Oliver Schäfer: “Für eine offene Stadt”

Oliver Schäfer: “Für eine offene Stadt” – Ansprache zum “Ökumenischen Gebet für die Stadt” am Dietzenbacher Marterl (27. Mai 2024)

Liebe Schwestern und Brüder,

„Vor den Toren unserer Stadt“ ist die Überschrift unseres Gottesdienstes heute. Und wir befinden uns ja hier sozusagen vor den Toren unserer Stadt. Das alte Stadttor in Dietzenbach ist vielleicht noch ein Hinweis darauf, dass früher Städte durch ihre Tore gesichert wurden. Ansonsten ist es eine offene Stadt, ja wir dürfen in unserem Fall sogar eine weltoffene Stadt sagen. In vergangenen Zeiten hatten Stadttore eine tiefe Bedeutung, und das nicht erst seit dem Mittelalter. Allein die Bibel kennt unendlich viele Ereignisse, die sich an Stadttoren abspielten. Es war der Ort, wo Gericht gehalten wurde und andere Entscheidungen getroffen wurden. An den Stadttoren saßen die Bettler und die Neugierigen, denn durch diese Pforte, durch diese Schleuse, mussten die Menschen hinein und auch wieder hinaus, wenn sie in der Stadt Handel treiben, einkaufen oder Feste besuchen wollten. Was wäre zum Beispiel aus dem blinden Bartimäus geworden, wenn er nicht am Stadttor gesessen hätte, sondern in irgendeinem Winkel der Stadt? Hätte er gemerkt, dass Jesus an ihm vorüberging?

Spätestens aber seit dem Mittelalter bekam das Stadttor in Verbindung mit der Stadtmauer einen Aspekt der Sicherheit und der Abgrenzung. Das Tor bildete sozusagen den Durchgang durch diese Mauer, den man gut kontrollieren konnte. Und nachts wurde das Tor verschlossen, damit niemand ungesehen und unkontrolliert in die Stadt hinein konnte. Der Begriff des Torwächters, der ist uns ja auch aus der Bibel bekannt.

Drin zu sein, in der Stadt, bedeutete Sicherheit, Kontrolle und auch Versorgung von Mensch und Tier. Draußen zu sein, vor den Toren, zumal bei Nacht, bedeutete oft Gefahr und dass man der Natur und eventuell räuberischen Banden ausgesetzt war, vielleicht auch ohne Wasserstelle, also ohne das Lebensnotwendige.

Heute dienen Stadttore höchstens noch für geschichtliche Rundgänge oder sie geben Gasthäusern schöne Namen „Am alten Stadttor“, das hört sich doch wirklich gut an. Heute aber, so meine ich, haben wir andere Mechanismen, die die Rolle von Toren und Mauern einnehmen. Sich schützen wollen, sich abgrenzen, andere draußen lassen, das sind längst Themen, die sich die Politik zu eigen gemacht hat. Gefahr, die von außen zu drohen scheint, und der Ruf nach Abschottung überlagern stellenweise viele andere Themen. Angst, das wussten die Politikerinnen und Politiker aller Zeiten, verbunden mit Feindbildern, waren schon von jeher ein wirksames Mittel, um Stimmen zu fangen. Beim Anblick von so manchem Wahlplakat wird mir jedes Mal wieder Angst oder gar übel. Deutschland hatte seine Mauer, Israel hat sie noch und in Amerika ist es halt ein Zaun nach Mexiko hin. Und die Küsten des Mittelmeeres, dem großen Massengrab der Flüchtenden stehen für sich. Wo die Mauern sind, das sehen wir, Mauern zwischen Völkern, aber auch zwischen Einzelnen. Wo aber sind die Tore? Wo ist noch eine Begegnung jenseits der Abschottung möglich?

Ich möchte diese Frage und dieses politische Thema zunächst einmal so stehen lassen und mit Ihnen auf das Evangelium schauen. Dort heißt es im Johannes-Evangelium:

Am Abend desselben Tages hatten sich alle Jünger versammelt. Aus Angst vor den führenden Juden hatten sie die Türen fest verschlossen. Plötzlich kam Jesus zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und grüßte sie: <Friede sei mit euch!> Dann zeigte er ihnen die Wunden an seinen Händen und an seiner Seite. Als die Jünger ihren Herrn sahen, freuten sie sich sehr. Jesus sagte noch einmal: <Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!> (Johannes 20, 19-21)

Auch hier schließen sich Menschen ein, vielleicht haben sie auch schon im wahrsten Sinne des Wortes „abgeschlossen“ mit dem, was sie einst getragen und ihnen die Angst genommen hatte: der Glaube an Jesus Christus. Die Jünger hatten die Türen verschlossen, und sie hatten Angst, heißt es. Das kennen wir: Wenn wir Angst haben, machen wir dicht. Ich will nicht behaupten, dass diese Menschen, die sich da eingeschlossen hatten, keinen Grund hatten um Angst zu haben: In der Apostelgeschichte hören wir, dass Saulus gegen die Christen wütet, Stephanus wird gesteinigt – all das ist ein Grund zur Furcht. Aber wir erfahren in diesem Abschnitt des Johannes-Evangeliums über die Ereignisse der Anfänge der Kirche hinaus auch ein paar Hinweise auf die Kirche von heute:

Auch wir als Glaubensgemeinschaften scheinen ja eher den Blick nach innen, auf unsere eigene Gemeinschaft gerichtet zu haben als auf die Menschen allgemein. Wir beschäftigen uns mit Strukturen, Gebieten und Gebäuden, und auch das ist ja eine Art Rückzug, ein sich Verschließen vor dem was „draußen“ die Menschen beschäftigt. Bedienen wir nicht auch vorrangig einen „inner circle“, die Rumpfmannschaft, und vergessen somit den Auftrag unseres Stifters, der uns aufgefordert hat, hinaus in alle Welt zu gehen und die Frohe Botschaft, ja sie haben richtig verstanden: FROHE! zu verkünden und nicht das Gejammer, dass wir immer weniger werden? In der Offenbach–Post gibt es auf der Titelseite oben links immer den Ein – Spruch, wo ein einzelner Satz einer prominenten Person auftaucht. In der vergangenen Woche wurde dort der Verteidigungsminister Pistorius mit dem Satz sinngemäß zitiert, die Kirchen sollten sich weniger um den eigenen Selbsterhalt kümmern als um die Menschen. Sind wir noch offen für andere?

Nun gut, sicher würden wir dem Verteidigungsminister entgegnen können, er möge doch gerade in seinem Ressort einmal Ordnung schaffen und bei dem Zustand dieser Bundeswehr sei es leicht offen zu sein – vor allem für alle eventuellen Feinde, die in unser Land einfallen könnten. Aber zumindest nimmt die Gesellschaft wahr, dass sich Kirche scheinbar auf dem Rückzug befindet, auf dem Rückzug der Gesellschaft und sich einschließt, eben mit sich selbst beschäftigt.

Es ist die Angst, die dazu führt, dass man sich einschließt, andere nicht hinein lässt. Damals in Jerusalem wie heute. Die einen in der Kirche haben Angst vor Fundamentalismus, die anderen vor Reformen. Die einen fürchten um ihre Traditionen, um ihr „Früher war es doch so schön“, die anderen fürchten, dass die Kirche nicht mehr zeitgemäß ist. Man reibt sich an Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten.

Im Philipperbrief sagt uns Paulus, dass wir nicht einen Geist der Verzagtheit bekommen haben. Was ist daraus geworden? Jede und jeder von uns darf sich fragen, wo wir unsere Türen und Tore verschlossen halten, was unsere Ängste und Sorgen sind, und wo wir uns verschließen – vor den Ansprüchen der Welt, aber auch vor der Botschaft Jesu, die eine frohe sein will.

Jesus schaffte es damals, in die Mitte der Jünger zu gelangen, in die Mitte ihres Lebens. durch ihre verschlossenen Türen hindurch, in ihre Angst hinein. „Der Friede sei mit euch!“,, das sagt er ihnen gleich zweimal. Nicht die Angst und die Aufregung sei mit euch, sondern der Friede. Und wie oft hören wir ihn in der Bibel sagen: „Fürchtet euch nicht, oder „Ihr Kleingläubigen, warum habt ihr solche Angst?“ Und in Jerusalem, da, wo sie sich in ihren eigenen Ängsten verschlossen halten und um die eigenen Befindlichkeiten drehen, da zeigt er ihnen seine Wunden. „Ich weiß doch um eure Ängste und Befürchtungen“, bedeutet er ihnen, „aber diese Wunden können über – wunden werden. Empfangt den Heiligen Geist, den heilenden Geist. Ich sende euch in die Welt, vor die Tore, heraus aus dem eigenen Dunstkreis.

Liebe Schwestern und Brüder, als Getaufte sind wir Trägerinnen, Träger dieses Geistes Gottes, sind berufen und gesandt. Wir müssen uns entscheiden, ob wir in diesen Angst machenden Zeiten Jesus durch unsere Tore hineinlassen und ob wir seinem Auftrag folgen, an die Hecken und Zäune zu gehen, ja auch vor die Tore und Mauern dessen, was uns vermeintlich Sicherheit gibt, was unsere Komfortzone ist, oder ob wir uns immer weiter zurückziehen und damit beschäftigt sind, unsere Wunden zu lecken. Wollen wir eine Glut am Leben erhalten und entfachen oder einfach nur noch die Asche anbeten.

„Empfangt den Heiligen Geist“, Dieser Satz Jesu ist eine Verheißung an uns, immer wieder neu. Aber er ist auch eine Aufforderung an uns. Ich wünsche uns diesen Geist, ich wünsche uns, dass wir uns unserer Berufung als Christen, unserer Würde bewusst sind und dass wir offener werden für das heute. Dieser Geist hat einst eine ganze Welt erschaffen, hat aus Ackerboden menschliches Leben entfacht und an Pfingsten eine Bewegung unvorstellbaren Ausmaßes hervorgebracht. So wird er auch in der Lage sein, uns Kraft, Freude und Zuversicht zu schenken, uns zu öffnen und auf andere zugehen zu lassen.

Diese Offenheit wünsche ich der Kirche, unserer Stadt und uns hier vor den Toren der Stadt. Und das war meine Feldpredigt. Amen.

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