Horst Schäfer: Dankrede für den Integrationspreis „Miteinander leben“

DANKREDE von Horst Schäfer anlässlich der Verleihung des Integrationspreises der Stiftung „Miteinander Leben“ des Kreises Offenbach am 4. November 2025 in Seligenstadt 

Geschätzter Herr Gabriel, Ihrem Musizieren zuzuhören ist nicht nur Genuss und Vergnügen, es stärkt und baut auf! Danke dafür.
Sehr geehrter Herr Landrat Quilling, sehr geehrte Bürgermeister, Erste und weitere Stadträte und Erste weitere Kreisbeigeordnete, sehr geehrte Mitglieder der parlamentarischen Gremien in Bund, Land und Gemeinden, liebe Mitglieder der Gremien und der Jury der Stiftung Miteinander leben, sehr geehrte Mandatsträger der öffentlichen Institutionen, liebe Freunde der Freiheit und der Vielfalt in der Demokratie, liebe Amtsträger und Freunde der Religionsgemeinschaften,  liebe Agnostiker und liebe Atheisten, geschätzte Inhaber eines aufrichtigen Gewissens, geschätzte Vertreter der freien Presse, liebe Gäste,

Ich möchte mich bedanken bei der Stiftung Miteinander leben für die hohe Auszeichnung, für Ihre wertschätzenden Worte, verehrter Herr Landrat Quilling, und geschätzter Bürgermeister Lang, bei den Mitgliedern der Jury, und natürlich bei denjenigen, die diese Auszeichnung angestoßen haben, beim evangelischen Dekanat Dreieich-Rodgau. Von ganzem Herzen bedanke ich mich bei Pfarrerin Sandra Scholz, die offenbar sehr gut in den Bewerbungsvorgang eingegeben hat, was mich ein Leben lang an- und umgetrieben hat und noch immer bewegt. Vielen Dank !

Als mir Anfang September die Stiftung mitteilte, die Jury habe entschieden, mir den diesjährigen Integrationspreis des Kreises Offenbach zu verleihen, war ich überrascht, verblüfft und ungläubig. Meine ersten Gedanken richteten sich auf den Raum, den dieser Preis abdeckt, den gesamten Kreis Offenbach mit seinen 13 Kommunen und seinen insgesamt ca. 360.000 Einwohnern, also 10 Mal größer als der der Stadt Dietzenbach. Ich war bis dahin der Auffassung, daß sich mein – erinnerungskulturell, vereinsorganisatorisch, zivil-karitativ und auch musikalisch geprägtes – Engagement hauptsächlich in und für meine Wohnstadt Dietzenbach auswirkte. Beim weiteren Nachdenken fiel mir aber auch ein, daß mein Engagement daneben auch kulturpolitisch, kunst-galeristisch, lexikalisch-feuilletonistisch, rechtswissenschaftlich, rechtspolitisch, städtepartnerschaftlich, und insbesondere religionsübergreifend geprägt war und ist. Diese Aspekte reichen über den kommunalen Raum dann weit hinaus.  Das könnten Gründe für die Auswahlentscheidung der Stiftungsjury des Kreises gewesen sein.

Und eine Auswahl dessen habe ich dann auch aus der Preisbegründung erfahren. Natürlich ist das eine sehr große Auszeichnung für mich, und ich will mich bemühen, den – diesem innewohnenden und zugrunde liegenden – Auftrag auch künftig noch gerecht zu werden. Denn Integration ist kein steriler Ist-Zustand. Und natürlich ist Integrationsbereitschaft für die Integration sehr förderlich. Aber Integration ist auch eine Haltung, und vor allem ein fortlaufender Prozess, der – wenn er nicht fortgeschrieben und vorangetrieben wird – schwere insbesondere soziale Folgen für Gesellschaft und Individuum haben wird.

Beim Blick auf diesen Integrationspreis anerkenne und respektiere ich auch die  Integrationsleistungen der Mitbewerber. Integrationsaktivitäten durch Einzelne, das funktioniert nicht, allenfalls individuell. Wenn ich mir die dauerhaften Integrationsinitiativen alleine des Integrationsbüros des Kreises Offenbach anschaue – allen voran Selver Erol und Semra Kanisicak – und auch die des evangelischen Dekanats Dreieich-Rodgau – namentlich Sandra Scholz –  sowie die des Kreisausländerbeiratsvorsitzenden Hüsamettin Eryilmaz ist mir um den Integrationsstand und um das gesellschaftliche Zusammenleben  hier nicht bange.

Das Thema Integration bezieht auch unsere jüdischen Mitbürger ein. Sie sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Diesem Thema habe ich mich – erinnerungskulturell – in den letzten Jahren sehr intensiv gewidmet. Wir alle sind – spätestens seit dem 7.Oktober 2023 – Zeugen einer weltweiten Zeitenwende. Das Massaker vom 7.Oktober 2023 wird im Gedächtnis der Menschheit weder verblassen noch gar entfallen. Daran ändert der Gaza-Deal vom 10.Oktober 2025 nichts. Der 7.Oktober 2023 war der schlimmste Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Er hat nicht nur berechtigte Existenzängste der Juden in Israel sondern auch erhebliche Sicherheitsbelastungen für Juden im Ausland, auch in Deutschland, ausgelöst. Woran liegt das? Nun, weil sehr viele Menschen weltweit – im Wissen um das Geschehen vor Ort – die Opfer zu Tätern machen, und zumindest billigend in Kauf nehmen oder sogar planen, daß es noch mehr israelische Opfer geben wird. Und so dreht sich die militärlogistische und auch die rhetorische Eskalationsspirale immer weiter, und erreicht inzwischen einen Punkt, an dem die Opfer dieser Auseinandersetzung gegeneinander ausgespielt werden. So als wären getötete Palästinenser beklagenswerter als ermordete Juden. Irrationaler, perfider,, perverser geht Denken nicht! Wer fällt auf diese Moral-Falle herein?

Damit ich recht verstanden werde: Das Übermaßverbot gilt – nach wie vor – sowohl im nationalen Recht als auch im Völkerrecht. Auch das war Thema meiner Gastvorlesungen an der Ryszard-Lazarski-Hochschule für Handel und Recht in Warschau vor etwa 20 Jahren.

Und was hat die Welt seit dieser Zeitenwende erlebt? Am 8.Oktober 2023:  jubelnde Menschen auf den Straßen von Beirut, Kairo, Teheran und Islamabad. Und seit dem Eingreifen des israelischen Militärs in Gaza: protestierende Israelis auf den Straßen von Tel Aviv und Protestdemonstrationen in der westlichen Welt gegen diesen militärischen Selbstverteidigungsakt, mit dem fröhlichen Vernichtungslied „From the river to the sea“ auf den Lippen. Wohin zeigt der ethische Kompass der Welt? Gibt es jetzt nicht nur zweierlei Wahrheiten sondern auch zweierlei Ethik?

Und wohin hat der 7.Oktober 2023 außerhalb Israels noch geführt? Etwa zur weltweiten Ächtung des Antisemitismus und seiner tödlichen Folgen? Im Gegenteil. Im ersten Jahr nach diesem Datum sind die antisemitischen Vorfälle in Deutschland um 77 % angestiegen. Das sind 24 antisemitische Vorfälle pro Tag! Wer kann das ertragen?

Daniel Neumann, der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen, beklagte Anfang Oktober d.J. eine gesellschaftliche Haltung, die er mit „Empathie-Verweigerung, Gleichgültigkeit und Gefühlskälte gegenüber jüdischen Menschen“ umschreibt. „Jüdisches Leben ist in unserer Gesellschaft offensichtlich wenig wert“, meinte er. 

Alon Meyer, der Präsident des jüdischen Sportvereins TuS Makkabi Frankfurt a.M. und Präsident des Dachverbandes Makkabi Deutschland, sagte vor 1 Woche bei einer Freimaurer-Veranstaltung in Offenbach a.M.: „Viele Juden in Deutschland haben schon wieder ihre Koffer gepackt und Vorsorge für ihre Ausreise getroffen.“

Diese Beschreibungen können nur erschrecken und frustrieren.

Das gesellschaftliche Klima wird auch angeheizt durch eine grassierende und offenbar ansteckende moralische Rhetorik. Beispiel:
„Das Land R ist korrupt! Entgegnung:  Aber das sind sie in anderen Ländern doch auch!“  Oder: „Was halten Sie von Herrn Putin?“ – „Oh, Mr. Putin ist ein genialer Führer!“ – „Ist er nicht ein Mörder?“ Ja, doch! Aber das sind wir – irgendwie – doch alle!“

Solche Art Rhetorik lässt sich mit hiesiger Steuerkriminalität oder – schlimmer noch – mit Rhetorik aus dem Gaza-Krieg fortsetzen.Dazu mahnt die Politologin Anne Applebaum, die letztjährige Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels: „Diese moralische Gleichmacherei höhlt jede Überzeugung, jede Hoffnung und jeden Glauben aus, daß wir die Ideale unserer rechtsstaatlich verfassten Grundrechte und bürgerlichen Freiheiten umsetzen können.“

Diesem gesellschaftlichen Klima muss man entgegenwirken. Hilfreiche Ratschläge erteilte Stéphane Hessel, ehemals Gefangener im KZ Buchenwald und Mitverfasser der UN-Menschenrechtskonvention. Er riet der Welt: „’Ohne mich‘ ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann. Seid nicht gleichgültig, denn Gleichgültigkeit tötet.“

Vor einer Woche forderte auf dem Nell-Breuning-Symposium in Ober-Roden der Politikwissenschaftler Michael Bossong zu engagiertem Eintreten für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf. Er meinte wörtlich: „Einfach zu sagen ‚es bringt nichts!‘ ist unverantwortlich!“ Dem kann ich nur beipflichten.

Sie haben es gewiss bemerkt: Viele meiner Aktivitäten – zum Brückenbau, zur Darstellung und Wertschätzung von Vielfalt, zum wechselseitigen Verständnis, zum Erlernen und Verstehen des Fremden, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – greifen auf das Mittel der Kunst zurück.

„Kunst wird die Welt mehr verändern als die Politik,“ plauderte im April 1998 der Schriftsteller Václav Havel – damals tschechischer Staatspräsident – in einem Interview mit der Tageszeitung Frankfurter Rundschau aus seiner Lebenserfahrung. Václav Havel ist mit dieser Meinung nicht alleine.

Das meint auch der vom Gaza-Krieg durchgeschüttelte und von den TikTok- und Instagram-Kommentarspalten frustrierte jüdisch-deutsche Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy in einem aktuellen Interview mit dem Darmstädter Echo vom 11.Oktober 2025. „Ich glaube an die Demokratie. Aber vor allem glaube ich an die Kunst. Punkt.“

Sie haben gewiss erkannt: Auch und gerade Kunst ist ein höchst wichtiges Mittel für Integration. Kunst ist – wie insbesondere auch die Erinnerungskultur – ein Grundpfeiler einer – auf bürgerlichen Freiheitsrechten ruhenden – gerechten – demokratischen Gesellschaft.

Ein anderes wichtiges Mittel und Ventil der Kultur ist aber auch der Humor und der Witz. Nicht zufällig findet man auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach www.ARDietzenbach.de – neben allen Dietzenbacher Friedensgebeten, bemerkenswerten und viel gelesenen Predigten, Reden und und Essays zur Völkerverständigung – auch Beiträge zu Humor und Witz in allen drei großen Buchreligionen. Und mit einem – auch nicht zufällig – jüdischen Witz möchte ich meine Dankrede beenden.

Die russisch-orthodoxen Geistlichen tragen bekanntlich Bärte, auch ihre Kleidung macht sie den Juden ähnlich. Eines Tages spazierte ein russischer Bischof durch eine ausländische Stadt. Die Buben hielten ihn für einen Juden und warfen Steine und Tiermist auf ihn. Nur mit Mühe konnte er sich aus ihrer Mitte befreien. Er flüchtete in das Haus eines Juden und klagte ihm sein Leid. „Wir Juden“, meinte der schutzgebende Hausherr, „kennen das schon zweitausend Jahre!“

Ich würde zurückhaltenden Beifall an dieser Stelle gut verstehen!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.