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Positionspapier der ARD zu Menschenrechtsvertstößen im Namen von Religionen

Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach zu Menschenrechtsverstößen im Namen von Religionen

Die Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach (abgekürzt ARD) hat sich seit ihrer Gründung im Jahre 2011 in öffentlichen Veranstaltungen mit Themen wie

-          Erziehung von Kindern zum Frieden,

-          Ehrfurcht vor dem Alter,

-          Einführung von Islamunterricht in Schulen,

-          Erbrecht in BGB und Koran,

-          Sarglose muslimische Bestattung auf deutschen Friedhöfen,

-          Früherkennung und Verhinderung der religiösen Radikalisierung von Jugendlichen,

-          radikale Hassprediger und Demagogen.

-          öffentlichen Friedensgebeten

beschäftigt. Die ARD war und ist bei allen Themen bemüht, Verständnis für unterschiedliche Positionen der Religionen und Religionsgemeinschaften zu wecken, Unterschiede ohne Abwertung oder Ausgrenzung in der Öffentlichkeit zu vertreten, und all das ohne allgemein-politisch Partei zu ergreifen.

Die ARD-Mitglieder haben sich in ihrer Gründungsurkunde verpflichtet, grundsätzlich nur zu lokalpolitischen Themen mit Bezügen zu Religion aufzuklären und Stellung zu nehmen. Die ARD und ihre Mitgliedsgemeinden haben sich in den vergangenen Monaten ausnahmsweise einmal mit Fragen der Darstellung und Bewertung religionspolitischer Weltkonflikte und einzelner Religionen in den Medien beschäftigt. Der öffentliche Diskurs über Menschen-rechtsverstöße im Namen von Religionen und die Medienberichterstattung darüber nimmt die ARD ausnahmsweise zum Anlass einer öffentlichen Stellungnahme. Denn dieser Diskurs droht den gesellschaftlichen Konsens über den Primat des säkularen Staates, die Zustimmung zur Beachtung und Verteidigung der Menschenrechte nach der UN-Konvention von 1948, und das pluralistische Selbstverständnis der Gleichwertigkeit aller Religionen zu gefährden.

Insbesondere die verschiedenen Nahostkonflikte können dazu verleiten, sich zugunsten nur einer Seite in den Konflikten zu positionieren. Dennoch sieht die ARD ihre Aufgabe darin, die verschiedenen Argumente und Perspektiven im Dialog zu halten und für einen respektvollen gewaltfreien Umgang der Religionen und Religionsgemeinschaften miteinander einzutreten und zu werben. Das gilt sowohl im Verhältnis zwischen den Religionen und Religionsgemeinschaften als auch innerjüdisch, innerchristlich und innermuslimisch.

Mögliche unterschiedliche Einschätzungen der - meist komplexen - Geschichte und der Gegenwart dieser Konflikte hält die ARD für legitim,

Appelle und Aufforderungen zum Einhalten wenigstens des international anerkannten Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit militärischer Aktionen gegen Zivilbevölkerung hält sie für angebracht,

das Rechtfertigen übermäßiger eigener militärischer Gewalt erachtet sie niemals für begründet,

das Erinnern an gewaltsamen Heimatverlust, an Kriegsverbrechen und an Vertreibung hält sie für notwendig,

das Verharmlosen von Verfolgungstatbeständen, wo immer das auch geschehen mag, hält sie für unredlich,

das historische Relativieren eigener Kriegsschuld mit Übergriffen des Kriegsgegners hält sie für ungenügend,

das Vergleichen von Gräueltaten erachtet sie für unethisch,

das Begründen von Menschenrechtsverstößen mit religiösen Auffassungen hält sie für verwerflich.

All dies hat in der ARD aber nicht dazu geführt, das insbesondere persönliche Gespräch unter den Mitgliedsgemeinden abreißen zu lassen.

Alle Mitglieder der ARD verurteilen Antisemitismus, Christenverfolgung und Islamfeindlichkeit. Sie verurteilen ebenso jegliche Menschenrechtsverstöße, die mit religiösen Lehren und Alleinvertretungsansprüchen begründet werden. Die ARD tritt auch dem durch viele Medienberichte über religiös begründete Gräueltaten genährten Eindruck entgegen, dies sei repräsentativ, symptomatisch oder typisch für die jeweilige Religion oder Religionsgemeinschaft. Die ARD unterstützt das Recht auf freie Religionsausübung, das Recht auf religionsgemeinschaftliche Verschiedenheit und tritt evtl. mehrheits-gesellschaftlichem Bedarf an Ungleichheit durch Ab- und Ausgrenzung zur Stiftung eigener Identität entgegen. Die ARD weist auch darauf hin, dass sich ihre Mitgliedsgemeinden zur Abwägung der Religionsfreiheit mit konkurrierenden Grundrechten, z.B. mit dem Grundrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit, in säkularem Staats- und Rechtsverständnis verpflichtet haben.

Entgegen dem durch Medienberichte geweckten Eindruck, der Islam sei eine grundsätzlich unfriedliche Religion, erlebt die ARD in Dietzenbach, dass in den einzelnen Mitgliedsgemeinden zur Verhinderung von Polarisierungen energisch und erfolgreich gegen religiös begründete Andersgläubigenfurcht, Fremdenfeindschaft, Ressentiments und Vorurteile gearbeitet wird. Die Anerkennung der Freiheit von und der Freiheit zu Religion jedes Einzelnen und jeder Gemeinschaft sind die Grundsätze der Arbeitsgemeinschaft der Religionen und bleiben ihre Vision.

Dietzenbach, am 19. Februar 2015

Leserbrief zum "Wirbel um angebliches Salafistentreffen in Dietzenbach"

Leserbrief des ARD-Pressesprechers Horst Schäfer zum Artikel „Wirbel um Salafistentreffen in Dietzenbach“ in der Ausgabe der Offenbach-Post vom 21. Januar 2015

„Die Freunde von Pierre Vogel sollen sich in Dietzenbach getroffen haben. Der HR-Reporter und selbsternannte Islamismus-Experte Volker Siefert hat es in die Welt gesetzt. Die Medien verbreiteten diese Nachricht. Dietzenbacher fühlen sich bedroht und Nicht-Dietzenbacher dürfen ihr Ressentiment gegen die Stadt und ihre Bürger gepflegt sehen. Sofort kursieren Gerüchte, Herrn Vogels Anhänger hätten sich in einer bestimmten Dietzenbacher Moschee getroffen. Am Ende des Tages räumt Volker Siefert ein, die könnten sich auch in einer privaten Wohnung getroffen haben, vielleicht auch in einer anderen Stadt. Wer sind nun die Verlierer dieser Qualität von Journalismus?

Alle drei Moscheegemeinden Dietzenbachs haben sich zusammen mit fast allen christlichen Gemeinden 2011 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen (ARD). Die ARD hat in einer Presseerklärung vom 11.09.2011 das Gedankengut des Pierre Vogel entschieden abgelehnt. Die drei Moscheegemeinden sind dem in eigenen Presseerklärungen gefolgt. Insbesondere die marokkanische Tawhid-Moschee hat Herrn Vogels Gedankengut „strikt abgelehnt“ (siehe Offenbach-Post vom 20.07.2013). Das alles ist unter www.ardietzenbach.de öffentlich nachlesbar. Alle drei Dietzenbacher Moscheegemeinden haben der ARD aktuell versichert, dass Herr Vogel in ihren Moscheeräumen kein Treffen veranstaltet hat. Warum also soll in Dietzenbacher Moscheen Herr Vogel ein- und ausgehen dürfen?

In der Dietzenbacher Zivilgesellschaft hat sich seit Gründung der ARD ein langsamer, aber dauerhafter respektvoller Umgang von Menschen verschiedener Herkunft und Religion entwickelt. Haben diese Medienberichte diese wechselseitige Vertrauenslage nun gefördert?

Am Ende hat Herr Vogel schon mal das Ziel erreicht, das Sicherheits- und Vertrauensgefühl aller Dietzenbacher und das Image der Stadt zu beschädigen, ob er nun in der Stadt war oder nicht. Das haben die Stadt Dietzenbach und ihre Bürger nicht verdient! Das Abendland in Dietzenbach ist nicht gefährdet.“

Horst Schäfer

Pressebericht zum Vierten Dietzenbach Friedensgebet

PRESSEBERICHT DER ARD ÜBER DAS 4. DIETZENBACHER FRIEDENSGEBET AM 21.SEPTEMBER 2014 IM EVANGELISCHEN GEMEINDEHAUS "HAUS DES LEBENS"

SEHNSUCHT NACH FRIEDEN VEREINT ALLE: Religionsgemeinschaften trafen sich zum vierten Dietzenbacher Friedensgebet

Wie groß die Sehnsucht der Dietzenbacher Bürger nach Frieden ist, zeigte sich ganz deutlich in der großen Anzahl Menschen, die sich zum 4. Friedensgebet der Mitgliedsgemeinden der Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach im „Haus des Lebens“ eingefunden hatten, das bis zum letzten Platz besetzt war.

Das Ensemble Saitensprung eröffnete die Veranstaltung mit dem Lied „Lasst uns eine Welt erträumen“. Darin kommt die Sehnsucht nach einer Welt zum Ausdruck, die den Krieg nicht kennt, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft Freunde werden, einen die Traurigkeit und das Leid anderer Menschen selbst traurig stimmt und in der man sich trotz der fremden Sprache gut versteht. Zum Schluss fordert es einen auf, damit zu beginnen, den ersten Schritt zu wagen, damit all das eben kein Traum bleibt.

Pfarrer Uwe Handschuch, Gastgeber des diesjährigen Friedensgebets, begrüßte die Anwesenden aus den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften sowie die Vertreter der Stadt, darunter den Ersten Stadtrat, Dietmar Kolmer, die Vorsitzende des Ausländerbeirats, Helga Giardino und den Vorsitzenden des Seniorenbeirats, Herrn Dr. Wolfgang Altenburg sowie die Landtagsabgeordnete Ulrike Alex. Sie alle hatten sich in dem Wunsch versammelt, ein Zeichen für den Frieden zu setzen, sich gegenseitig dabei zuzuhören und zu unterstützen. Als äußeres Zeichen dieser gemeinsamen Bemühungen wurde eine Friedenskerze entzündet. Jede Religionsgemeinschaft der ARD trug nun ein Gebet zu einem thematischen Schwerpunkt vor, der ihr besonders am Herzen liegt.

Als erstes betete Imam Jeryullah Khan von der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat für Gerechtigkeit und begrüßte die Anwesenden mit den Worten „Der Friede und der Segen Allahs sei mit Ihnen.“ Die Religion sei in die Welt gekommen, um das Herz der Menschen zu gewinnen ohne jeglichen Zwang aufzuerlegen. Leider seien jedoch einige Gruppierungen von dieser Lehre abgekommen und verfolgten eigene Interessen, töteten Menschen und rissen Familien auseinander. In seinen Ausführungen betonte er die Bedeutung der Gerechtigkeit für den Frieden, jedoch sei sie nur der 1. Schritt dazu. Der 2. Schritt sei es, uneigennützig und ohne Gegenleistung zu erwarten, seinen Mitmenschen Gutes zu tun und der 3. Schritt, mit seinen Mitmenschen umzugehen wie mit der eigenen Familie. So wie eine Mutter ihre Kinder liebt, sollen sich alle Menschen untereinander lieben.

Als zweites beteten Gemeindereferent Matthias Hassemer und Wolfgang Doetsch von der römisch-katholischen Pfarrgemeinde St.Martin für die Bewahrung der Schöpfung. Der Heilige Franz von Assisi, so berichteten sie, lebte nach dem Vorbild Jesu im Einklang mit der Natur. In Anlehnung an dessen „Sonnengesang“ dankten sie für die Schöpfung, die Gott allein gehört mit allen Geschöpfen darin, und deren Schönheit, die sich in Schwester Sonne, Bruder Mond und den Sternen, Bruder Wind, Schwester Wasser und Mutter Erde, die uns ernährt und trägt, offenbart. Sie sagten Gott Dank und beteten dafür, dass er den Menschen Freude an der Natur schenke, die Wege zum Naturschutz stärke und dass durch Forschung Erkenntnisse zum Nutzen der Menschen und Tiere auf der Welt gewonnen werden könnten.

Als Vertreter der evangelischen Martin Luther-Gemeinde beteten Pfarrer Uwe Handschuch und Agnes von Knorre für die Pflege der Gemeinschaft. Handschuch verwies auf Martin Luther, der seiner Zeit mit der Reichsacht belegt, also weltlich wie religiös geächtet war. Dies bedeutete, dass er ohne Schutz durch irgendwelche Rechte leben musste und offiziell „von Gott und der Welt verlassen“ war, so wie viele Flüchtlinge heute. In dieser schweren Zeit schrieb er ein Gebetbüchlein, und darin kam die Gewissheit zum Ausdruck, dass keiner alleine betet, sondern die ganze Christenheit mit ihm. Nur mit anderen sind wir das, was wir sind. Auch wenn das Miteinander Probleme mit dem Anderssein anderer Menschen mit sich bringen kann. Die Kräfte mögen gelenkt werden, dass Menschen die Gemeinschaft suchen und erleben, wie gut sie tut und die Angst, zu kurz zu kommen, überwinden. In der Gemeinschaft mit Gott und anderen Menschen entsteht Frieden.

Mehmet Sertdere vom Vorstand der türkischen DITIB Fatih-Moschee betete für Toleranz und begann mit dem Gruß: „Friede sei mit Ihnen!“ Gläubige sollen tolerant und barmherzig miteinander sein, einander vergeben, wenn eine Ungerechtigkeit geschieht und nicht gleiches mit gleichem vergelten. Gottes Herz sei mit Liebe zum Menschen erfüllt, und er habe die unterschiedlichen Kulturen und Hautfarben erfunden als Bereicherung. Die Menschen müssten Wege finden, um in Brüderlichkeit zu leben. „Lasst uns Gutes tun ohne etwas dafür zu erwarten und auf schlechte Taten mit guten Antworten reagieren und einander vergeben.“

Margarete Kunde vom Vorstand der evangelischen Christuskirchengemeinde betete für die Verantwortlichen in der Stadt Dietzenbach, in unserem Land und der Welt und brachte ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, dass sich Menschen zusammengefunden haben, um in all ihrer Vielfalt um Frieden zu beten. „Lasst uns in dieser friedlosen Zeit um Frieden bitten und als Vertreter unserer Religionen zu Zeugen von Frieden werden, trotz der Vielzahl derer, die die Friedensbemühungen stören und Hass säen.“ Sie betete für die Vertreter unserer Stadt, dass sie zu einer Stimme des Friedens werden und sich für ein friedvolles Miteinander stark machen.

Gemeindevorsteher Siegfried Martin von der Neuapostolischen Kirche betete um Versöhnung. Alle Menschen, die im Streit leben oder zwischen denen Missverständnisse stehen, seien zur Versöhnung aufgerufen und dafür, Opfer für den Frieden zu bringen. Die Liebe Gottes, der seinen Sohn als Zeichen der Versöhnung auf die Welt geschickt hat, habe den Weg dazu geebnet, und die Bereitschaft zur Versöhnung solle gleichzeitig Ansporn und Verpflichtung sein.

Soheila Memar von der freien evangelischen Jesus-Gemeinde betete für die Stärkung des Glaubens und begann mit dem Ausruf „Shalom! Gottes Gnade sei mit Euch!“ Mit unserem Glauben, der nicht größer ist als ein Senfkorn, könnten wir die Welt nicht verändern, wohl aber die Herzen unserer Mitmenschen in der Familie, der Stadt und der ganzen Welt. Wir Menschen sollen zu verlängerten Armen Jesu werden, um in unserem Umfeld etwas zu verändern.

Der Marokkanisch-Islamische Freundschaftskreis Tawhid-Moschee hatte diesmal leider keinen Vertreter entsenden können.

Helga Giardino, Vorsitzende des Ausländerbeirats, sprach vom „Durst nach gerechtem Frieden“ und betete dafür, dass der „Geist der Gerechtigkeit“ durch die Herzen der Menschen wehen möge. Viel Leid sei nicht auf Naturkatastrophen zurückzuführen, sondern auf menschliches Fehlverhalten. „Stärke jene, die in deinem Namen gegen Ungerechtigkeit angehen, schenke Tapferkeit und Ausdauer, und stehe jenen bei, für die es keinen Trost gibt.“

Das Ensemble Saitenspring umrahmte die Gebete mit Musikbeiträgen wie dem hebräischen Friedensgruß „Shalom aleichem“, dem Lied „Seni Ben Severim“ des türkischen Mystikers Yunus Emre, dem modernen Lied „Lasst uns eine Welt erträumen“ und beschlossen den Gebetsreigen mit dem Lied „Reicht Euch die Hand“, was die Anwesenden auch gleich in die Tat umsetzten und einander bei den Händen nahmen.

Zum Ausklang des Abends gab es noch eine kleine kulinarische Stärkung und die Möglichkeit, sich beim Gespräch näher kennenzulernen.

Charlotte Rothman/Dietzenbach

Erb-Recht in BGB und Koran

Pressebericht der Arbeitsgemeinschaft der Religionen (ARD) zur Informationsveranstaltung über die Familien- und Erbrechte christlicher und muslimischer Frauen am 18.11.2013 im Gemeindesaal der katholischen Gemeinde St.Martin

Die Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach (abgekürzt: ARD) hatte zu einem Informations- und Gesprächsabend eingeladen, und fast 50 Menschen waren am Abend des 18. November in den Gemeindesaal der katholischen Kirche St.Martin gekommen. Die ARD ging der weit verbreiteten Meinung nach, dass eine muslimische Frau nur „die Hälfte des Mannes erbt“, sprachlich korrekt ausgedrückt: Die Hälfte dessen erbt, was sie erben würde, wenn sie ein Mann wäre. Meist wird dabei nahegelegt, dass die Frau dementsprechend im Islam auch nur „halb so viel wert“ sei.

Der ARD-Sprecher Horst Schäfer eröffnete die Veranstaltung mit einem historischen Abriß der wechselhaften familien- und erbrechtlichen Stellung der Frau im Judentum, Christentum und Islam von der Antike bis in die Neuzeit. Familien- und Erbrecht sei Teil der Kulturgeschichte aller Völker und Religionen. Töchter waren nach den Regeln des Alten Testaments nur erbberechtigt, wenn ein Sohn fehlte. Und sie konnten ihr Erbe auch nur unter der Auflage erhalten, keinen Mann aus einem anderen Stamm zu heiraten, damit das Vermögen der Familie nicht in die Hände einer anderen Sippe gelangte.

Das vom römischen Recht maßgeblich bestimmte deutsche Recht ordnete dem Mann als Familienoberhaupt eine starke Stellung zu. Das wirkte in der BRD noch bis ins 20.Jahrhundert nach. Bis 1957 konnte ein Ehemann den Arbeitsvertrag seiner Ehefrau fristlos kündigen und noch bis 1976 gab es väterliche Vorrechte bei der Kindererziehung.

In vorislamischer Zeit waren Frauen in der arabischen Welt erheblich benachteiligt. Sie konnten selbst als Objekt beim Glücksspiel eingesetzt werden. Mit dem Auftreten des Propheten Mohammed und dem Erscheinen des Korans wurde Frauenrechte in der arabischen Welt erheblich verbessert. So wurde die Brautgabe, die bis dahin an den Schwiegervater zu zahlen war, in eine Gabe umgewandelt, die die Frau als Teil ihres persönlichen Eigentums behalten durfte. Das ist bis heute so.

Der Dietzenbacher Rechtsanwalt Reiner Frank erläuterte dann die Grundzüge des deutschen Familien- und Erbrechtes. Er stellte heraus, dass im deutschen Recht die Eheleute untereinander die ehelichen Aufgaben und auch die Verwaltung des Vermögens vertraglich regeln. Der gesetzliche Regelfall ist dabei die sog. Zugewinngemeinschaft. Das bedeutet, dass das während der Ehezeit hinzugewonnene Vermögen, der sog. Zugewinn, im Scheidungsfalle zu gleichen Teilen auf beide Partner aufgeteilt wird. Hingegen behält jeder Ehepartner diejenigen Vermögenswerte, die er in die Ehe miteingebracht hat. Auch die miteingebrachte Mitgift der Frau bleibt in ihrem Eigentum. Desweiteren verbleiben auch alle Vermögenswerte, die durch Erbschaft oder Schenkung erworben werden, im Eigentum des einzelnen Ehepartners; diese gehen auch nicht in die gemeinsame Erbmasse ein.

 

Der Frankfurter Experte für islamisches Recht Ansar Bilal Anwar stellte an Hand zahlreicher Beispiele die Vielgestaltigkeit des islamischen Familien- und Erbrechts dar. Er legte Wert auf die Feststellung, dass islamisches Recht von den islamisch geprägten Staaten völlig unterschiedlich geregelt werde, mal werde es uneingeschränkt nach dem Koran und der Sunna übernommen, mal nur im Zivilrecht, mal nur in einzelnen Landesteilen, in Tunesien und der Türkei ist es ganz abgeschafft worden.

Im islamischen Recht spiele die Morgengabe der Braut ein viel größere Rolle als im europäischen Recht. Deren Höhe richte sich grundsätzlich nach den Vermögens- und Einkommensverhältnissen der Familien. In der Ahmadiyya-Gemeinde z.B. werde als Richtlinie der 6-fache Monatsgehalt des künftigen Ehemannes empfohlen, in anderen islamischen Religionsgemeinschaften gebe es andere Regeln. Die Brautgabe aber sei zeitlebens der Verfügungsgewalt des Ehemannes entzogen. Er trage auch alleine die finanzielle Unterhaltslast für die Familie, auch für seine Ehefrau. Folglich werde er nicht umhin können, sein Erbe teilweise auch mit seiner Ehefrau zu teilen. Diese Unterhaltslastenverteilung bringe es auch mit sich, dass der Ehemann sein Einkommen für die ganze Familie einsetzen müsse, die Ehefrau hingegen ihren evtl. Arbeitsverdienst komplett für sich behalten dürfe. Ansar Anwar betonte, dass die Stellung der Frau im islamischen Familien- und Erbrechtssystem schon deshalb anders angelegt sei, weil es im Islam keine Altersheime gebe. Dort würden grundsätzlich Männer und Frauen aller Generationen vom Familienverband unterhalten und versorgt.

Auch im islamischen Erbrecht könne man den Nachlaß per Testament regeln. Der testamentarisch verfügte Nachlaß dürfe aber niemals 1 Drittel des Vermögens überschreiten. Reiner Frank verglich dies -  dem Sinne nach - mit dem gesetzlichen Pflichtteil im BGB.

Reiner Frank stellte auch heraus, dass Muslime in Deutschland rechtlich ebenfalls dem Unterhaltsrecht des BGB unterliegen, nicht hingegen dem deutschen Erbrecht. Und der Pflichtteil nach BGB habe Unterhaltscharakter.

In der Diskussion mit den engagierten Besuchern wurde Kritik an der Höhe der Morgengabe der muslimischen Frau geübt. Die Höhe eines 6-fachen Monatsgehalts des Ehemannes sei heutzutage unzureichend. Nach Ansicht des bekannten Konvertiten Murad Hoffmann sollten etwa auch muslimische Frauen, die ihre Familie ernähren, künftig den gleichen Erbschaftsregeln unterliegen wie Männer.

Rechtsreferendar Aziz Fagrach als Ko-Moderator beschäftigte die Referenten mit der Frage, wer denn heutzutage die sog. Brautgabe aushandele. Anwar erklärte, dass dies letztlich die künftigen Ehepartner aushandeln würden. Anwar fügte aber hinzu, dass nach islamischem Recht traditionell die Väter der künftigen Eheleute hinzugezogen würden. Diese Brautgabe werde in die alleinige Verfügungsgewalt der Ehefrau überführt.

Aziz Fagrach wollte auch wissen, wem die Brautgabe bei Nicht-Vollziehen der Ehe gebührt. Anwar erklärte hierauf, sie müsse nur zur Hälfte zurückgezahlt werden. Frank hingegen erklärte zur eingebrachten Mitgift der deutschen Braut, dass in diesem Falle die Mitgift – wegen Wegfalls der Geschäftsgrundlage – insgesamt wieder an die Frau zurückgeführt werden müsse.

In der teils empathisch geführten Diskussion schälte sich heraus, dass das islamische Recht als Gottesrecht und als solches als Idealfall solcher Regelungen verstanden wird und für islamische Gesellschaftsformen erdacht wurde. Das deutsche Familien- und Erbrecht sei hingegen von demokratischen Institutionen ausgedachtes und interessengerecht abgewogenes weltliches Recht für die deutschen Staatsbürger in einer pluralistischen Gesellschaft. Deshalb könnten die Vor- und Nachteile der beiden Rechtssysteme nicht gegeneinander abgewogen werden. Für wechselseitig abwertende Einschätzungen sei deshalb gar kein Raum.

Reiner Frank veranschaulichte dies sinnfällig anhand von mitgebrachten Äpfeln und Birnen. Diese wurden am Ende der Veranstaltung gemeinsam verspeist. Die Veranstaltungsdauer von ca. 3 Stunden zeigte das anhaltende Interesse der Besucher.

Horst Schäfer

Dietzenbach, den 20.11.2013