Chajm Bloch (1) - Das Lachen im Alten Testament

Auszug aus der Einleitung zu „Jüdische Witze und Anekdoten“, erschienen im Weiss Verlag GmbH Dreieich

Es ist oft gesagt worden, dass das jüdische Volk an Anekdoten, Witzen und sonstigem volkskundlichem Material am reichsten ist.

Das soll weder als Überheblichkeit noch als Übertreibung angesehen werden. Es ist vielmehr eine natürliche Folge des übernatürlichen Werdeganges dieses alten, immer von neuer Jugend- und Widerstandskraft erfüllten Volkes. Die Jahrtausende seines Bestehens, seine Verstreutheit in aller Welt, haben seine Anekdote – der enge Raum einer Einleitung zwingt mich vorläufig, mit diesem Wort auch auf den Witz in allen seinen Arten hinzudeuten – geschaffen. Vielfach ist sie durch Leiden und Bedrückung oder freudige Ereignisse verursacht worden und ist so alt wie das Volk selbst; auch sie „zog von Volk zu Volk und von Königreich zu fremder Nation“ und ist fast stets aus dem Leben gegriffen.

Dass die Juden in dieser Hinsicht ihre Wirtsvölker ausgiebig (und in gutem Sinne!) befruchtet haben, braucht nicht erst gesagt zu werden. In allen modernen Literaturen begegnet man Anekdoten und Sprüchen jüdischen Ursprungs (2). Keinen Geringeren als Goethe zog der jüdische Witz an. In seinen Tagebüchern aus Karlsbad finden sich Skizzen von jüdischen Anekdoten – sie zählen nicht gerade zu den besten! – die er in Karlsbad gehört hatte und die ihm so gut gefielen, dass er sie aufschrieb, offenbar, um sie gelegentlich zu verwerten. Das deutsche Volk kennt beispielsweise die Abenteuer des Freiherrn zu Münchhausen (3). Aber schon etwa 200 Jahre nach Chr. hatten die Juden ihren „Münchhausen“, den Seefahrer Rabba bar-bar Chana, dessen Schilderungen jene des neuzeitlichen Münchhausen an Schönheit weit übertreffen. (vgl. Talmud babli, Baba Batra 73-74, Joma 39a)

Es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, dass die Juden ihrerseits auch von den verschiedenen Wirtsvölkern Anekdoten übernommen und ihnen ein jüdisches Gepräge gegeben haben.

Man muss sich vor Augen halten, dass die Juden lange vor ihrem Auszuge aus Ägypten (1495 v.Chr.), lange vor ihrer eigentlichen Volkwerdung, als „Söhne Israels“ (4) ein eigenartiges Leben geführt hatten. Die jüdische Geschichte beginnt wohl mit dem Erzvater Abraham, der Anekdote aber begegnen wir viel früher, nämlich schon bei Adam und Eva, dem ersten Menschenpaar; das Volk der Bibel kann diese ersten Anekdoten als die seinigen bezeichnen.

Nur kurze Hinweise auf biblisch-talmudische Anekdoten können in diesem gedrängten Rahmen gebracht werden.

Die erste jüdische Anekdote – das Wort Anekdote bezeichnet bekanntlich eine kleine anziehende Geschichte – ist ohne Zweifel die von der Erbsünde (1.Buch Mose 2,17-25 und 3, 1-24). Hier begegnen wir zum ersten Male der Verhöhnung, der Spottsucht.

Die Schlange, von der es heißt, „sie war listiger als alle Tiere“, sagte zu Eva: „Gott weiß, dass an dem Tage, an dem ihr davon esset, werden aufgetan eure Augen und ihr werdet wie Gott erkennen, Gutes und Böses.“ Das war eine gegen Gott gerichtete Spötterei. Selbst die Frage Gottes an Adam: „Wo bist du?“ klingt spaßhaft; wusste Gott doch in seiner Allwissenheit, wo Adam versteckt war. Beinahe vorwurfsvoll klingt die Antwort Adams an Gott: „Das Weib, das du mir gegeben hast, gab mir von dem Baum und ich aß!“ Auf die Frage Gottes: „Wo ist dein Bruder?“, antwortete der Brudermörder Kain mit einer Gegenfrage: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (1.Buch Mos 4,9), eine spitze, ironische Frage, eine Verhöhnung, die vor dem Allerhöchsten nicht zurückschreckte. Als Abrahams Frau Sarah hinter der Tür des Zeltes die Botschaft des Engels, dass sie einen Sohn gebären werde, hörte, lachte sie und dachte bei sich: „Nachdem ich alt geworden, soll meine Jugend zurückkehren?“ (1.Buch Mose 18, 12-15); eine bloß gedachte, verhüllte Spottrede. Daher die Frage des Engels: „Warum lacht denn Sarah?“ Einen anekdotenhaften Stoff bildet der Bericht von Abrahams „Handel“ mit Gott bei der Vernichtung Sodoms (1.Buch Mose 18, 20-32). Das heutzutage den Juden nachgerühmte Wortspiel wurde im alten Judentum häufig angewendet. Die meisten Namen entstanden durch Wortspiel. Adam , „denn er war aus Adama, Erde geschaffen.“ Adam nannte sein Weib Eva, Chawa, „denn sie war die Mutter aller Lebenden“. Lemech nannte seinen Sohn Noah, um zu sagen: „Dieser wird uns trösten“, usw.

Im Gegensatz zu anderen Völkern war im alten Judentum Spötterei verboten. Dies geht aus folgenden Stellen hervor:

Der Prophet Jesaja ruft: „Höret das Wort des Herrn, ihr Spötter, ihr Spruchdichter dieses Volkes in Jerusalem.“ (Jesaja 26, 14) „Spottet nicht, dass eure Fesseln nicht noch drückender werden.“ (Jesaja 28, 22) Bei Hosea heißt es: „Am Festtage unseres Königs werden die Fürsten durch die Weinglut krank; er selbst reiche seine Hand den Spöttern.“ (Hosea 7,5) Die Spötter erscheinen hier als Trinker. Die Psalmen beginnen mit den Worten: „Wohl dem Manne, der nicht wandelt nach dem Rate der Mutwilligen, der auf dem Wege der Sünder nicht harrt und im Kreise der Spötter nicht sitzt.“ (Psalm 1,1) Hier reiht sich der Spötter ausdrücklich dem Sünder an. König Salomo fragt: „Wie lange noch, ihr Toren, liebt ihr Torheit und ihr, Spötter, Lust zu Spötterei?“ (Sprüche 1,22) Hier kommt die Spötterei der Torheit gleich. „Mit den Spöttern treibt er Spott, den Demütigen aber verleiht er Gnade.“ (Sprüche 2,34) Da ist die Demut der Spötterei gegenüber gestellt. „Ein weiser Sohn lässt sich vom Vater züchtigen, ein Spötter aber hat niemals einen Verweis gehört.“ (Sprüche 15,1) Der Spötter erscheint hier, wie in den Psalmen, als Gegensatz des Weisen. „Der Übermütige, Dünkelhafte, Spötter ist sein Name, handelt mit frechem Übermut.“ (Sprüche 21,24)

Aber so sehr die Spötterei in der heiligen Schrift verurteilt wird, so sehr erscheinen das Verstehen der Gleichnisse und Spruchdichtungen, der Reden der Weisen und ihrer Rätsel als ein Vorzug und daher wird empfohlen: (Sprüche 1,6) „Menschensohn, gib ein Rätsel auf und trage ein Gleichnis vor über das Haus Israel.“ (Jeches. 17,2) „Ich will zu einer Gleichnisrede meinen Mund auftun, Rätsel aussprechen.“ (Psalm 78,2)

Wie oben schon gesagt, sind im Alten Testament verschiedene anekdotische Stoffe zu finden. Vor allem bei Simson. Die Schrift berichtet (Richter 14, 1-18) von ihm, er habe zu den Philistergesellen gesprochen: „Ich will euch ein mal ein Rätsel zu raten geben; wenn ihr es mir erraten könnt innerhalb der sieben Tage des Festes und die Lösung findet, so gebe ich euch dreißig Hemden und dreißig Festkleider. Könnt ihr es aber nicht erraten, so gebt ihr mir dreißig Hemden und dreißig Festkleider.“ -  Da sprachen sie: „Gib dein Rätsel auf, wir wollen es hören!“ - Da sagte er: „Vom Fresser kam der Fraß. Vom Wilden kam das Wilde!“ Durch den Verrat einer Philisterdirne gelang es den Philistergesellen, die Lösung zu bringen. Darauf sagte Simson: „Hättet ihr nicht mit meinem Kalbe gepflügt. Hättet ihr es nicht rausgekriegt!

Das Rätsel war ein verstecktes Wortspiel. „Zu ihm redete ich von Mund zu Mund und sichtbar, nicht in Rätseln, dass er ein Abbild des Herrn schaut.“ (2.Buch Moses 12,8). Im Altertum war das Rätsel sehr beliebt. „Die Königin von Saba vernahm den Ruf Salomons, so mächtig und erhaben, und sie kam, ihn mit Rätseln zu prüfen.“ (1.Könige 10,1)

Auch zur Zeit des Talmuds gab es viele Spötter, Anekdotenerzähler und Witzlinge. So weiß eine Stelle zu berichten: „Es gibt kein Geschlecht ohne Spötter. Was taten die Ausgelassenen im Zeitalter Davids? Sie stellten sich hinter die Fenster Davids und riefen: <Wann wird das Heiligtum erbaut? Wann werden wir schon ins Haus Gottes kommen können?> (Talmud jerus.Berachot, Abschnitt 2 Hal.1). „Im Zeitalter Moses sprachen die Spötter Israels: <Wie ist es möglich, dass die Gottesherrlichkeit auf dem Sohn Amrams ruhe?> (Midrasch rab.Schemot, Abschnitt 31). Korah, der nach dem Bericht der Schrift das Volk gegen Moses aufwiegelte, versammelte eines Tages die ganze Gemeinde, sprach über Moses voll Hohn und erzählte ihr folgende Geschichte: „Eine Witwe und zwei Waisenmädchen, die ein Feld besaßen, wollten das Feld ackern. Da sagte Moses: <Du sollst nicht Ochsen und Esel zusammen zum Pflügen verwenden.> Als sie säen wollten, sagte er: <Du sollst nicht dein Feld mit zweierlei Arten besäen.> Als sie ernten wollten, sagte er: <Eine Nachlese sollt ihr lassen.> Als sie dreschen wollten, sagte er: <Priestergeschenk, ersten Zehnten und zweiten Zehnten sollt ihr geben.> Es blieb nun der Witwe nichts übrig, als das Feld zu verkaufen. Sie verkaufte es und handelte zwei Lämmer ein, um sich mit ihrer Wolle zu bekleiden.  Als die Lämmer warfen, kam Ahron und forderte: <Die Erstlinge sollt ihr als Lohn geben, denn so befahl es Gott.> Und als die Zeit kam, da sie die Lämmer zu scheren hatten, sagte er: <Gib mir das Schönste von der Schur.> Da dachte die Witwe bei sich. <Ich habe nicht die Kraft, diesem Manne zu widersprechen,> und sie beschloß, die Lämmer zu schlachten und sie zu verzehren. Als sie geschlachtet waren, sagte Ahron: <Das Vorderbein, die beiden Kinnbacken und den Magen sollt ihr mir geben.> Da klagte die Frau: <Habe ich schon die Lämmer geschlachtet, den Mann werde ich nicht los. Die Lämmer sind für mich im Banne.> Aber Ahron erwiderte: <Nun sind sie ganz mein! Denn so sprach der Herr, alles Gebannte soll mir gehören!> Er nahm die Lämmer und ging davon und ließ die Witwe und die Waisen klagend zurück. So gingen sie gegen diese Elenden vor und beriefen sich auf Gott.> (Jalkut Schimoni, Abschnitt Korah).Korah und sein Anhang fielen der Vernichtung anheim und noch heute ruft er, so will es die Sage, in der Hölle ohne Unterlaß: „Moses ist wahr und seine Lehre ist wahr.“ (Jalkut Reubeni, Abschnitt Korah)

Die folgenden Ausführungen werden am besten beweisen, dass auch nach dem Talmud die Spötterei verboten ist.

Schädlich ist die Spötterei, denn ihr Beginn ist Leid, ihr Ende Vernichtung.“ (Talmud jerus. Berachot, Abschnitt 2). „Ein Schlächter spottete über Rabbi Seara; man ließ ihn holen, damit er gestraft werde. Als die Boten kamen, trug man seinen Sarg aus dem Hause; jener war der Sünde halber gestorben.“ (ebenda). „Eine der vier Menschenklassen, die das Angesicht der Schechina, der Gottesherrlichkeit, nicht sehen werden, ist die Klasse der Spötter.“ (Talmud Babli, Sotah 42a). Der „Heilige Lehrer“ (5) gebot seinem Sohne: „Wohne nicht in Sekancib (6), denn die Leute sind da Spötter und werden dich zur Spötterei verführen.“ (Talmud babli, Pesachim 112a). Interessant ist ein Bericht im Talmud, von einem Schüler, der einen Ausspruch seines Lehrers verhöhnt hatte. Da warf der Meister einen Blick auf ihn und dieser wurde zu einem Haufen Knochen (Talmud babli, Baba Batra 75a). Wie sehr der Talmud die unzüchtige Rede verachtet hat, geht aus folgenden Stellen hervor: „Wegen der Sünde der unkeuschen Reden mehren sich die Leiden, harte Verhängnisse werden erneuert, die Jünglinge (der `Feinde Israels’) sterben, Waisen und Witwen schreien und werden nicht erhört.“ (Talmud babli, Sabbat 33a). „Jeder weiß, wozu die Braut unter den Trauhimmel geführt wird, allein wer seinen Mund beschmutzt, dem wird derselbe, selbst wenn ihm ein siebzigjähriger Beschluß zum Guten besiegelt war, zum Bösen verwandelt.“ (ebenda). „Wer seinen Mund beschmutzt, dem wird die Hölle tief gemacht.“ (ebenda). In diesem Zusammenhang soll auch folgendes Geschichtchen angeführt werden. Als der König Janaus die Rabbinen hinrichtete, floh Rabbi Jehosua, der Sohn des Prachjah, mit seinem Jünger Jesu nach Alexandien in Ägypten. Nachdem Friede eingetreten war, sandte Rabbi Simon ben Sotah an ihn: „Von mir Jerusalem, der heiligen Stadt, an dich Alexandrien in Ägypten, meine Schwester. Mein Mann weilt in deiner Mitte und ich sitze da verlassen.“ Da machte sich Rabbi Jehosua auf und kehrte heim. Als man ihn in einem Gasthaus sehr viel Freundschaft erwies, sprach er: „Wie schön ist diese Achsanja.“ Jesu entgegnete: „Ihre Augen sind matt!“ (Talmud babli, Sanhedrin 107b). Dazu ist zu bemerken, dass das Wort ‚Achsanja’ für ‚Gasthaus’ und auch für ‚Gastwirtin’ verwendet wird. Es war ein treffliches Wortspiel um den Lehrer zu necken (7).

Dagegen finden wir Stellen, nach denen der Spaß, die Posse, der Witz, geradezu lobenswert erscheint. So: „Rabbi Beraqua der Hozaer weilte in der Straße von Lapat und Elijahu pflegte ihn da zu besuchen. Einmal fragte er ihn: <Gibt es einen in dieser Straße, der der zukünftigen Welt teilhaftig ist?> Dieser erwiderte>: <Nein!>…..Währenddessen gingen zwei Brüder vorüber. Da sprach er: <Diese sind der zukünftigen Welt teilhaftig!> Da ging er - Rabbi Beraqua – auf sie zu und fragte sie: <Was ist eure Beschäftigung?> Sie erwiderten: <Wir sind Spaßmacher, Ansche Beduche (8), erheitern die Traurigen, und wenn wir Streitende sehen, so bemühen wir uns, Frieden zu stiften.> (Talmud babli, Raanit 22a). Wie man aus dem Vorstehenden ersieht, ist im Talmud zwischen Spaß und Spötterei wohl ein Unterschied.

Eigenartig wie das Judenvolk ist der Judenwitz. Und an dieser Stelle sei ausdrücklich festgestellt: Was die Welt im großen und ganzen für den jüdischen Witz hält, ist kein jüdischer. In der Tat gibt es zweierlei Gattungen dieses Witzes: Judenwitz und jüdisches „Lozale“, von Dr.Josef S. Bloch „jüdisch-antisemitischer Witz“ benannt.

Wir wollen zunächst den Judenwitz näher ins Auge fassen.

Sein Grundtrieb ist orientalischer, talmudischer Geist, in ihm ist die Linie gegeben, die zur Judenseele hinführt. Er bezieht sich meistens auf rein jüdische Dinge, bewegt sich in rein jüdischem Milieu und ist dem Westeuropäer unbekannt. Dieser Witz ist keusch und bescheiden, bietet einen eigenartigen Humor, in welchem Sanftmut, Verdruß, Freude, Traurigkeit, Ernst und Spaß miteinander kämpfen. Ich glaube, es war Novalis, der das Wort gesprochen hat: „Der Ernst muß heiter sein, der Scherz muss ernsthaft schimmern.“ Dieses Wort kam mir bei der Bearbeitung dieses Werkes oft in den Sinn. Und wenn Schopenhauer sagte: „Je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen,“ so kann das auf den Juden angewendet werden; er ist auch in seinem Humor ohne Ernst nicht zu denken.

Hier ein paar Beispiele:

1. Ein Freund fragte einmal Rabbi Kranz, den berühmten Maggid von Dubno: „Wenn du es mit deinen Strafpredigten ernst meinst, warum lässt du dich bezahlen?“ Lachend erwiderte der Maggid: „Auch Gott straft keinen Menschen umsonst!“

2. Die russisch-orthodoxen Geistlichen tragen bekanntlich Bärte, auch ihre Kleidung machten sie den Juden ähnlich. Eines Tages lustwandelte ein russischer Bischof in einer ausländischen Stadt. Die Buben, die ihn für einen Juden hielten, warfen Steine und Kot auf ihn; nur mit Mühe konnte er sich aus ihrer Mitte freimachen. Er flüchtete in das Haus eines Juden und klagte ihm sein Leid. „Wir Juden“, meinte dieser, „kennen das schon zweitausend Jahre!“

3. Der Oberrabbiner von Komaróm/Ungarn, Dr. Armin Schnitzer, war einmal in Wien über Sabbat und wohnte einer Predigt des gefeierten Kanzelredners Dr. Adolf Jelinek bei. Tags darauf traf er mit Jelinek zusammen und sprach ihm seine Bewunderung über die Predigt aus. Jelinek wehrte ab und sagte: „Sprich zu den Kindern Israels – dann aber sollen sie abziehen!“ (9)

4. Man fragte einmal den bekannten hebräischen Schriftsteller Mose Leib Lilienblum in Odessa, wie die Annahme entstanden sei, dass der Jude eine lange Nase hat. „Das kam daher“, meinte der freidenkende Lilienblum, „weil Moses das jüdische Volk vierzig Jahre an der Nase herumgeführt hat!“

5. Ein Jude lebte mit seinem christlichen Nachbarn im Dorf im besten Einvernehmen. Als der Bauer einmal schwer erkrankte, tat er ein Gelübde, im Falle seiner Genesung aus dem Baum vor seinem Hause ein Kreuzbild machen zu lassen. Er erholte sich wieder und hielt sein frommes Versprechen. Als der Bauer eines Tages bemerkte, dass der Jude vor dem Kreuzbild den Hut nicht zog, stellte er ihn zur Rede. „Mein lieber Freund“, meinte der Jude, „ich kenne ihn, als er noch ein Baum war!“

6. Von der Frau sagt König Salomo einmal: „Wer eine Frau gefunden, der hat Gutes gefunden!“ (Sprüche 18,22). Wieder sprach er: „Ich finde, dass die Frau bitterer ist als der Tod!“ (Prediger 7,26). Diesen Widerspruch erklärte Rabbi Eisik Charif von Slonim auf folgende Weise: „Es liegt im Wesen des Menschen, immer mehr des Guten zu verlangen. Hat aber einer das „Gute“, die Frau, erreicht, so verlangt er keine andere zu heiraten, weil er sich überzeugt hat, dass sie bitterer als der Tod sei. Der zweite Ausspruch ist also nur eine Ergänzung des ersten.“

Im Judenwitz spiegelt sich oft nicht nur das Leben des Einzelnen, sondern auch das des Volkes. Aus manchem Witz schält sich auch ein geschichtlich bedeutungsvoller Kern heraus. Dieser Witz ist in den meisten Fällen nicht erklügelt, nicht ersonnen, sondern die Folge eines Ereignisses, die Wirkung des Zufalles; er quillt aus der Seele des Juden.

Durch eine scherzhafte Anspielung, von Sigmund Freud als die „mittelbare Darstellung“ bezeichnet, entledigt sich der Jude seines Urteils über Mensch und Ding und gibt durch ein fein geschliffenes „Wörtchen“ seiner Anerkennung oder seinem Mißfallen Ausdruck. Dieses „Wörtchen“, womit die witzigen Redewendungen gemeint sind, kitzelt und erpresst ein Lächeln – kein Lachen! (10). Er bedient sich des Witzes, um jemandem eine „Grobheit“ zu sagen, um ihn zu „treffen“, wobei er mit staunenswerter Gleichgültigkeit eine kleine Bosheit ins Gespräch streut, die so fein und artig ist, dass auch der „Gegner“ lächeln, ja sich freuen muß.

Der Jude bringt aber auch den Mut auf, durch witzige Ausdrucksmittel eigene Fehler und Schwächen einzugestehen, Wohlergehen und Missgeschick durch ein Wortspiel, durch einen „Dreh“ anzudeuten, und liegt ihm ein nicht beabsichtigter tiefer und lehrreicher Kern zugrunde. Soweit der jüdische Witz.

Das „Lozale“ hingegen, gesucht und unecht, an den Haaren herbeigezogen, ist in seiner Anspielung und Entblößung häufig unverschämt, unkeusch, spöttisch im gemeinsten Sinne des Wortes; ihm ist die Annahme von der „jüdischen Frechheit“, von der „Chuzpah“ zu verdanken. Das „Lozale“, als dessen Vater Eisenbach zu verzeichnen ist, verhöhnt häufig den Juden, macht ihn zum Schacherer, Betrüger, Ausbeuter, Protzen, Geizhals, häuft Schmutz in sein Familienleben und ist besonders für die auf sinnlichen Genuss erpichten „Feinschmecker“ berechnet; all das Schöne und Herrliche, um das die Juden von der nichtjüdischen Welt beneidet werden, kommt in diesen Witzen fast nie zum Ausdruck.

Diese Witze, von Heinrich Heine mit Recht „Flöhe des Gehirns“ benannt, werden auf Bühnen und in Weinhäusern, einer in Kurzweile erstickenden Menge vorgetragen oder in sogenannter „guter Gesellschaft“ erzählt, feiern in verschiedenen Witzblättern ihren Sieg und haben in unserer blinden, hoffnungslosen Zeit ihre höchste Blüte erlebt. Leute von pöbelhaften Neigungen lachen sich in flachem Sinnengenuss und stumpfer Betäubungsgier auf Kosten der jüdischen Ehre schief und krumm. Diese faulen Witze tragen nur deshalb eine „jüdische Note“, weil sie in der Tat von Juden – schlechten, getauften und halb-getauften Juden – erzeugt werden, weil sie in einer Mauschelsprache, aber in einer verdorbenen, unmöglichen, wiedergegegeben werden, weil ihre „Helden“ jüdische Namen haben. (Schon die Tatsache, dass man für sie, neben den biblischen Namen Cohn und Levy, geschmackloseste Namen wie „Bauchgestank“, „Krebitzer“, „Dallesberger“ herausklügelte, ist der beste Beweis für ihre Unechtheit.) Diese Witze können nicht als jüdischer Geist, als jüdischer Inhalt anerkannt werden. Jakob Wassermann lässt seinen Helden Waremme („Fall Maurizius“) ein Urteil über die Juden abgeben. „Ich hasste sie, sämtlich. Ich hasste ihr Idiom, ihren Witz, ihre Denkungsart, ihren Geschäftsgang, ihre spezifische Melancholie, ihre Anmaßung, ihre Selbstpersiflage.“ Diese wütende Ablehnung Waremmes ist nicht gut angebracht. Denn Waremme kennt weder die Vorzüge der wirklichen Juden, noch ihre Fehler.

Einige „Lozalech“, d.h. jüdisch-antisemitische Witze, sollen hier als Kostprobe geboten werden.

1. Ein Ehepaar lebte auf ziemlich großem Fuße. Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben. - - -

Ein herrliches „Lozale“! Was aber jüdisch an ihm ist, außer, dass es vielleicht von einem gewissenlosen Juden erdichtet wurde, weiß ich nicht.

2. Ein Schadchen, d.i. ein jüdischer Heiratsvermittler, schlägt einem jungen Mann eine Partie vor. Dieser fragt den Schadchen. „Legen Sie mehr Wert auf ehr oder auf bar?“

Ein gelungener Witz, der sein jüdisches Gesicht dadurch erhielt, dass von einem Schadchen die Rede ist. Den gleichen Witz hörte ich im Kriege von einem nicht-jüdischen Honvéd-Offizier, jedoch in folgender Fassung: Graf Esterhazy beglückwünschte seinen Gutsverwalter, einen verkrachten ungarischen Baron, zu seiner Verlobung und meinte: „Ich möchte wissen, worauf Sie mehr Wert legen, auf ehr oder auf bar?“

3. Als König Ahab ins kanonische Alter kam und den Freuden dieser Welt immer noch nicht entsagte, sandte Gott seinen Propheten zu ihm mit der dringenden Ermahnung, ein Gott wohlgefälligeres Leben zu führen. Als dieses jedoch ohne Wirkung blieb, schickte Gott seinen Propheten abermals zu dem sündigen König und ließ ihm sagen: „Ahab, wenn du nicht ablässt von deinem gottlosen Leben, so wird dir der liebe Gott zur Strafe eine große Dürre schicken!“ – „Ach,“ meinte da König Ahab, „eine kleine Dicke wär’ mir lieber!“

Dieser Witz kann nicht als jüdischer Witz bezeichnet werden.

4. Frau Sonnenschein, wegen ihres Geizes stadtbekannt, bekam einen Zentner Kohlen geliefert. Nachdem sie sie abgewogen hatte, ergriff sie noch einige Stücke, die auf die Strasse gefallen waren und sagte: „Die gehören auch mir.“ – „Jawohl, gnädige Frau,“ sagte der Kohlenträger höflich, „und dann ist mir auch noch ein Stückchen ins Auge gefallen, soll ich das auch in den Keller tragen?“

Man gab diesem unjüdischen Witz einfach einen jüdischen Namen.

5. „Sagen Sie, liebe Frau Pollack, was ist der Unterschied zwischen einem Juden, einem Christen und einem Automobil?“ – „Wie soll ich das wissen?“ fragte Frau Pollack, „ich bin noch nie unter einem Automobil gelegen!“

Die Heldin bekommt einen „jüdischen“ Namen und das „Lozale“ ist fertig.

(1) Chajm Bloch, geb.am 27.06.1991 in Nagybocskó/Galizien, Österreich-Ungarn; gestorben am 23.01.1973 in New York), war ein chassidischer und kabbalistischer Rabbiner und Publizist, der den Chassidismus und seine Führer in weiten Kreisen bekannt machte. Er war ein herausragender Kenner jüdischer Tradition und Mystik. Chajm Bloch wandte sich 1935 mit seinem Werk „Blut und Eros im jüdischen Schrifttum und Leben“ direkt gegen die vom NS-Gauleiter Julius Streicher gegründete, antisemitische Wochenzeitung „Der Stürmer“. Nach dem sog. „Anschluß Österreichs“ an das NS-Reich 1938 wurde Chajm Bloch für drei Monate von den Nationalsozialisten im Wiener Durchgangslager in der Karajangasse inhaftiert. Sein Bruder Markus wurde 1942 in einem Konzentrationslager ermordet

(2) Nur einige Beispiele: Das König-Salomo-Wort „Alles ist schon dagewesen“ erhielt bei Karl Gutzkow neue Gestalt als Ausspruch seines Ben-Akiba. Im Talmud babli (Erubin 65a) heißt es: „Wenn Wein hineingeht, kommt das Geheimnis heraus.“ Jiddisch: „Was bei einem Nüchternen auf der Lunge, ist bei einem Betrunkenen auf der Zunge.“ (Taubes, Talmudische Elemente im jiddischen Sprichwort, Wien 1928, N.244). Deutsch: “Wo Wein eingeht, geht Scham aus.“ (Tetzner, Deutsches Sprichwörterbuch, S.531). Salomo sagte: „Gebt Rauschtrank dem Herumirrenden und Wein dem, der erbitterten Gemütes ist, der mag trinken und seiner Armut vergessen und seines Mühsales nicht mehr gedenken.“ (Sprüche 31-37). Ein Gegenstück findet sich in der „Frommen Helene“ von Wilhelm Busch: „Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.

(3) Eine Auswahl bei Fränger, Deutscher Humor, Berlin 1929

(4) Im ersten Buch Mose ist von einem „Volk Israel“ keine Rede. Bei der Eroberung Sichems sprachen die Söhne Jakobs zu Sichem: „Wir wollen dann wohnen bei euch und zu einem Volke werden.“ (1.Buch Mose 14,16). Eigentümlicherweise erhielten die „Söhne Israels“ die Bezeichnung „Volk“ von ihrem Bedrücker, dem Ägypterkönig, der zu seinem Volke sprach: „Das Volk Israel ist größer und stärker als wir.“ (2.Buch Mose 1,9).Dann heißt es: „Gott ließ es dafür den Hebammen wohlergehen; das Volk aber mehrte sich und ward sehr mächtig.“ (ebenda 1,20). Erst am brennenden Dornbusch sprach Gott zu Moses: „Gesehen habe ich das Elend meines Volkes.“ (ebenda 3,7)

(5) Rabbi Jehuda, der Fürst, der Ordner der Thorah-Gesetzessammlung Mischnah, um 200 n.Chr.

(6) Sekancib ist ein Ort bei Bagdad.

(7) Die betreffende Stelle, wegen der Schlussfolgerung, die auf ‚Jesu von Nazareth’ hindeutet, von der Zensur gestrichen, ist nur in alten Talmudausgaben zu finden. Ich bemerke, dass sich obige Stelle auf Christus nicht beziehen konnte, da Rabbi Jehosua ben Prachjah etwa 200 Jahre vor ihm gelebt hat. Im Talmud jer. Chagiga, Abschnitt 2 Hal.1 kommt dieser Bericht in geänderter Fassung vor. (Statt Rabbi Jehosua ben Prachjah heißt es Jehuda ben Tabai)

(8) Kohut, Aruch completum, übersetzt. „heiter sein“, „übermütig sein“.

(9) Ein überaus gelungenes Wortspiel. Im 2.Buch Moses 13-15 heißt es: „Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wieder sehen. Der HERR wird für euch streiten und ihr werdet stille sein. Und der HERR sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen.“

(10) „Es ist dem Menschen verboten, auf dieser Welt mit vollem Munde zu lachen“ (Talmud babli, Berachot 31a). „Man erkennt einen Menschen an seinem Lachen“ (Talmud babli, Erubin 65b). Ähnlich das neuzeitliche Sprichwort: „Wie ein Volk lacht und weint, so ist es!

Khalid Lazaare - Das Lachen und seine Dimenionen im Koran (Lazaare - Universität Sidi Mohamed Ben Abdellah, Fes / Marokko) aus TRANS, Internet-Zeitschrift der Kulturwissenschaften Nr. 17, Januar 2010

Das Lachen ist eine menschliche Universalie, d.h. Sprachbarrieren spielen dabei überhaupt keine Rolle, und man lacht in allen Kulturkreisen. Die Frage, wann und wie der Mensch genau lacht, wird der vorliegende Vortrag nicht berühren. In der hier vorgenommenen Analyse des Lachphänomens sollen vielmehr einige spezifische Parameter, wie z. B. sprachliche Konventionen und kulturspezifische Elemente der Mimik und Gestik in Betracht gezogen werden.

Meine Kollegen in Marokko waren sehr überrascht, als sie den Titel meines Referats hörten, denn für die meisten gilt der Koran als heiliges – wenn nicht das heiligste – Buch der Muslime, als Wort Allahs, d.h. als Buch des Ernstes. Lachen wird in den meisten Fällen mit Leichtigkeit assoziiert.

Für die Marokkaner, die der beruflichen Tradition der Araber bis heute treu geblieben sind, spielt der Handel eine so große Rolle, dass die Redewendungen der in diesem Sektor beschäftigten Menschen nicht außer Acht gelassen werden dürfen. So erwähne ich in diesem Zusammenhang die marokkanische Weisheit, nach der das Lachen den Handel kaputt macht. Diese oft in Märkten und Handelsverhandlungen zitierte Redensweise verleiht dem Lachen einen negativen Charakter und taxiert es mit dem Etikett des Nicht-Ernsthaften. Demnach kann man keine kommerziellen Verhandlungen abschließen, wenn man lacht. Erfolgreiches Handeln und Lachen schließen einander aus.

Wenn das Lachen in einigen Kulturkreisen positiv betrachtet wird, wird es in der arabischen Kultur wohl eher negativ beurteilt bzw. verurteilt. Schließlich fürchtet der Araber beim Lachen den Tod seines Herzens, wenn man dem arabischen Sprichwort „Viel Lachen tötet das Herz“ (كثرة الضحك تميت القلب ) glauben sollte. Trotzdem stößt der Koranleser auf zehn Stellen, in denen das „Lachen“  entweder als Substantiv oder als Adjektiv erwähnt wird, und zwar in den folgenden Suren: An-Najm, Almotaffifin, Attawba, Hud, Almuminun, An-naml, Azzukhruf, Abassa. Auf Arabisch heißt das entsprechende Verb „lachen“ in der Infinitivform ضحك „dahika“.

In der 9. Sure liest man in der Übersetzung des 82. Verses فليضحكوا قليلا و ليبكوا كثيرا „Sie werden nur kurz (wenig) zu lachen, aber (dereinst) lange (viel) zu weinen haben. (Dies geschieht ihnen) zum Lohn für das, was sie begangen haben.“ (Übersetzung des Korans von Rudi Paret). Hier spricht der Koran über diejenigen, die den Propheten Mohammed zur Zeit des „Tabukkriegs“ غزوة تبوك in Stich gelassen haben. Die 9. Sure (At-tawba) zählt zu den letzten offenbarten Suren, die um das 9. Jahrhundert der Hegire entstanden sind. Diese Stelle zeigt den Unterschied zwischen dem vorübergehenden Lachen auf der Erde und dem ewigen Weinen im Jenseits.

Dies findet seine „mathematische“ Verdeutlichung in einer anderen Sure, in der Allah seinen Zeitmassstab offenbart: „Ein Tag bei Allah ist wie tausend Jahre ihrem Maß nach“.(1) Al Hassan Al Basri erklärt diesen Vers, indem er explizit von der Hölle spricht: Sie werden kurz lachen auf der Erde und viel weinen in der Hölle.(2) In diesem Zusammenhang sagte der Prophet schwörend und warnend:والله لوتعلمون ما اعلم لضحكتم قليلا و لبكيتم كثيرا „Ich schwöre es, wüssten Sie was ich weiß, würden Sie wenig lachen und zu viel weinen“.(3)

Al Hassan Al Basri lachte fast nie und er war sehr traurig, weil er so viel Angst vor der Hölle hatte. Einer seiner Freunde dagegen lachte oft und begründete sein Verhalten durch einen anderen Vers aus dem Koran وانه اضحك وابكى „Allah bringt zum Lachen“. Der Muslim steht nun vor einem Paradoxon des Lachens. Die Lebensgefährten des Propheten Mohammed lachten, aber in gemäßigten Mengen, weil der Prophet selber sagte: „Erholen Sie Ihre Gemüter, sie langweilen sich“. Meiner Ansicht nach ist alles im Islam mit dem rechten Maß verbunden, und der Prophet legte großen Wert darauf, dass der Muslim in keiner Richtung übertreibt. خير الامور اوسطها „Die Beste der Lagen ist die mittlere“, sagte der Prophet.

Im 71. Vers der 11. Sure (Hud) liest man: وامراته قائمة فضحكت فبشرناها باسحاق „Seine Frau, die dabei stand, lachte. Da verkündeten wir ihr den Isaak, und nach Isaak den Jakob“. Der arabische Vers wurde z. T. falsch übersetzt. Mujahid und Ikrima erklären das Verb „lachen“ in diesem Kontext mit der Menstruation, die die Frau gerade in diesem Moment durchlebte, obwohl sie in der Menopause war. Die arabischen Linguisten haben sogar einen Vers mit dieser Bedeutung gedichtet:

             Und ich schlafe mit der Frau, wenn sie sauber ist
             Und entferne mich eines Tages, wenn sie „lacht“ (4)

واني لآتي العرس عند طهورها           
 واهجرها يوما ادا تك ضاحكا  

Im Lexikon „Lissan al Arab“ steht: „die Kaninchen lachen, d.h. sie bluten“. Dieser Aspekt ist in keiner Übersetzung zu finden, und dies zeigt, dass die Übersetzung im Allgemeinen auch sehr eng mit dem Grad der Beherrschung der Ausgangssprache verbunden ist.

Der 19. Vers der 27. Sure zeigt das Wunder von Soliman, der die Sprache der Tiere verstehen konnte. فتبسم ضاحكا من قولها „Da lächelte er über ihre Worte und sagte: ,Herr! Halte mich dazu an, dass ich dir für die Gnade […] dankbar bin […]‘“. In der Übersetzung findet man nicht die Nuance, dass das Lächeln des Propheten Soliman mit Lachen verbunden ist, doch der arabische Text zeigt genau diese Nuance, um diese Situation eindeutig zu machen. Denn schließlich ist es möglich, dass man ohne Freude lächelt; Lächelsituationen können sehr vielfältig sein, man setzt das Lächeln des Zornigen auf, oder man lächelt aus Spott. Im Gegenteil dazu ist das lachende Lächeln ein Symbol für Glück und Freude, und Al-Qortobi fügt hinzu, dass die Freude der Propheten hauptsächlich das Jenseits betrifft.

Im 110. Vers der 23. Sure liest man: وكنتم منهم تضحكون „Da treibt ihr euren Spott mit ihnen, so dass ihr über ihnen vergaßet, meiner zu gedenken. Und ihr lachtet über sie“. In dieser Stelle zeigt sich deutlich, dass das Wort „lachen“ in seiner spöttischen Dimension verwendet ist. Es ist eine Warnung für diejenigen, die das irdische Leben ernsthafter als das himmlische wahrnehmen.

Die gleiche Konnotation gewinnt das Wort „lachen“ in der folgenden Stelle der Sure (Azzukhruf): فلما جاءهم بآياتنا ادا هم منها يضحكون „Als er dann mit unseren Zeichen zu ihnen kam, hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als darüber zu lachen“. Sie wollten durch ihren Spott ihren Anhängern zeigen, dass sie fähig sind, die Wunder der Propheten zu entlarven, und dadurch beweisen, dass diese Propheten bloß Magier, Lügner und Betrüger sind.

Das Lachen als Freude im Jenseits ist Thema des 39. Verses der 80. Sure:وجوه يومئذ مسفرة ضاحكة مستبشرة  „[…] die lachen und fröhlich sind“. Diese lachenden Gesichter werden im Gegensatz zu den schwarzen, unglücklichen Gesichtern erwähnt. Hier wird die Dimension des Glanzes implizit erwähnt.

In der 82. Sure haben wir das Lachen chronologisch gesehen, ein Lachen der Sünder, die über die Gläubigen lachten (Vers 29): إن الدين أجرموا كانوا من الدين امنوا يضحكون  „Die Sünder lachten (zeitlebens) über die Gläubigen“, und fünf Verse weiter erlebt der Leser einen Sprung in die Zukunft, um zu sehen, wie sich die Lage zugunsten der Gläubigen ändert: فاليوم الدين امنوا من الكفار يضحكون „Heute [d.h. am Tag des Gerichts] lachen nun (umgekehrt) die Gläubigen über die Ungläubigen“.(5) Der letzterwähnte Vers gibt den Gläubigen Hoffnung, und sie leben in dieser optimistischen Dimension. Den Vers kann man als Lösung eines inneren Konflikts sehen: der Gläubige akzeptiert mit einer gewissen Resignation sein Scheitern, seine Unentwicklung, seine Niederlagen, in der Hoffnung, dass er das ewige Glück nach dem Tod genießt, ganz gemäß dem Sprichwort „Rira bien qui rira le dernier“ („Wer zuletzt lacht, lacht am besten“). Denn das irdische Leben ist nur provisorisch, und nur naive Leute erkennen diese Wahrheit nicht.

Die Araber meinen, dass das Lachen und das Weinen Eigenschaften der Menschen sind. Ihnen zufolge lacht zwar auch der Affe, aber er weint nicht, und es weint zwar auch das Kamel, aber es lacht nicht. Youssef ben Hassan berichtete über die Frage an Taher Al Maqdissi, ob die Engel auch lachen, und erzählte, dass sie nicht mehr gelacht haben nach der Schöpfung der Hölle, so schlimm sei diese Strafe.

Im selben Zusammenhang können wir auch erwähnen, dass der Prophet Mohammed nach der Offenbarung des folgenden Verses nicht mehr gelacht (6), sondern nur noch gelächelt hat:ا فمن هدا الحديث تعجبون وتضحكون و لا تبكون „Wundert ihr euch denn über diese Verkündigung und lacht (darüber), statt zu weinen (und weint nicht)“. (An-najm)

Ansprache des vierten Ahmadiyya-Kalifen Mirza Tahir Ahmad am 24.Februar 1990 in der Elizabeth-Hall in London

Alle Religionen, welchen Namen oder Lehrgrundsatz sie auch immer haben, wo immer sie ihre Gläubigen und Anhänger haben und zu welchem Zeitalter sie auch immer gehören, haben das Recht zu behaupten, im Besitz göttlicher Wahrheit zu sein. Man muss auch zugeben, dass es höchstwahrscheinlich ist, dass die Religionen trotz der Unterschiede in ihren Glaubenssätzen und Lehren einen gemeinsamen Ursprung haben. Dieselbe göttliche Gewalt, die irgendeiner Religion in irgendeinem Teil dieser Welt zur Geburt verhalf, muss sich ebenso um die religiösen und geistigen Nöte anderer Menschen, in anderen Teilen der Welt und zu unterschiedlichen Zeitaltern gekümmert haben. Dies entspricht genau auch der Botschaft des Heiligen Qur’ân, der Heiligen Schrift des Islam.

Der Heilige Qur-ân sagt dazu „Und in jedem Volk erweckten Wir einen Gesandten, der da predigte: „Dienet Allah und meidet den Bösen/die Götzen.“ (Sure 16 Al-Nahl, Vers 37)

Der Heilige Qur-ân sagt weiterhin „ O Prophet Gottes, du bist nicht der einzige Prophet in der Welt. Und sicherlich entsandten Wir schon Gesandte vor dir; darunter sind manche, von denen Wir dir bereits erzählten, und es sind darunter manche, von denen Wir dir noch nicht erzählten; und kein Gesandter hätte ein Zeichen bringen können ohne Allahs Erlaubnis. Doch wenn Allahs Befehl ergeht, da wird die Sache zu Recht entschieden, und dann sind die verloren, die der Falschheit folgen.“ (Sure 40 Al-Moh’min, Vers 79).

Angesichts des Vorhergesagten wird offenkundig, dass der Islam anderen Religionen gegenüber die Wahrheit nicht als alleiniges Vorrecht beansprucht, sondern vielmehr mit aller Bestimmtheit erklärt, dass Gott sich durch alle Zeiten hindurch um die geistigen und religiösen Bedürfnisse der Menschheit gekümmert hat, indem er Gesandte in die Welt setzte, die jenen Menschen, für die sie bestimmt und beauftragt waren, die göttliche Botschaft überbrachten.

Alle Propheten sind gleich. Es stellt sich aber die Frage, wenn es denn in verschiedenen Teilen der Welt und in unterschiedlichen Zeitaltern so viele gottgesandte Propheten für die Menschheit gegeben hat, ob alle dieselbe göttliche Ermächtigung besitzen?
Dem Heiligen Qur-ân zufolge gehören alle Propheten zu Gott, und sofern es sich um ihre göttliche Ermächtigung handelt, üben sie ihre Vollmacht mit gleicher Macht und Kraft aus. Niemand hat das Recht, diesen oder jenen anderen Propheten unterschiedlich zu behandeln. Soweit es um die Echtheit ihrer Botschaften geht, müssen alle Propheten gleichbedeutend sein. Diese Haltung des Islam anderen Religionen und ihren Gründern sowie Propheten geringerer Beachtung gegenüber ist ein äußerst wichtiges verbindendes und festigendes Element zwischen den verschiedenen Religionen. Der Grundsatz, demzufolge die Echtheit der Offenbarung eines jeden Propheten diegleiche Rechtsstellung genießt, kann als außerordentlich mächtige, verbindende Kraft genutzt werden um verschiedene Religionen zusammenzubringen. Dies wandelt die feindselige Haltung gegenüber den Offenbarungen anderer Propheten und anderer Religionen hin zu einer Haltung von Respekt und Ehrerbietung. Und genau das wiederum ist der eindeutige und folgerichtige Standpunkt des Heiligen Qur-ân. Der Islam strebt zwischenreligiösen Frieden und Harmonie an. Der Heilige Qur-ân sagt dazu:

 „Dieser Gesandte, der Heilige Prophet Mohammed, glaubt an das, was zu ihm herabgesandt wurde von seinem Herrn, und (also) die Gläubigen; sie alle glauben an Allah, und an seine Engel, und an seine Bücher, und an seine Gesandten (und sprechen): Wir machen keinen Unterschied zwischen seinen Gesandten; und sie sagen: Wir hören und wir gehorchen, uns Deine Vergebung, o unser Herr! und zu Dir ist die Heimkehr.“ (Sure 2 Al-Baqarah, Vers 286)

Einer der Gefährten des Propheten Mohammed wurde mit einem unerschütterlichen Anhänger des Propheten Jonas in ein ziemlich heftiges Gespräch verwickelt. Beide Gesprächspartner beanspruchten, dass ihr jeweiliger Prophet den anderen an Vortrefflichkeit um Weiten überrage. Es schien wohl so zu sein, dass der muslimische Vertreter seinen Anspruch auf eine Art und Weise vertrat, die die Gefühle des Gefolgsmannes von Jonas verletzte. Der Jonas-Anhänger trat an den Propheten Mohammed heran und beschwerte sich über den Muslimen. Der Prophet Mohammed sprach die Gemeinde im Allgemeinen an und gab die folgende Instruktion:  „Erklärt mich nicht für höherstehend als den Propheten Jonas (Yunus), den Sohn Mattahs.“ (Hadithen-Sammlung Al-Bidaya wan Nihaya Libni Kathir, Band 1, Seite 171)

Diese Haltung des Propheten Mohammed wird durch eine weitere Überlieferung (Hadith) gestützt, in der ein Muslim in eine ähnliche Auseinandersetzung mit einem Juden verwickelt war. Beide beanspruchten und gegenbeanspruchten die jeweilige Überlegenheit ihrer spirituellen Führer. Und wieder war es der nichtmuslimische Vertreter, der es für angebracht hielt, sich gegen das Verhalten seines muslimischen Gegenübers beim Propheten Mohammed zu beschweren. Der Heilige Prophet Mohammed reagierte mit seiner gewohnten Demut und Klugheit und lehrte die Muslime dieselbe Lektion in Anstand und Höflichkeit ein weiteres Mal, indem er sie ermahnte: „Tut nicht meinen Vorrang über Moses kund.“  (Al-Bidaya wan Nihaya Libni Kathir, Band 1, Seite 237, siehe auch Hadithen-Sammlung Bukhari)

Um es kurz zu machen, es gebührt alleine Gott, über den vergleichenden Rang an Nähe der verschiedenen Propheten zu Ihm zu entscheiden und zu bestimmen. So lehrt – religionsintern - ja auch der Apostel Matthäus in der Bibel (Matthäus 20:1-16), dass es im Gottesreich dereinst eine Belohnung für gutes Wirken auf der Erde geben wird, aber unter der wichtigen Einschränkung, dass die Maßstäbe der Gottesgnade gänzlich unterschiedlich zu den Mäßstäben der Menschen sind. Nur am Rande möchte ich – vergleichsweise – erwähnen, dass eine soziale Komponente dieser Parabel eher im koranischen Weinbergsgleichnis (Sure 18 Al-Kahf Verse 31-42) zu finden ist.

Es ist durchaus vorstellbar, dass Gott - in einem bestimmten Zeitalter und im Zusammenhang mit einer bestimmten Religion - sein Wohlgefallen mit dem Propheten der Zeit in so starken Worten ausgedrückt haben mag, dass er erklärte, dass jener der Beste sei. Übersteigerungen können im Zusammenhang einer begrenzten Anwendung in Zeit und Raum immerhin genauso bedingt benutzt werden. So etwas hätte die Anhängerschaft dieser prophetischen Persönlichkeit leicht dazu verführen können zu glauben, dass sie die Beste und Heiligste für alle Zeiten und bis in alle Ewigkeit sei. Daran wahrhaftig zu glauben sollte nicht als Beleidigung anderer verstanden werden. Eine moralische Haltung würde verlangen, dass derlei Fragen nicht dafür genutzt würden, um zwischen den Religionen Spannung zu erzeugen. Genau das ist die wahre Bedeutung der zuvor zitierten Ermahnung des Propheten Mohammed. Würde das Festhalten an diesem Prinzip von Demut und Anstand von allen Religionen übernommen, stünde die Welt religiöser Auseinandersetzung viel besser da.

Die Frage der Erlösung, wie unschuldig sie oberflächlich betrachtet auch immer aussehen mag, ist eine große Gefahr für den Frieden in der Welt der Religionen. Es ist eine Sache, wenn eine Religion verkündet, dass diejenigen, die danach trachten vor Satan gerettet zu werden und Erlösung zu erlangen, in den sicheren Hafen dieser Religion eilen sollen; dort würden sie Erlösung finden und ewige Befreiung von der Sünde. Es ist jedoch eine ganz andere Sache, wenn dieselbe Religion im nächsten Atemzug verkündet, dass diejenigen, die nicht bei ihr um Schutz nachsuchen, auf immer und ewig verdammt wären; was immer sie tun würden um Gott zu erfreuen, wie sehr auch immer sie ihren Schöpfer und seine Schöpfung lieben würden, wie sehr auch immer sie ein Leben voller Reinheit und Frömmigkeit leben würden - mit absoluter Sicherheit wären sie zu einem immerwährenden Feuer verdammt. Wenn eine derartig unbeugsame, engstirnige und unduldsame Ansicht ihren Ausdruck in herausfordernder Sprache findet, wie es im Allgemeinen bei religiösen Eiferern der Fall ist, weiß man, dass so etwas gewalttätige Ausschreitungen hervorruft.

Menschen sind sehr unterschiedlich. Einige sind gebildet, kultiviert und vornehm, und dementsprechend sind ihre Reaktionen gegenüber den Beleidigungen, die gegen sie erhoben werden. Indes gibt es die große Masse religiös fühlender Menschen, seien sie gebildet oder ungebildet, die wahrscheinlich gewalttätig handeln, wenn ihre religiösen Gefühle verletzt werden.
Unglücklicherweise scheint dies das Verhalten der Geistlichkeit fast aller Religionen in der Welt gegenüber denjenigen zu sein, die mit ihren Glaubensvorstellungen nicht einhergehen. Selbst der Islam wird von den meisten mittelalterlichen Gelehrten als die einzig offenstehende Tür zur Erlösung in dem Sinne dargestellt, dass allen Nachkommen Adams, die außerhalb des Islam gelebt haben und starben, die Erlösung verweigert wird. Das Christentum bietet keine andere Ansicht, noch - meines Wissens nach - irgendeine andere Religion. Doch versichere ich meiner Zuhörerschaft, dass die Zuschreibung dieser scheinheiligen und engstirnigen Anschauung zum Islam keinerlei Berechtigung besitzt. Der Heilige Qur-ân hat uns diesbezüglich eine gänzlich andere Geschichte mitzuteilen. Dem Heiligen Qur-ân zufolge kann Erlösung von keiner einzigen Religion auf der Welt als alleiniges Vorrecht beansprucht werden. Selbst wenn neue Wahrheiten offenbart werden und neue Zeitalter der Erleuchtung anbrächen, wird denjenigen, die ohne eigenes Verschulden ein Leben der Unkenntnis führen, wie auch denjenigen, die allgemeinhin versuchen, ein Leben der Wahrheit zu leben, obwohl sie Erben einer falschen Denkweise waren, die Erlösung seitens Gottes nicht verwehrt werden. Die folgenden Verse aus dem Heiligen Qur-ân erläutern diesen Punkt weiter: “Einem jeden Volke haben Wir Andachtsübungen gegeben, die sie befolgen; sie sollen daher nicht mit dir streiten in dieser Sache; sondern rufe (sie) zu deinem Herrn. Wahrlich, du folgst der rechten Führung.“ (Sure 22 Al-Hadsch, Vers 68)

In einem anderen Vers verkündet der Heilige Qur-ân im selben Zusammenhang:  „Jene, die geglaubt haben, und die Juden und die Sabäer und die Christen - wer da an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag und gute Werke tut -, keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern.“ (Sure 5 Al-Ma’edah Vers 70)

Lassen sie mich daran erinnern, dass, obwohl das Volk des Buches auf die Juden und Christen anwendbar ist, es von der Anlage her eine weit größere Anwendbarkeit beinhaltet. Im Zusammenhang mit der koranischen Zusicherung „und es gibt kein Volk, bei dem nicht früher schon ein Warner erschienen wäre“ (Sure 35 Al-Fatir, Vers 25) und ähnlicher zuvor zitierter Verse, verbleibt keinerlei Raum für Zweifel, dass dies nicht nur die Völker des Alten Testaments und der Evangelien, oder der Torah und der Apostelgeschichte waren, denen das Buch gegeben worden war, sondern dass zum Wohle der Menschen mit absoluter Sicherheit auch andere Bücher geoffenbart wurden. Also müssen sämtliche Religionen, die einen Anspruch darauf erheben, auf göttlicher Offenbarung zu beruhen, in den Begriff Volk des Buches miteingeschlossen werden.

Darüberhinaus benutzt der Heilige Qur-ân den Begriff Sabi, was den Sachverhalt weiter klärt und Zweifel zerstreut. Sabi ist ein Begriff, der von den Arabern auf alle Anhänger nicht-arabischer und nicht-semitischer Religionen angewendet wird, die ihre eigenen geoffenbarten Bücher besitzen. Als solches wurde den Anhängern aller Religionen die Zusicherung gewährt, vorausgesetzt, es gelingt ihnen nicht, die Wahrheit einer neuen Religion zu erkennen (ungeachtet ihrer aufrichtigen Versuche des Verstehens), und sie weiterhin ehrlich und wahrhaftig an den Werten ihrer überlieferten Religion festhalten, dass sie von Gott nichts zu befürchten haben und ihnen Erlösung nicht verweigert werden wird.

Der Heilige Qur-ân verspricht, wenn er von welcher Partei der Gläubigen auch immer spricht, den Juden, Christen und Sabäern: „... sie sollen ihren Lohn empfangen von ihrem Herrn, und keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern.“ (Sure 2 Al-Baqarah, Vers 63).

Im Heiligen Qur-ân heißt es weiter: „Und hätten sie die Thora befolgt und das Evangelium und was (nun) zu ihnen hinabgesandt ward von ihrem Herrn, sie würden sicherlich (von den guten Dingen) über ihnen und unter ihren Füßen essen. Es sind unter ihnen Leute, die Mäßigung einhalten; doch gar viele von ihnen - wahrlich, übel ist, was sie tun.“ (Sure 5 Al-Ma‘edah, Vers 67)

Um die Muslime davon abzuhalten, all jene, die nicht dem Islam angehören, aufs Geratewohl hin zu verurteilen, erklärt der Heilige Qur-ân kategorisch: „Sie sind nicht (alle) gleich. Unter dem Volke der Schrift ist eine Gemeinde, die (zu ihrem Vertrag) steht; sie sprechen Allahs Wort in den Stunden der Nacht und werfen sich nieder (vor Ihm). Sie glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und gebieten das Gute und verwehren das Böse und wetteifern miteinander in guten Werken. Und sie zählen zu den Rechtschaffenen. Und was sie Gutes tun, nimmer wird es ihnen bestritten; und Allah kennt die Gottesfürchtigkeit wohl.“ (Sure 3 Al-Imran Verse 114 – 116)

Heutzutage besteht ein großes Missverständnis, das aus dem jüngsten politischen Wetteifern zwischen Muslimen und Juden entstand, nämlich, dass dem Islam zufolge allen Juden die Hölle bestimmt sei. Dies ist angesichts dessen, was ich zuvor aus dem Heiligen Qur-ân zitiert habe, wie auch gleichermaßen angesichts des folgenden Verses, vollkommen falsch:  „Und unter dem Volke Moses‘ ist eine Gemeinde, die durch die Wahrheit den Weg findet und danach Gerechtigkeit übt.“  (Sure 7 Al-A‘raf, Vers 160).

Ansprache von Mustapha Köklükaya (ehemaliger Imam der türkischen DITIB Fatih-Moschee Dietzenbach) am 11. September 2002 in der Dietzenbacher Stadtbücherei anlässlich eines Gedenkens an die Opfer der Terroranschläge vom 11.09.2001

Auf unserem Planeten sind zwei alte Kontinente sehr bedeutsam: Asien und Europa. Diese beiden Kontinente haben voneinander viel gelernt und sich in Kultur, Zivilisation, Kunst, ja sogar im Glauben gegenseitig sehr stark beeinflusst. Insbesondere die rasante Entwicklung von Industrie und Technologie  ab der Mitte des 20.Jahrhunderts haben für eine Wanderung der Arbeitskräfte gesorgt. Viele Menschen aus verschiedenen Kultur- und Glaubenskreisen müssen seither zusammenleben. Die Globalisierung hat diese Entwicklung nochmals beschleunigt. Die Länder und Kontinente sind näher zusammengerückt. All diese Entwicklungen bauen zwischen Ost und West neue Brücken. Unter diesen Voraussetzungen bleibt den Menschen gar nichts anderes übrig als in Frieden zu leben und tolerant und offen zu sein. Die Menschen sind geschaffen worden in verschiedenen Rassen, Geschlechtern, Sprachen und Glaubensüberzeugungen, damit sie sich kennenlernen, zusammenkommen, Wissen, Waren und andere Dinge untereinander austauschen, und im Frieden zusammenleben. Alle Menschen aus allen Himmelsrichtungen der Welt müssen sich stark anstrengen, alle Taten zu vermeiden, die das Zusammenleben der Kulturen gefährden oder Spannungen zwischen den Kulturen hervorrufen können. Unsere Welt befindet sich in einem gefährlichen Fahrwasser, in dem die Liebe, die Freundschaftlichkeit, die Nachbarschaft, insbesondere der Frieden mindestens ebenso wichtig ist oder sein müsste wie die Wirtschaft und der Profit. In der Gesellschaft dürfen Unterschiede in der Rasse, in der Hautfarbe, im Geschlecht, in der Sprache, im Glauben, überhaupt in der Kultur keine Benachteiligungen oder Bevorzugungen zur Folge haben; sie müssen im Gegenteil als Bereicherung anerkannt werden. Die Menschen sollten nicht versuchen, andere zu assimilieren und die kulturelle Vielfalt zu zerstören. Die kulturelle Vielfalt einer Gesellschaft ist wie ein schöner Mischwald, den wir pflegen müssen. Wenn wir diesen Mischwald zerstören, berauben wir uns unseres Atems. Mein Glauben fordert mich auf, mich für einen globalen Frieden einzusetzen. Im heiligen Koran heißt es:

„Oh Ihr Gläubigen, schließt alle miteinander Frieden und folgt nicht dem Satan, weil der ein offener Feind für euch alle ist.“