „Erklärt mich nicht für höherstehend als den Propheten Jonas (Yunus), den Sohn Mattahs.“ (Hadithen-Sammlung Al-Bidaya wan Nihaya Libni Kathir, Band 1, Seite 171)

Diese Haltung des Propheten Mohammed wird durch eine weitere Überlieferung (Hadith) gestützt, in der ein Muslim in eine ähnliche Auseinandersetzung mit einem Juden verwickelt war. Beide beanspruchten und gegenbeanspruchten die jeweilige Überlegenheit ihrer spirituellen Führer. Und wieder war es der nichtmuslimische Vertreter, der es für angebracht hielt, sich gegen das Verhalten seines muslimischen Gegenübers beim Propheten Mohammed zu beschweren. Der Heilige Prophet Mohammed reagierte mit seiner gewohnten Demut und Klugheit und lehrte die Muslime dieselbe Lektion in Anstand und Höflichkeit ein weiteres Mal, indem er sie ermahnte: „Tut nicht meinen Vorrang über Moses kund.“  (Al-Bidaya wan Nihaya Libni Kathir, Band 1, Seite 237, siehe auch Hadithen-Sammlung Bukhari)

Um es kurz zu machen, es gebührt alleine Gott, über den vergleichenden Rang an Nähe der verschiedenen Propheten zu Ihm zu entscheiden und zu bestimmen. So lehrt – religionsintern - ja auch der Apostel Matthäus in der Bibel (Matthäus 20:1-16), dass es im Gottesreich dereinst eine Belohnung für gutes Wirken auf der Erde geben wird, aber unter der wichtigen Einschränkung, dass die Maßstäbe der Gottesgnade gänzlich unterschiedlich zu den Mäßstäben der Menschen sind. Nur am Rande möchte ich – vergleichsweise – erwähnen, dass eine soziale Komponente dieser Parabel eher im koranischen Weinbergsgleichnis (Sure 18 Al-Kahf Verse 31-42) zu finden ist.

Es ist durchaus vorstellbar, dass Gott - in einem bestimmten Zeitalter und im Zusammenhang mit einer bestimmten Religion - sein Wohlgefallen mit dem Propheten der Zeit in so starken Worten ausgedrückt haben mag, dass er erklärte, dass jener der Beste sei. Übersteigerungen können im Zusammenhang einer begrenzten Anwendung in Zeit und Raum immerhin genauso bedingt benutzt werden. So etwas hätte die Anhängerschaft dieser prophetischen Persönlichkeit leicht dazu verführen können zu glauben, dass sie die Beste und Heiligste für alle Zeiten und bis in alle Ewigkeit sei. Daran wahrhaftig zu glauben sollte nicht als Beleidigung anderer verstanden werden. Eine moralische Haltung würde verlangen, dass derlei Fragen nicht dafür genutzt würden, um zwischen den Religionen Spannung zu erzeugen. Genau das ist die wahre Bedeutung der zuvor zitierten Ermahnung des Propheten Mohammed. Würde das Festhalten an diesem Prinzip von Demut und Anstand von allen Religionen übernommen, stünde die Welt religiöser Auseinandersetzung viel besser da.

Die Frage der Erlösung, wie unschuldig sie oberflächlich betrachtet auch immer aussehen mag, ist eine große Gefahr für den Frieden in der Welt der Religionen. Es ist eine Sache, wenn eine Religion verkündet, dass diejenigen, die danach trachten vor Satan gerettet zu werden und Erlösung zu erlangen, in den sicheren Hafen dieser Religion eilen sollen; dort würden sie Erlösung finden und ewige Befreiung von der Sünde. Es ist jedoch eine ganz andere Sache, wenn dieselbe Religion im nächsten Atemzug verkündet, dass diejenigen, die nicht bei ihr um Schutz nachsuchen, auf immer und ewig verdammt wären; was immer sie tun würden um Gott zu erfreuen, wie sehr auch immer sie ihren Schöpfer und seine Schöpfung lieben würden, wie sehr auch immer sie ein Leben voller Reinheit und Frömmigkeit leben würden - mit absoluter Sicherheit wären sie zu einem immerwährenden Feuer verdammt. Wenn eine derartig unbeugsame, engstirnige und unduldsame Ansicht ihren Ausdruck in herausfordernder Sprache findet, wie es im Allgemeinen bei religiösen Eiferern der Fall ist, weiß man, dass so etwas gewalttätige Ausschreitungen hervorruft.

Menschen sind sehr unterschiedlich. Einige sind gebildet, kultiviert und vornehm, und dementsprechend sind ihre Reaktionen gegenüber den Beleidigungen, die gegen sie erhoben werden. Indes gibt es die große Masse religiös fühlender Menschen, seien sie gebildet oder ungebildet, die wahrscheinlich gewalttätig handeln, wenn ihre religiösen Gefühle verletzt werden.
Unglücklicherweise scheint dies das Verhalten der Geistlichkeit fast aller Religionen in der Welt gegenüber denjenigen zu sein, die mit ihren Glaubensvorstellungen nicht einhergehen. Selbst der Islam wird von den meisten mittelalterlichen Gelehrten als die einzig offenstehende Tür zur Erlösung in dem Sinne dargestellt, dass allen Nachkommen Adams, die außerhalb des Islam gelebt haben und starben, die Erlösung verweigert wird. Das Christentum bietet keine andere Ansicht, noch - meines Wissens nach - irgendeine andere Religion. Doch versichere ich meiner Zuhörerschaft, dass die Zuschreibung dieser scheinheiligen und engstirnigen Anschauung zum Islam keinerlei Berechtigung besitzt. Der Heilige Qur-ân hat uns diesbezüglich eine gänzlich andere Geschichte mitzuteilen. Dem Heiligen Qur-ân zufolge kann Erlösung von keiner einzigen Religion auf der Welt als alleiniges Vorrecht beansprucht werden. Selbst wenn neue Wahrheiten offenbart werden und neue Zeitalter der Erleuchtung anbrächen, wird denjenigen, die ohne eigenes Verschulden ein Leben der Unkenntnis führen, wie auch denjenigen, die allgemeinhin versuchen, ein Leben der Wahrheit zu leben, obwohl sie Erben einer falschen Denkweise waren, die Erlösung seitens Gottes nicht verwehrt werden. Die folgenden Verse aus dem Heiligen Qur-ân erläutern diesen Punkt weiter: “Einem jeden Volke haben Wir Andachtsübungen gegeben, die sie befolgen; sie sollen daher nicht mit dir streiten in dieser Sache; sondern rufe (sie) zu deinem Herrn. Wahrlich, du folgst der rechten Führung.“ (Sure 22 Al-Hadsch, Vers 68)

In einem anderen Vers verkündet der Heilige Qur-ân im selben Zusammenhang:  „Jene, die geglaubt haben, und die Juden und die Sabäer und die Christen - wer da an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag und gute Werke tut -, keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern.“ (Sure 5 Al-Ma’edah Vers 70)

Lassen sie mich daran erinnern, dass, obwohl das Volk des Buches auf die Juden und Christen anwendbar ist, es von der Anlage her eine weit größere Anwendbarkeit beinhaltet. Im Zusammenhang mit der koranischen Zusicherung „und es gibt kein Volk, bei dem nicht früher schon ein Warner erschienen wäre“ (Sure 35 Al-Fatir, Vers 25) und ähnlicher zuvor zitierter Verse, verbleibt keinerlei Raum für Zweifel, dass dies nicht nur die Völker des Alten Testaments und der Evangelien, oder der Torah und der Apostelgeschichte waren, denen das Buch gegeben worden war, sondern dass zum Wohle der Menschen mit absoluter Sicherheit auch andere Bücher geoffenbart wurden. Also müssen sämtliche Religionen, die einen Anspruch darauf erheben, auf göttlicher Offenbarung zu beruhen, in den Begriff Volk des Buches miteingeschlossen werden.

Darüberhinaus benutzt der Heilige Qur-ân den Begriff Sabi, was den Sachverhalt weiter klärt und Zweifel zerstreut. Sabi ist ein Begriff, der von den Arabern auf alle Anhänger nicht-arabischer und nicht-semitischer Religionen angewendet wird, die ihre eigenen geoffenbarten Bücher besitzen. Als solches wurde den Anhängern aller Religionen die Zusicherung gewährt, vorausgesetzt, es gelingt ihnen nicht, die Wahrheit einer neuen Religion zu erkennen (ungeachtet ihrer aufrichtigen Versuche des Verstehens), und sie weiterhin ehrlich und wahrhaftig an den Werten ihrer überlieferten Religion festhalten, dass sie von Gott nichts zu befürchten haben und ihnen Erlösung nicht verweigert werden wird.

Der Heilige Qur-ân verspricht, wenn er von welcher Partei der Gläubigen auch immer spricht, den Juden, Christen und Sabäern: „... sie sollen ihren Lohn empfangen von ihrem Herrn, und keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern.“ (Sure 2 Al-Baqarah, Vers 63).

Im Heiligen Qur-ân heißt es weiter: „Und hätten sie die Thora befolgt und das Evangelium und was (nun) zu ihnen hinabgesandt ward von ihrem Herrn, sie würden sicherlich (von den guten Dingen) über ihnen und unter ihren Füßen essen. Es sind unter ihnen Leute, die Mäßigung einhalten; doch gar viele von ihnen - wahrlich, übel ist, was sie tun.“ (Sure 5 Al-Ma‘edah, Vers 67)

Um die Muslime davon abzuhalten, all jene, die nicht dem Islam angehören, aufs Geratewohl hin zu verurteilen, erklärt der Heilige Qur-ân kategorisch: „Sie sind nicht (alle) gleich. Unter dem Volke der Schrift ist eine Gemeinde, die (zu ihrem Vertrag) steht; sie sprechen Allahs Wort in den Stunden der Nacht und werfen sich nieder (vor Ihm). Sie glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und gebieten das Gute und verwehren das Böse und wetteifern miteinander in guten Werken. Und sie zählen zu den Rechtschaffenen. Und was sie Gutes tun, nimmer wird es ihnen bestritten; und Allah kennt die Gottesfürchtigkeit wohl.“ (Sure 3 Al-Imran Verse 114 – 116)

Heutzutage besteht ein großes Missverständnis, das aus dem jüngsten politischen Wetteifern zwischen Muslimen und Juden entstand, nämlich, dass dem Islam zufolge allen Juden die Hölle bestimmt sei. Dies ist angesichts dessen, was ich zuvor aus dem Heiligen Qur-ân zitiert habe, wie auch gleichermaßen angesichts des folgenden Verses, vollkommen falsch:  „Und unter dem Volke Moses‘ ist eine Gemeinde, die durch die Wahrheit den Weg findet und danach Gerechtigkeit übt.“  (Sure 7 Al-A‘raf, Vers 160)